Märchenstunde

Dieser Comic ist aus einem Chat entstanden, bei dem es – unter anderem – darum ging, wie Erzählweisen angepasst werden; damit über haupt zugehört wird. (Danke dafür!)
Es ging auch um die beleidigten, aggressiven und abwehrenden Reaktionen, wenn eins nicht mehr die_der Märchenerzähler_in sein will. Die könnt Ihr Euch dazu denken.

maerchenstunde

Auf der technischen Seite: Photoshop und ich werden nur eingeschränkt Freund_innen… hab lieber wieder von Hand coloriert :)

Creative Commons Lizenzvertrag
Maerchenstunde von ClaraRosa ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Zum „sliding scale“ und meinen Problemen damit.

Bei vielen Veranstaltungen oder KüFa´s (Küche für alle) gibt es mittlerweile Bezahlung nach Selbsteinschätzung. Das heißt, dass es mir überlassen ist, wie viel ich zahlen möchte/kann/will. In der Regel wird eine bestimmte Spanne zur Orientierung vorgegeben. Das ist im Grunde eine gute Idee. Nur – woran misst es sich, wer wie viel bezahlen kann – oder will?

Bei einem Brunch, den ich lange mitorganisiert habe, haben wir mit Begleittexten darauf aufmerksam gemacht, was der Brunch mit Betriebskosten, (unter)bezahlter Arbeitskraft, Material (und Mehreinkauf) und Miete kostet. Daraus haben wir eine Spanne errechnet, bei der die Mitte unsere Ausgaben decken würde und darauf hingewiesen, dass wir uns wünschen, dass sich alle einen Brunch leisten können – und deswegen die mit mehr Geld – bitte – auch mehr zahlen sollten. Solidarische Umverteilung also.

In der Realität sah das so aus, dass viele auf die Frage „Was zahlst Du für den Brunch?“ mit einem Aufzählen der Dinge, die sie gegessen hatten, Servicebeschwerden (!) oder Überforderung reagierten. Das heißt, dass der sliding scale nicht als Möglichkeit einer solidarischen Praxis gelesen wurde, sondern in einer kapitalistischen „Ich hatte nur ein Brötchen, deswegen zahl ich weniger“ – oder gleich als „mein Kaffee kam erst nach 10 Minuten und die Tresenkraft hat nicht gelächelt“-Servicebewertungs-Logik.

Von den Leuten, die mit ganzen Gruppen kamen und für das Bandfrühstück der Kappellen vom Vorabend, wo der Eintritt 8 Euro kosten sollte (fix!) abgezählt den Minimalbetrag auf den Tresen legten ganz zu schweigen. (Ja – es ist eine kleine, kleine Szene – und sowas macht schlechte Laune…)

Mein Glaube in freiwillige, solidarische Umverteilung ist seitdem ganz schön erschüttert. Dazu kommt, dass die meisten Menschen, die in Armut oder in der Arbeiter_innenklasse aufwachsen in der Regel mehr als den Minimalbetrag zahlen (wollen), obwohl sie diejenigen wären, an die sich das Angebot richtet. Marcia Hill schreibt dazu in „Classism and feminist therapy“ („Klassismus und feministische Therapie“)

“.. viele Leute mit Armuts – oder Arbeiter*innenklassenhintergrund [sind] besonders gewissenhaft bei meiner Bezahlung, weil sie wissen, wie wichtig es ist für die eigene Arbeit bezahlt zu werden und sind stolz, in der Lage zu sein, ihre Rechnungen zu bezahlen. Ich verhandle Preise mit meinen Klient*innen, und ich habe oft erlebt, dass es für die, mit mehr (aber limitierten) Ressourcen, ziemlich einfach war, weniger als den vollen Preis zu zahlen, weil sie sich zu solchen Ermäßigungen berechtigt fühlten. Leute mit weniger Geld können es sehr schwierig finden, das, was sie als Almosen empfinden, anzunehmen, und ich habe mich schon in der komischen Situation befunden, jemanden zu bereden, weniger zu zahlen.“

Diese Beobachtung, dass diejenigen mit mehr materiellen Mitteln sich zu Ermäßigungen berechtigt sehen, habe ich oft gemacht. Dabei wird kein Unterschied gemacht, ob es darum geht, dem Staat und dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen (Super!) oder Menschen aus dem eigenen politischen Umfeld auszubeuten.

Marcia Hill vermutet, dass Menschen mit materiellen Ressourcen sich für ihre Privilegien schämen und dass sie aus Angst vor Neid – oder Ärger – zu dem Thema schweigen (und die Gewohnheit an materielle Ressourcen dies einfacher macht ). Nun gibt es also ein beidseitiges Schweigen: die ohne Geld zahlen lieber mehr – aus Angst vor Armuts-Outings, aus Stolz oder aus Solidarität und die mit Geld zahlen weniger, auch aus Angst vor Outings und dem Ausnutzen der Tatsache, dass im Gegensatz zur – vorgeblichen – Scham über Privilegien, die Scham über das Ausnutzen solidarisch organisierter Strukturen meist ausbleibt.

Sliding scales – oder auch gestaffelte Bezahlungen – sind keine neue Idee. Vom Zeitungsabonnement, über das Nahverkehrsticket bis hin zum Veranstaltungseintritt kann – teilweise nach Selbsteinschätzung, teilweise mit Nachweisen, gespart werden. Dass die Selbsteinschätzung nicht mein_e Freund_in ist, habe ich nun schon deutlich gemacht. Allerdings habe ich auch ein Problem mit einer Praxis, in der Nachweise gefordert werden.

Solange es nicht der Studierendenausweis ist, der auf eine bestimmte, bildungsprivilegierte Position hinweist, der nichts – aber auch gar nichts – über die materielle Situation einer Person aussagt und der nicht mit dem Stigma sozialer Ausgrenzung verbunden ist, kann das Vorzeigen von Nachweisen mit Scham und Outings verbunden sein. Wer möchte schon gern im Opernhaus den Hartz IV-Bescheid zücken? Oder im Sportverein die Person sein, die immer weniger einzahlt?

Ich habe letztes Wochenende den Versuch gemacht, eine – nachweisfreie – Spendenempfehlung für ein Zine, das ich aus verschiedenen Blogtexten und Zitaten zusammengestellt habe, zu erstellen – ganz glücklich bin ich damit nicht, weil der Outingfaktor auch hier nicht wegfällt…. Die Spendenempfehlung hatte zwei Achsen: „soziale Herkunft“ und „Bildungsprivilegien“. An dem einen Ende der Achse „soziale Herkunft“ stand „Mittelschicht, besitzende Klasse,..“, am anderen „arm, Arbeiter_innenklasse,…“. Bei „Bildungsprivilegien“ gab es am einen Ende „“Ungelernte, Angestellte,…“ und den gegenüber „studiert, akademisch, Handwerker_innen mit Abitur…“ (letztere werde ich noch einmal in einem gesonderten Text aufgreifen). Die Spendenempfehlung generierte sich dann aus der Stellung in diesem Koordinatensystem zwischen 0,00 € (oder Spende) und 1,50 € (oder mehr).

Die oben genannten Punkte machen es mir schwer auszuwerten, welche Gruppe für das Heft nun wie viel gezahlt hat. Und ich hoffe schwer, dass die fehlenden Hefte von den Leuten mitgenommen wurden, denen ich es von Herzen gern geschenkt hätte. Aber die haben wahrscheinlich (zu viel) dafür bezahlt.

Spendenempfehlung

Das Zine gibt es zum online-anschauen hier.

3 Jahre Class Matters

Ja – auch wenn ich meinen Bloggeburtstag konsequent verpasse fiel mir heute auf, dass es Class Matters jetzt 3 Jahre gibt. Zeit für ein kleines Resümee.

Die Beitragsfrequenz ist seit es die facebook-Seite gibt deutlich zurück gegangen – das hat nicht nur was mit Schreibfaulheit zu tun, sondern auch mit dem einfachen Fakt, dass ich mich gern verstecke. Hinter anderen Blogs, Links und Texten, die nicht von mir sind. Ist weniger Angriffsfläche, lässt sich zwischen Morgenkaffee und Arbeitsbeginn in die Bahnfahrt pressen und kostet mich weniger Kraft. Deshalb hab ich heimlich, still und leise auch eine Seite mit Zitaten hier eingerichtet, wo ich die Dinge, die ich bei facebook zitiere, auch hier poste. Es wird ein ungeordnetes Sammelsurium bleiben – eine kleine Empowerment-Fundgrube. :)

Da Class Matters ein Solo-Projekt ist, deale ich mit den Begleiterscheinungen dieses Blogs auch weitestgehend alleine. Die Reaktionen auf Class Matters sind unterschiedlich – sie reichen von enthusiastischem Zuspruch über paternalisierenden Spott bis hin zum Vorwurf die Konterrevolution in Persona zu sein. Und alles dazwischen. Als Zuspruch getarnten Paternalismus gibt es auch.

Da „Class Matters“ in erster Linie ein Empowerment-Projekt sein soll und ich meine Kraft dafür brauche, antworte ich auf den meisten Schmarrn, der sich unter dem Label „Klassismus“ zurechtphantasiert wird nicht. Auch wenn mich der Vorwurf, dass ich nur möchte, dass alle „nett zu den Armen“ sind, lange beschäftigt hat. Wie um alles in der Welt kann die Forderung danach, die Menschen, die am negativsten von den Auswirkungen von Kapitalismus betroffen sind, in Sprechpositionen bringen zu wollen und die, die eh die ganze Zeit reden zu bitten mal zuzuhören, dazu führen, dass Menschen sich aufführen, als würde ihnen der Revolutions-Definitions-Lolli weggenommen werden? Wie gesagt: Ich diskutiere da(s) nicht. Das ist nicht meine Bühne und auch nicht der Ort, wo ich meine politische Kraft verpulvern will. Vielleicht nach der Revolution mal schauen.

Da ich ja ab und zu ein Buch lese, damit mir nicht vorgeworfen werden kann, ich würde mir hier alles aus den Fingern saugen, sei an der Stelle auf Nancy Fraser und die Debatte um Umverteilung und Anerkennung verwiesen. Falls ich mich hier nicht klar genug ausdrücken sollte: So in etwa ist das gemeint. Nicht als gegeneinander-denken, sondern zusammen.

Ich hab mit 2 Jobs und einer daraus resultierenden 45-Stunden-Woche herzlich wenig Zeit, mich über Giftspritzerei zu ärgern und stundenlang am Rechner rumzuargumentieren. Eine tolle Person aus meinem Umfeld sagte mal: Wenn ich in eine gewaltvolle Situation gerate (und die meisten Internetdebatten sind gewaltvoll), dann gehe ich weg. Wenn es geht. Meine Freund_innen heißen deshalb hier: „ignore“, „delete“ und „block“.

Ich habe keinen Spaß daran, mich unbeliebt zu machen. Klassismus zu thematisieren, heißt auf Unverständnis zu stoßen, gegen Widerstands-Wände zu rennen und lächerlich gemacht zu werden – aber auch: Langsam eine kleine Community von Menschen kennen zu lernen, denen es ähnlich geht – und für die es wichtig ist sich auszutauschen.

Für diese kleine Community wird es Class Matters noch weiter geben. Wahrscheinlich noch mal 3 Jahre. Oder mehr.

Und zum Geburtstag schenk ich mir eine deaktivierte Kommentarfunktion.

Happy Birthday to me!

Wir haben doch alle kein… oder?

Nach langer Zeit mal wieder mein Senf in Comicform. Viel Spaß.

Kein_Geld_1

Kein_Geld_2

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Kein Geld? von Clara Rosa ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Hömma zu.

oder: Vielleicht kann mich datt ja ma wer verklickern wie dat mit die kwiere kommjunity funzen soll, wenn die datt nich ma richtich hinkrijen sich jejenseitich zuzuhöan, ohne dat die nen Lachkrampf kriejen wenn datt nich irjendwie na Uni klingt.

Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Mein Dialekt ist Platt. Ruhrplatt. Oder: Mein Dialekt WAR Ruhrplatt.

Mit dem Erwerb einer so genannten „höheren Bildung“ habe ich mir diesen Dialekt abtrainiert. Nicht bewusst – niemand kam daher und hat mir gesagt, dass ich so nicht sprechen soll. Es war einfach klar, dass eine gebildete Person „Hochdeutsch“ spricht. „Hochdeutsch“ = gebildet, „Plattdeutsch“ = ungebildet. Das sind einfache Gleichungen, die nicht über Ge- und Verbote organisiert werden, die Regeln sind unausgesprochen.

Oder um das noch mal in Unisprache zu zitieren (ich geb mir ja Mühe mich für alle verständlich zu machen):

„Erlangt eine besondere Sprache oder Kultur Allgemeinheit, hat dies zur Folge, daß alle anderen in die Besonderheit zurückverwiesen werden, und leistet außerdem, da die Verallgemeinerung des Zugangs zu den Mitteln einhergeht, ihnen zu genügen, der Monopolisierung des Allgemeinen durch einige wenige und der Enteignung aller anderen Vorschub, die damit in gewisser Weise in ihrem Menschsein versehrt sind.“ (Bourdieu)

In der Uni Ruhrplatt zu sprechen wäre für mich undenkbar gewesen. Ich war viel zu sehr darum bemüht, so „intelligent“ und „gebildet“ – sprich mit einer Menge an Daten und Wissen, die als wissens- und anerkennenswert gelten, ausgestattet – zu erscheinen, wie meine Kommiliton_innen. Viele der WorkingClass/PovertyClass-Studierenden, mit denen ich spreche, haben in der Uni das Gefühl, ständig zu „faken“, am falschen Platz zu sein und irgendwann „enttarnt“ zu werden. Sich dann noch mit einem Dialekt zu entblößen käme für die meisten nicht in Frage.

Eine der häufigsten Reaktionen auf meinen Dialekt ist: Lachen. Unabhängig vom Thema. Irgendwann entgleist meinen Gegenübern immer das Gesicht, wenn sie Platt hören. Sie „meinen das dann nicht böse“ – können sich aber vor lauter Amüsement nicht mehr auf das Gesagte konzentrieren. Bei einer Spoken-Word-Show zu einem völlig anderen Thema sprach eine der Personen kölschen Dialekt. Völlig unvermittelt. In einem Stück, dass sich mit Genderthemen befasste. Großer Lacher. Nun wäre ich eine der letzten Personen, die sich darüber beschweren würde, dass gelacht wird – ich würde mir sogar wünschen, dass öfter, lauter und herzlicher gelacht würde – aber in diesen Situationen geht der gefühlte Witz am Respekt vorbei und ist schlicht nicht lustig.

Ich beziehe mich ja oft und gern auf den Mikrokosmos der queeren Szene in Berlin, der m.E. von vorne bis hinten durchakademisiert ist und die habituellen Gepflogenheiten aus der Uni in die vermeintlich „alternativen“ Räume mit der gleichen Brutalität, Arroganz und Ignoranz hereingetragen werden wie in Seminarräume. Meinem direkten sozialen Umfeld hab ich mittlerweile vermitteln können, das es verletzend und respektlos ist, wegen eines Dialekts die Inhalte von Gesagtem nicht mehr wahr zu nehmen. Wäre schön wenn es auch noch beim Rest ankommt.