„Erst wenn ich den Kopf unter dem Arm trage!“

Das hat meine Mutter immer gesagt. Wenn es darum ging, sich um sich zu kümmern. Zu Ärzt*innen zu gehen. Gesundheitsfürsorge war etwas, was gar nicht erst Thema war. Bei uns gab es eher eine wenn-es-unbedingt-sein-muss-Mentalität. Und es war mit Stolz verbunden, Beschwerden bis zur letzten Minute auszuhalten und sich erst dann untersuchen zu lassen, wenn es richtig ernst schien. Dieser Stolz hatte einen Unterton, der Reste von einem Glauben an die eigenen Unabhängigkeit durchklingen liess. Den Ärzt*innen gehörten in meiner Kindheitswelt zu „denen da oben“. Die sich immer einmischen. Wie das Amt. Die Lehrer*innen. Der Stolz darauf, eine Krankheit „aushalten“ zu können gab meiner Mutter das Gefühl, den Machthabenden ein Schnippchen geschlagen zu haben. Einen Rest Kontrolle über sich selbst zu haben. Und vielleicht ein Stück Würde.
Das galt nicht nur für meine Mutter. In unserer Nachbar*innenschaft waren die täglichen Schmerzen nicht ausgeheilter oder chronisch gewordener Krankheiten Tagesgespräch. Es war normal, sich gegenseitig zu erzählen, in welchen körperlichen Zuständen noch tägliche Arbeiten verrichtet wurden. Diese Erzählungen wurden zu Held*innenerzählungen – führten aber selten dazu sich entsprechende Hilfe zu holen. Für uns Kinder hieß das: Muttern war erste Instanz für die Beurteilung unseres Gesundheitszustandes. Zuerst gab es Hausmittel und erst dann wurde zur Ärztin gegangen. Das war insofern praktisch, dass keine Zeit verloren ging. Und keine Kosten für Medikamente anfielen. Denn Zeit und Geld waren Ressourcen, die wir nur sehr begrenzt hatten. Abgesehen von der Mobilität, die es braucht, um zur Ärztin zu kommen. Ich spare mir an dieser Stelle alle Ausführungen dazu, wie auch das Gesundheitssystem ein Klassensystem ist – oder muss ich das wem erklären? Dazu kommt noch dieser ganze ekelhafte kapitalistische Selbstaktivierungsnarrativ, der einem erzählt, dass man sich nur genug anstrengen muss und der eine gleichzeitige Schuldzuweisung an (auch gesundheitliches) nicht-(mehr-)funktionieren ist.
Ich habe immer Sorge, dass ich Vorurteile gegen materiell arme Menschen zu verstärke, wenn ich von meiner Kindheit erzähle. Ich habe keine Lust Klischees zu erfüllen. Ich möchte deutlich machen, wie der Versuch, mit begrenzten Ressourcen zu jonglieren dazu führen kann, dass Vernachlässigung entsteht – und ein Narrativ, der die eigene Würde ein wenig bewahren soll (und dem eigenen schlechten Gewissen, sich nicht genug zu kümmern entgegen wirken soll). Meine Mutter würde von sich sagen, dass sie sich immer um ihre Kinder gekümmert hat. Dabei haben wir alle (also, ich und meine Geschwister) mit den gesundheitlichen Spätfolgen von einem Aufwachsen in Armut zu tun.
Nun war es klar, dass Masern, Röteln oder andere Krankheiten behandelt werden mussten – egal welchen logistischen, materiellen und zeitlichen Aufwand sie verursachten. Aber eine Zahnspange? Schnickschnack! Gar nicht zu sprechen von der Versorgung psychischer Erkrankungen.
Diesen Teil meiner Sozialisation zu verlernen – daran arbeite ich bis heute. An den physischen Spätfolgen (Zähne, Leute! Sowas krass teures!!) bin ich immer noch näher als an den psychischen. Ich habe es immer mit Erstaunen beobachtet, wie andere sich unter dem Schlagwort „Selbstsorge“ Freiräume in ihren Alltag einbauen konnten. Türen schlossen, um sich zu erholen. Die es-wird-bis-zur-Erschöpfung-Mentalität meiner Kindheit hat sich tief in meine eigene Arbeitshaltung eingebrannt. Pause machen? Wieso? Das Geld muss schließlich – im wahrsten Sinne des Wortes – verdient werden. Und ich habe gemerkt, wie ich selber ein wenig spöttelnd auf die ganzen Türe-schließenden-Pause-machenden-Selbstsorger*innen herab geblickt habe. Generational weiter gegebene Gefühle von Stolz auf die eigene Überarbeitung. Hurra!
Im letzten Jahr war ich am Ende. Ich hatte das Gefühl, dass an jede Faser meines Körpers Steine gebunden waren. Was nicht wirklich zu einer Pause führte. Ganze drei Tage habe ich mich – auf Drängen von Freund*innen – krank schreiben lassen. Ansonsten bin ich arbeiten gegangen. Zu Terminen habe ich mich zusammengerissen, um danach erschöpft auf das Sofa zu fallen. Ich war so erschrocken und hilflos, dass ich nicht mehr wusste wie und wo ich mir Hilfe holen sollte. Ich habe das Glück eine hartnäckige und sehr ehrliche Wahlfamilie zu haben, die mir bei aller Sorge um mich ganz schön in den Arsch getreten hat, um wieder auf die Beine zu kommen… Ich möchte nicht sagen, dass ich besser geworden bin, mich um meine Gesundheit zu kümmern. Aber ich sehe mittlerweile eine Notwendigkeit, mich nicht tot zu arbeiten und mich darum zu kümmern, selber ab und zu die Türe zu schliessen – und dass nicht erst, wenn ich den Kopf unter dem Arm trage.


0 Antworten auf „„Erst wenn ich den Kopf unter dem Arm trage!““


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei − = eins