Erinnern, entschädigen, anerkennen

In der vergangenen Woche gab es eine kleine Revolution. Also, zumindest finde ich, dass es eine kleine Revolution ist: Die Gruppe der als so genannten „Asozialen“ im NS verfolgten wurde als genau das anerkannt: Als eine Gruppe, die von den Nazis verfolgt, in Lagern inhaftiert, in Zwangsarbeit gebracht und umgebracht wurde. Diejenigen, die schon mal in einem der ehemaligen Arbeits- und Vernichtungslager waren oder sich zumindest it den Lagersymboliken beschäftigt haben, werden ihn kennen; den schwarzen Winkel. Eine Sammelkennzeichnung für viele Gruppen, die nicht ins nationalsozialistische Weltbild passten (und passen): Bettler*innen, Sexarbeiter*innen, Sinti*ze und Rom*nija, Menschen, „die sich der Pflicht zur Arbeit entziehen“ – kurz: Menschen, die als Fremdkörper, als „Ballastexistenzen“, gesehen wurden. Auch Frauen, denen nachgesagt wurde, Verhältnisse mit Zwangsarbeiter*innen zu haben oder lesbische Frauen, konnten unter dem Label „Asozial“ inhaftiert werden. Oft ohne Prozess, mit erzwungenen Geständnissen.

Einen Einblick in die Verfolgungsgeschichte und die Folgen verunmöglichter Erinnerungs- und Gedenkkultur gibt der Film „…dass das heute noch immer so ist – Kontinuitäten der Ausgrenzung“. Anhand der Geschichte von Maria Potrzeba wird die Geschichte – oder eine Geschichte – von Verfolgung und Stigmatisierung sogenannter Asozialer im Nationalsozialismus dokumentiert. Der Film wurde von der Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V. in Kooperation mit der Österreichischen Lagergemeinschaft erstellt.

Dass diese Geschichte überhaupt erzählt wurde ist eine Ausnahme: Es gibt wenige Zeitzeug*innen, die sich bereit erklärt hätten, über ihre Verfolgungsgeschichte zu sprechen. Zu groß ist die Scham und das Stigma , zu groß die gesellschaftlichen Kontinuitäten in der Verachtung der Verfolgten. Die Sprachhandlungen, die sich gegen Menschen richten, die als „gemeinschaftsfremd“ gesehen werden, hat sich wenig bis gar nicht verändert. Die Ideologie der „aktivierenden Maßnahmen“ setzt sich bis ins Hartz IV System fort.

Trotz der nachweislichen Verfolgung der Gruppe der so genannten „Asozialen“, wurde eine Anerkennung als Opfergruppe im NS noch bis vor ein paar Jahren abgelehnt – es gäbe „keinen Handlungsbedarf“. Erst am 13.02.2020 stimmte das Parlament für einen Antrag, nach dem die Gruppe der so genannten „Asozialen“ – und die Grupe der so genannten „Berufsverbrecher“ (Kennzeichnung durch einen grünen Winkel) – als Opfergruppe der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft anerkant werden. 75 Jahre nach Kriegsende.

Was das in der Praxis bedeutet ist noch nicht klar. Eine Ausstellung soll es geben. Forschung soll nachgeholt und Bildungsangebote geschaffen werden. Die noch wenigen Überlebenden sollen leichter Zugang zu Entschädigungsleistungen bekommen.

Für die meisten Überlebenden kommt diese Anerkennung zu spät. Auch für Maria Potrzeba, die am 25.02.2017 – also vor fast genau zwei Jahren – verstarb. Im Nachruf heißt es:

„Für Maria war das Leid, wie für alle als sogenannt „asozial“ Verfolgten, 1945 nicht zu Ende. Das, was auf staatlicher Ebene das Bundesentschädigungsgesetz definierte, dass nämlich Menschen, die als sogenannt asozial“ verfolgt wurden, kein Recht auf Rehabilitation und Entschädigung bekamen, musste sie in ihrem Heimatort ganz konkret erfahren: Sie wurde nach ihrer Rückkehr weiter ausgegrenzt und als Polenliebchen“ beschimpft. Die Stigmatisierung betrifft auch ihre Familienangehörigen, bis heute.“

Die formelle Anerkennung der so genannten „Asozialen“ ist nun also beschlossen. Wie soll diese nun umgesetzt werden? Wünschenswert wäre ja – neben Entschädigungszahlungen –, die jahrelange, ehrenamtliche Erinnerungs- und Aufarbeitungsarbeit bestehender Gruppen und Einzelpersonen – sowie der Angehörigen – nun gezielter zu fördern und zu (re-)finanzieren.

Fühlt Euch gern aufgefordert, in den Kommentaren eine Liste zu erstellen, mit den Gruppen/Personen, die Ihr kennt. Den „AK Marginalisierte“ zum Beispiel. Ich freue mich auch über Informationen und Links zu Artikeln, die sich mit der Aufarbeitung der Verfolgung beschäftigen.


1 Antwort auf „Erinnern, entschädigen, anerkennen“


  1. 1 xyz 16. Februar 2020 um 14:20 Uhr

    wie meintest auf twitter: was daraus folgt ist unklar. und anerkennung zu erhalten, ist am schnellsten getan. insbesondere wenn sich dann der staat mit seiner anerkennung schmückt als zb. einer der seine Geschichte aufgeklärt hat. damit kann man zb. gut Außenpolitik betreiben. erwähne dass nur, weil sowas insbesondere bei deutscher anerkennung von betroffenengruppen häufig darin mündet: in einem nationalistischen selbstlob.

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