Staatskinder

An der einen oder anderen Stelle habe ich ja schon mal erwähnt, dass ich einen nicht unerheblichen Teil meiner Jugend in einem Heim verbracht habe. Das gehört zu den Dingen, die ich in Alltagsgesprächen gern auslasse (siehe hier warum). Ein Vortrag von Lemn Sissay „A child of the state“ („Ein Kind des Staates“) lässt mich nun aber seit einigen Wochen nicht mehr los. Viele der Dinge, die er sagt treffen mich direkt ins Herz.

18 Jahre hat er in „Care“ (ich benutze den Begriff als umfassenden Begriff für alle möglichen Formen der Jugendhilfe, von Heimunterbringungen über Pflegefamilien bis hin zu betreutem Einzelwohnen) verbracht. „I´m reporting back“ — sagt er. „Ich erstatte Bericht“, wie er das Care-System sieht. Seiner Auffassung nach tritt der Staat an Stelle der Familie, als Fürsorgetragender. Er beschreibt Kinder im Care-System als Kinder, die besondere Fürsorge brauchen, die es verdient haben – gerade wegen der besonderen Verletzbarkeit, der sie ausgesetzt sind – in dem Moment, in dem sie in das System kommen sicher zu sein, sich sicher und geliebt zu fühlen – und nicht wie eine besondere Bedrohung. Lemn Sissay schlägt vor, Kinder in Care so zu behandeln, als wären es unsere eigenen Kinder, das beste für sie zu fordern – die beste Ausbildung, die beste Therapie und die besten Möglichkeiten.

Wie viele Kinder in Care hat Lemn Sissay den Satz „You are a great survivor“ („Du bist ein großartiger Überlebender“) bis zum Erbrechen gehört. Er erwidert darauf: „Ich möchte nicht überleben – ich möchte leben!“. Am liebsten würde ich hier den ganzen Text transkribieren und übersetzen, weil er so toll ist. Das Care-System umwerfen will er, die Perspektive auf Heim-/Pflegekinder verändern – von bemitleidendem von oben herab zu einer Kultur des Respekts. „Diese Kinder sind Stars!“ sagt er. Auch wenn – oder gerade wenn – sie ihr Trauma wegtreten, wüten, schreien und boxen.

Realitätscheck: In den meisten Fällen ist das nicht so. Als Kind in das Care-System geworfen zu werden kann eine Reihe von weiteren Traumatisierungen nach sich ziehen. Molly McGrath Tierney beschreibt in einem Vortrag das staatliche Wirtschaftssystem, das hinter Pflegefamilien steht und wie in vielen Fällen eine Kindesentnahme (ja, so heißt das) verhindert werden könnte, wenn auf die Probleme in der Herkunftsfamilie früher und anders regiert werden würde. Ich möchte keine Diskussion darüber führen, ob und wann es sinnvoll wäre, ein Kind aus der Familie zu nehmen – ich möchte aber den Punkt von Molly McGrath Tierney stärken, dass ein Umdenken weg von einer Pflegekinderindustrie die Zahl der Kindesentnahmen drastisch senken könnte.

Die Gratwanderung zwischen Lemn Sissay und Molly McGrath Tierney ist, dass Lemn Sissay ein Care-System vorschlägt, in dem Care-Gebende – Erzieher_innen, Sozialarbeiter_innen, Jungendamtmitarbeiter_innen – hemmungslos und grenzenlos parteilich und empathisch mit den Ihnen Anvertrauten Kindern und Jugendlichen sind, während Molly McGrath Tierney das Care-System am liebsten abschaffen – oder über einen Perspektivwechsel radikal verändern möchte.

Ich stimme beiden zu. Wenn es unbedingt notwendig erscheint, ein Kind aus seinem gewohnten Lebensumfeld heraus nehmen zu müssen, wenn alles versucht wurde, dieses Lebensumfeld zu unterstützen, ein sicheres Zuhause zu bieten- dann sollte dieses Kind – oder dieser Jugendliche – ein Umfeld vorfinden, das ihn mit offenen Armen empfängt. Spätestens dann sagt: Ab jetzt bist Du sicher! Lass uns mit Deinem Heilungsprozess beginnen! Wir sind für Dich da!

Was nach einer Kindesentnahme folgt, ist meistens ein herum-gereicht-werden von einer Institution in die nächste, von Notaufnahmen über Pflegefamilien/Heimgruppen bis zu Therapieeinrichtungen und Kliniken. In einem Twitter-Chat mit Bäumchen stellten wir fest, dass es Kinder und Jugendliche in unseren Heimen gab, die als besonders erziehungsbedürftig galten und die dann für immer aus unseren Einrichtungen verschwanden. In unserem Heim gab es ein Geschwistertrio, von denen alle in unterschiedliche Einrichtungen und Kliniken gebracht wurden, weil sie als „schwer erziehbar“ galten. „Schwer erziehbar“ war das Label, das es zu umgehen galt, wenn man nicht noch kontrollierter weggesperrt werden wollte. Gut im Heim zu funktionieren hieß, die eigenen Traumata möglichst unbemerkbar zu machen und nach außen stark zu wirken. (Damit wären wir wieder bei der dauernden Bewunderung für die „survivor“ – siehe oben, you get the Kreislauf…).

Im Care-System sein heißt auf vielen Ebenen stärker sein müssen, als es von anderen in Deiner Altersgruppe – oder überhaupt je von irgendjemandem – verlangt wird. Im Care-System sein heißt einen Platz zum leben für einen Bewilligungszeitraum zu bekommen, der weiter genehmigt werden muss. Dafür wird ein „Hilfeplan“ erstellt. In einem Hilfeplangespräch. Dort sitzt Du mit dem Jugendamt, deiner Erziehungsberechtigten Person (meistens Eltern), Bezugsbetreuern und gegebenenfalls noch einer Leitungsperson (also 3-4 Erwachsenen), die Hilfeplanziele entwickeln – Ziele, die so ins persönliche formuliert sind, dass Menschen ohne diesen Staatszugriff empört nach ihrer Privatsphäre schnappatmen würden. (Das mit der Privatsphäre hatte ich nicht gelernt – meistens waren wir Kinder aus Familien, auf die der Staat aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage schon Zugriff genommen hatte – Kinder aus armen Stadtvierteln oder Sozialhilfefamilien (Hartz IV gab es damals noch nicht). Du warst es gewohnt, dass Du Deine privatesten Gewohnheiten offen legen musstest, um Deine Grundbedürfnisse decken zu können).

Diese Verwirtschaftlichung vom sozialen Bereich, in dem zwischenmenschliche Arbeit messbar gemacht werden muss und hilfebedürftige Menschen zu Kunden werden, denen eine Dienstleistung angeboten wird, ist eine der unmenschlichsten Entwicklungen, die es gibt. Wenn Ziele zwischen Care-Gebenden und Jugendlichen nach dem SMART-Modell formuliert werden müssen, als ginge es hier um Projektmanagement.

Im Care-System heißt auch, dass Deine Hilfe mit 18 Jahren, oder auf von Dir selbst formulierten Antrag vielleicht ein paar Jahre darüber hinaus, endet. Dass Du Dich um Deine Finanzierung, Dein Wohnen, Deine Ausbildung selbst kümmern musst. (Schon mal eine Wohnung in dem Alter ohne Bürgen gesucht? Viel Glück! Oder eine Ausbildung, die bezahlt werden müsste? Eine (selbstverwaltete!) Schule in Berlin wollte mich trotz Offenlegung meiner „besonderen“ Situation (oder deswegen) nicht nehmen – das müsste dann die ganze Schule (inklusive Schüler_innen) gemeinsam in einer Abstimmung entscheiden, ob ich mein Abitur ohne Bürgen dort machen könnte..das würde ich ja sicher nicht wollen…Bonusfrage: Schon mal nen BAFöG-Antrag gestellt, wenn beide Eltern unbekannt oder unbekannt verzogen sind?) Kinder und Jugendliche aus armen Familien haben schon beschissene Startbedingungen – arm, ohne Eltern und als Careleaver verschlechtern sich Deine Chancen noch mal erheblich.

Zu meinem Glück gibt es Personen wie Lemn Sissay. Oder Bäumchen. Und es gibt sogar ein Careleaver-Netzwerk (von denen ich inständig hoffe, dass sie nicht wie Arbeiterkind in einem Leistungs-auch-Du-kannst-was-werden-Chakka verbleiben), die mir die Wut geben, diesen Text zu schreiben.

Lemn Sissay fordert sein Publikum dazu auf, sich vorzustellen, dass ihre eigenen Kinder, oder die Kinder ihrer Kinder, im Care-System landen – und sich davon ausgehend zu überlegen, welche Fürsorge sie sich für diese jungen Menschen wünschen. Das müsste der Maßstab für jegliche Care-Arbeit sein.

We are reporting back!

Und wir fordern, dass sich etwas ändert.

(Ergänzend sei Euch noch dieser Text ans Herz gelegt.)

Because – you know – it´s all about that space, ´bout that space….*

Ich habe in den letzten Wochen viel zu „manspreading“ gelesen – zu dem Phänomen, dass sich Männer* selbstverständlich öffentlichen Raum nehmen, also zum Beispiel in der voll besetzten Bahn gern mal 3 Sitzplätze mit einer Sporttaschengrätsche belegen. Das Problem: Weil sie es gewohnt sind Raum zu bekommen, fühlen sie sich auch berechtigt, diesen einzunehmen. In einem Video zum Phänomen versuchte eine Frau* den gleichen Raum einzunehmen, wie sie es bei Typen gesehen hatte, mit dem Ergebnis, dass sie sich bescheuert und angegafft vorkam – teilweise sogar gefilmt und fotografiert wurde. Das perfide: Sie war es nicht gewohnt, sich Raum zu nehmen, deshalb fühlte es sich für sie falsch und komisch an.

Was auch immer von solchen vereinfachten Videoexperimenten zu halten ist: Es bringt eine wichtige Sache auf den Punkt: Wer privilegiert ist, fühlt sich berechtigt, einen Raum einzunehmen, Privilegien zu nutzen und dass nicht mal zu bemerken. Auf Spiegelungen oder bewusst-machen wird mit Abwehr und Lächerlich-machen reagiert – und die, denen der Raum weggenommen wird fühlen sich nicht ausreichend berechtigt, ihn zurück zu nehmen. „Entitlement“ – sich berechtigt fühlen, ist gerade mein Lieblingsstichwort, um dieses Muster zu benennen.

Wer nimmt sich einen Raum mit Klassenprivilegien – und wie? Mein plastischstes Beispiel ist Sprache. Hier geht es mir nicht nur um die vermittelten Inhalte, sondern auch darum ,wie geredet werden darf, um gehört zu werden. Die Prololesben formulierten diese Problematik in einer Empowermentveranstaltung auf der Berliner Lesbenwoche 1987 (!!):

„Bürgerliche reden in der Öffentlichkeit, z.B. auf Lesbenveranstaltungen, in der Uni, etc., wir nicht. Bürgerliche reden lange und viel, oft in wohlformulierten Sätzen, sie bestimmen den Tonfall.
In Gruppen mit Bürgerlichen haben wir immer das Gefühl, etwas falsches zu sagen, nie den richtigen Tonfall zu treffen, immer ins Fettnäpfchen zu treten.
Wir beherrschen ihre Höflichkeitsformen nicht, sie finden uns befremdlich und lassen sich das auch anmerken.
Wenn wir schon mal sagen, dann hastig und so schnell, in halben Sätzen, um uns überhaupt ins Gespräch einzubringen.
Wir sprechen oft Dinge aus, die die Bürgerlichen sich nicht zu sagen trauen, wir bringen Sachen kurz auf einen Nenner, was sie dann wieder komisch (sie lachen!) oder zu drastisch finden.“

Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie ich in meinen ersten linken Plena saß und mich nicht traute irgendwas zu sagen. Wie ich nach einem Plenum manchmal einen Gedanken formulierte und komisch angeschaut wurde, dass ich mich nicht in dem vorgesehenen Rahmen geäußert hatte. Ein besonders eindringliches Erlebnis war für mich ein Großplenum bei einer bundesweiten Veranstaltung, bei der ich es irgendwann schaffte zu sagen, dass ich etwas nicht verstanden hatte. Die Antwort? Hat sich in meinen Kopf eingebrannt, deshalb kann ich sie wörtlich wiedergeben: „Es gibt halt Wissenshierarchien, dann müssen sich die Leute das anlesen!“ Ich war im treffendsten Sinne des Wortes sprachlos. Sprachlos gemacht worden. Ich war damals empört und aufgebracht – es gab ein, zwei Genoss_innen, die mir zuhörten – politisch problematisiert wurde die Äußerung nicht.

Das möchte ich hiermit – 20 Jahre später – tun. Ich war das Paradebeispiel für die Person, der Bürgerliche nicht zuhörten – ich reagierte emotional, aufgebracht und ich flippte aus, verließ das Plenum unter Tränen und musste „getröstet“ werden, mir versichern lassen, dass ich nicht „dumm“ bin und mir Tipps geben lassen, was ich denn alles lesen könnte, um mitreden zu können. Was nicht gesagt wurde: Dass es ein Problem ist, dass sich eine Person dazu durchringt zu sagen „Hey – ich versteh das hier gerade nicht!“ – und dann mit der bildungsbürgerlichen Keule – emotionslos und vielleicht mit einer hochgezogenen Augenbraue – aus dem Raum geworfen wird. Das Problem ist, dass Bürgerliche gelernt haben, dass man nie, nie, niemals zugibt etwas nicht zu wissen und das Kämpfe mit angeblich neutralen Worten ausgefochten werden. Das Problem ist nicht mein vermeintliches nicht-wissen, sondern der Club von Leuten, die sich gestört fühlen, wenn nachgefragt wird, was denn da gerade geredet wird.

Dass die Art, wie gesprochen wird keineswegs neutral ist, fasst Hannelore Bublitz in „Ich gehörte irgendwie so nirgends hin… Arbeitertöchter an der Hochschule“ zusammen:

„Wir redeten viel über unsere Sprachlosigkeit. Darüber, dass wir sprachlos gemacht werden durch Aufforderungen, der Reihe nach systematisch vorzugehen, vorzutragen, zu erläutern, zu erklären. Wir fanden heraus, dass sprachlos werden etwas zu tun hat mit Stolz und mit menschlicher Würde, mit unserem ‚Klassenbewußtsein‘. Und dass es bei uns immer dann besonders auftritt, wenn der andere uns in gewählter höflicher Form klar macht, was wir so ausdrücken würden: „Mensch, du hast ja von Tuten und Blasen keine Ahnung“, oder „Was suchst Du denn hier?!“ (im Sinne von „was hast du denn hier verloren?“). Die Gewalt, die man mit höflichen, aber bestimmten Worten anrichten kann, kann sich jemand, der mit Worten und Argumenten aufgewachsen ist, gar nicht vorstellen.“

Gabriele Theling beschreibt die Mittelschichtssprache als eine Zweitsprache, die gelernt werden muss:

„Die Arbeitertöchter wachsen zweisprachig auf. Innerhalb des proletarischen Lebenszusammenhangs der Familie und teilweise des privaten Freundeskreises sprechen und erlernen sie die Arbeitersprache [..] Innerhalb der bürgerlichen Umwelt lernen und sprechen Arbeitertöchter dagegen die bürgerliche Sprache.“ („Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden“)

Warum ich den Umgang mit Sprache mit „manspreading“ vergleiche? Weil hier die gleichen Mechanismen am Werk sind. Eine bestimmte Sprache bestimmt in Verbindung mit einem bestimmten Auftreten den Raum. Hinweise auf diese Dominanz werden als störend empfunden oder lächerlich gemacht. Wer sich Gehör verschaffen will nimmt sich Raum, über 3 Sitze oder einen ganzen Saal. Wer sich dabei komisch vorkommt, diesen Raum zu nehmen, wird ins Schweigen abgedrängt.

Ich habe mit meiner Herkunftsfamilie aus vielen Gründen komplett gebrochen. Was ich – seit ich 14 bin – kenne sind Wahlfamilien, meist zusammengesetzt aus Linken, die ihre eigene Bürgerlichkeit nie thematisierten, während sie mein Proll-sein immer wieder heraus stellten und bearbeiteten. Wohlwollend oder herablassend meine Sprache, meine Körperhaltung, mein Lachen kommentierten und korrigierten, bis ich mich selbst kaum noch wieder erkennen konnte. Meine Sprache, mein ich, sind von dieser bürgerlichen Be-Sozialisierung (Ja! Ich meine BE!) geprägt – und ich versuche mein bestes, mir andere Räume zu suchen, in denen bürgerliche Normen thematisiert werden können.

Sich Raum zurück zu nehmen ist ein politischer Akt. Einen Raum schaffen, in dem die eigene Stimme (wieder) gefunden werden kann ist für mich politisch wichtiger, als zu versuchen mich für Bürgerliche verständlich auszudrücken oder nachvollziehbar zu machen – oder weiter zu versuchen, ihre Anerkennung zu bekommen.

Mit den Worten von Atilla Pişkin aus dem Text „Hassen.jetzt“:

„Es ist an der Zeit, dass ihr einmal zuhört. Das sollte nicht so schwierig sein. Ihr habt immer massenweise Texte in euren Händen. Ihr seid es gewohnt zu lesen, zu analysieren, zu diskutieren. Ihr müsst dabei nur einmal für eine Weile den Mund halten. […] ..wir wollen nicht mehr länger darauf warten, , bis wir einmal zu Wort kommen. Mir ist es egal, ob ihr mir zustimmt oder nicht. Alles, was ich will, ist dass ihr ruhig seid und zuhört – dass der Spieß einmal umgedreht wird. Wir haben das übliche Spielchen zu lange gespielt, zu oft und zu perfekt“.

blablabla

* In Anlehnung an „All about that bass“ von Meghan Trainor, kann der Titel mit „Weißt Du – es geht hier um den Raum“ übersetzt werden. Mein Popkulturherz konnte nicht anders <3

Märchenstunde

Dieser Comic ist aus einem Chat entstanden, bei dem es – unter anderem – darum ging, wie Erzählweisen angepasst werden; damit über haupt zugehört wird. (Danke dafür!)
Es ging auch um die beleidigten, aggressiven und abwehrenden Reaktionen, wenn eins nicht mehr die_der Märchenerzähler_in sein will. Die könnt Ihr Euch dazu denken.

maerchenstunde

Auf der technischen Seite: Photoshop und ich werden nur eingeschränkt Freund_innen… hab lieber wieder von Hand coloriert :)

Creative Commons Lizenzvertrag
Maerchenstunde von ClaraRosa ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Zum „sliding scale“ und meinen Problemen damit.

Bei vielen Veranstaltungen oder KüFa´s (Küche für alle) gibt es mittlerweile Bezahlung nach Selbsteinschätzung. Das heißt, dass es mir überlassen ist, wie viel ich zahlen möchte/kann/will. In der Regel wird eine bestimmte Spanne zur Orientierung vorgegeben. Das ist im Grunde eine gute Idee. Nur – woran misst es sich, wer wie viel bezahlen kann – oder will?

Bei einem Brunch, den ich lange mitorganisiert habe, haben wir mit Begleittexten darauf aufmerksam gemacht, was der Brunch mit Betriebskosten, (unter)bezahlter Arbeitskraft, Material (und Mehreinkauf) und Miete kostet. Daraus haben wir eine Spanne errechnet, bei der die Mitte unsere Ausgaben decken würde und darauf hingewiesen, dass wir uns wünschen, dass sich alle einen Brunch leisten können – und deswegen die mit mehr Geld – bitte – auch mehr zahlen sollten. Solidarische Umverteilung also.

In der Realität sah das so aus, dass viele auf die Frage „Was zahlst Du für den Brunch?“ mit einem Aufzählen der Dinge, die sie gegessen hatten, Servicebeschwerden (!) oder Überforderung reagierten. Das heißt, dass der sliding scale nicht als Möglichkeit einer solidarischen Praxis gelesen wurde, sondern in einer kapitalistischen „Ich hatte nur ein Brötchen, deswegen zahl ich weniger“ – oder gleich als „mein Kaffee kam erst nach 10 Minuten und die Tresenkraft hat nicht gelächelt“-Servicebewertungs-Logik.

Von den Leuten, die mit ganzen Gruppen kamen und für das Bandfrühstück der Kappellen vom Vorabend, wo der Eintritt 8 Euro kosten sollte (fix!) abgezählt den Minimalbetrag auf den Tresen legten ganz zu schweigen. (Ja – es ist eine kleine, kleine Szene – und sowas macht schlechte Laune…)

Mein Glaube in freiwillige, solidarische Umverteilung ist seitdem ganz schön erschüttert. Dazu kommt, dass die meisten Menschen, die in Armut oder in der Arbeiter_innenklasse aufwachsen in der Regel mehr als den Minimalbetrag zahlen (wollen), obwohl sie diejenigen wären, an die sich das Angebot richtet. Marcia Hill schreibt dazu in „Classism and feminist therapy“ („Klassismus und feministische Therapie“)

“.. viele Leute mit Armuts – oder Arbeiter*innenklassenhintergrund [sind] besonders gewissenhaft bei meiner Bezahlung, weil sie wissen, wie wichtig es ist für die eigene Arbeit bezahlt zu werden und sind stolz, in der Lage zu sein, ihre Rechnungen zu bezahlen. Ich verhandle Preise mit meinen Klient*innen, und ich habe oft erlebt, dass es für die, mit mehr (aber limitierten) Ressourcen, ziemlich einfach war, weniger als den vollen Preis zu zahlen, weil sie sich zu solchen Ermäßigungen berechtigt fühlten. Leute mit weniger Geld können es sehr schwierig finden, das, was sie als Almosen empfinden, anzunehmen, und ich habe mich schon in der komischen Situation befunden, jemanden zu bereden, weniger zu zahlen.“

Diese Beobachtung, dass diejenigen mit mehr materiellen Mitteln sich zu Ermäßigungen berechtigt sehen, habe ich oft gemacht. Dabei wird kein Unterschied gemacht, ob es darum geht, dem Staat und dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen (Super!) oder Menschen aus dem eigenen politischen Umfeld auszubeuten.

Marcia Hill vermutet, dass Menschen mit materiellen Ressourcen sich für ihre Privilegien schämen und dass sie aus Angst vor Neid – oder Ärger – zu dem Thema schweigen (und die Gewohnheit an materielle Ressourcen dies einfacher macht ). Nun gibt es also ein beidseitiges Schweigen: die ohne Geld zahlen lieber mehr – aus Angst vor Armuts-Outings, aus Stolz oder aus Solidarität und die mit Geld zahlen weniger, auch aus Angst vor Outings und dem Ausnutzen der Tatsache, dass im Gegensatz zur – vorgeblichen – Scham über Privilegien, die Scham über das Ausnutzen solidarisch organisierter Strukturen meist ausbleibt.

Sliding scales – oder auch gestaffelte Bezahlungen – sind keine neue Idee. Vom Zeitungsabonnement, über das Nahverkehrsticket bis hin zum Veranstaltungseintritt kann – teilweise nach Selbsteinschätzung, teilweise mit Nachweisen, gespart werden. Dass die Selbsteinschätzung nicht mein_e Freund_in ist, habe ich nun schon deutlich gemacht. Allerdings habe ich auch ein Problem mit einer Praxis, in der Nachweise gefordert werden.

Solange es nicht der Studierendenausweis ist, der auf eine bestimmte, bildungsprivilegierte Position hinweist, der nichts – aber auch gar nichts – über die materielle Situation einer Person aussagt und der nicht mit dem Stigma sozialer Ausgrenzung verbunden ist, kann das Vorzeigen von Nachweisen mit Scham und Outings verbunden sein. Wer möchte schon gern im Opernhaus den Hartz IV-Bescheid zücken? Oder im Sportverein die Person sein, die immer weniger einzahlt?

Ich habe letztes Wochenende den Versuch gemacht, eine – nachweisfreie – Spendenempfehlung für ein Zine, das ich aus verschiedenen Blogtexten und Zitaten zusammengestellt habe, zu erstellen – ganz glücklich bin ich damit nicht, weil der Outingfaktor auch hier nicht wegfällt…. Die Spendenempfehlung hatte zwei Achsen: „soziale Herkunft“ und „Bildungsprivilegien“. An dem einen Ende der Achse „soziale Herkunft“ stand „Mittelschicht, besitzende Klasse,..“, am anderen „arm, Arbeiter_innenklasse,…“. Bei „Bildungsprivilegien“ gab es am einen Ende „“Ungelernte, Angestellte,…“ und den gegenüber „studiert, akademisch, Handwerker_innen mit Abitur…“ (letztere werde ich noch einmal in einem gesonderten Text aufgreifen). Die Spendenempfehlung generierte sich dann aus der Stellung in diesem Koordinatensystem zwischen 0,00 € (oder Spende) und 1,50 € (oder mehr).

Die oben genannten Punkte machen es mir schwer auszuwerten, welche Gruppe für das Heft nun wie viel gezahlt hat. Und ich hoffe schwer, dass die fehlenden Hefte von den Leuten mitgenommen wurden, denen ich es von Herzen gern geschenkt hätte. Aber die haben wahrscheinlich (zu viel) dafür bezahlt.

Spendenempfehlung

Das Zine gibt es zum online-anschauen hier.

3 Jahre Class Matters

Ja – auch wenn ich meinen Bloggeburtstag konsequent verpasse fiel mir heute auf, dass es Class Matters jetzt 3 Jahre gibt. Zeit für ein kleines Resümee.

Die Beitragsfrequenz ist seit es die facebook-Seite gibt deutlich zurück gegangen – das hat nicht nur was mit Schreibfaulheit zu tun, sondern auch mit dem einfachen Fakt, dass ich mich gern verstecke. Hinter anderen Blogs, Links und Texten, die nicht von mir sind. Ist weniger Angriffsfläche, lässt sich zwischen Morgenkaffee und Arbeitsbeginn in die Bahnfahrt pressen und kostet mich weniger Kraft. Deshalb hab ich heimlich, still und leise auch eine Seite mit Zitaten hier eingerichtet, wo ich die Dinge, die ich bei facebook zitiere, auch hier poste. Es wird ein ungeordnetes Sammelsurium bleiben – eine kleine Empowerment-Fundgrube. :)

Da Class Matters ein Solo-Projekt ist, deale ich mit den Begleiterscheinungen dieses Blogs auch weitestgehend alleine. Die Reaktionen auf Class Matters sind unterschiedlich – sie reichen von enthusiastischem Zuspruch über paternalisierenden Spott bis hin zum Vorwurf die Konterrevolution in Persona zu sein. Und alles dazwischen. Als Zuspruch getarnten Paternalismus gibt es auch.

Da „Class Matters“ in erster Linie ein Empowerment-Projekt sein soll und ich meine Kraft dafür brauche, antworte ich auf den meisten Schmarrn, der sich unter dem Label „Klassismus“ zurechtphantasiert wird nicht. Auch wenn mich der Vorwurf, dass ich nur möchte, dass alle „nett zu den Armen“ sind, lange beschäftigt hat. Wie um alles in der Welt kann die Forderung danach, die Menschen, die am negativsten von den Auswirkungen von Kapitalismus betroffen sind, in Sprechpositionen bringen zu wollen und die, die eh die ganze Zeit reden zu bitten mal zuzuhören, dazu führen, dass Menschen sich aufführen, als würde ihnen der Revolutions-Definitions-Lolli weggenommen werden? Wie gesagt: Ich diskutiere da(s) nicht. Das ist nicht meine Bühne und auch nicht der Ort, wo ich meine politische Kraft verpulvern will. Vielleicht nach der Revolution mal schauen.

Da ich ja ab und zu ein Buch lese, damit mir nicht vorgeworfen werden kann, ich würde mir hier alles aus den Fingern saugen, sei an der Stelle auf Nancy Fraser und die Debatte um Umverteilung und Anerkennung verwiesen. Falls ich mich hier nicht klar genug ausdrücken sollte: So in etwa ist das gemeint. Nicht als gegeneinander-denken, sondern zusammen.

Ich hab mit 2 Jobs und einer daraus resultierenden 45-Stunden-Woche herzlich wenig Zeit, mich über Giftspritzerei zu ärgern und stundenlang am Rechner rumzuargumentieren. Eine tolle Person aus meinem Umfeld sagte mal: Wenn ich in eine gewaltvolle Situation gerate (und die meisten Internetdebatten sind gewaltvoll), dann gehe ich weg. Wenn es geht. Meine Freund_innen heißen deshalb hier: „ignore“, „delete“ und „block“.

Ich habe keinen Spaß daran, mich unbeliebt zu machen. Klassismus zu thematisieren, heißt auf Unverständnis zu stoßen, gegen Widerstands-Wände zu rennen und lächerlich gemacht zu werden – aber auch: Langsam eine kleine Community von Menschen kennen zu lernen, denen es ähnlich geht – und für die es wichtig ist sich auszutauschen.

Für diese kleine Community wird es Class Matters noch weiter geben. Wahrscheinlich noch mal 3 Jahre. Oder mehr.

Und zum Geburtstag schenk ich mir eine deaktivierte Kommentarfunktion.

Happy Birthday to me!