Sollen sie doch Kuchen essen*, oder was? Oder: Was uns trennt – und die Verzweiflung darüber, dass Ihr das nicht versteht.

Ich war letztens auf einer Veranstaltung, bei der es um Bestattungen aus machtkritischer Perspektive gehen sollte. Die ganze Veranstaltung war sehr bewegend, viele teilten ihre Geschichten. Trotzdem blieb die Frage nach der Machtkritik – auch im Sinne von Herrschaftskritik – ziemlich weit außen vor. Nach einem Input von Francis Seeck, in dem unter anderem die klassistische Praxis ordnungsbehördlicher Bestattungen dargestellt wurde, gab es noch einen Beitrag aus einem Zine, aus dem persönliche Geschichten vorgestellt wurden. Nach der Pause sollte ein queeres Bestattungsunternehmen aus seiner Praxis berichten. Was folgte war ein Werbeblock zum – enschuldigt den Zynismus an dieser Stelle – schöneren Abschied nehmen für Menschen, die Zugriff auf a. das Wissen haben, dass es alternative Bestattungsunternehmen gibt (für die ordnungsbehördlichen Bestattungen gibt es in Berlin ein zentrales Unternehmen – das günstigste) und b. auch das nötige Geld dafür. Die Frage, wie sie denn als Branche eine Interventionsmöglichkeit in die von Francis Seeck beschriebene klassistische Praxis sehen, wurden an der Frage vorbei mit klassistischen Klischees oder machterhaltenden Floskeln beantwortet: Eine Beerdigung könne ja auch ohne „Konsum“ wie einen teuren Stein oder Luftballons oder Blumen auskommen. Also: Wenn Reiche sich was gönnen ist es Selbstsorge, wenn es materiell Arme tun, dann ist es „Konsum“. Das man es sich als „kleiner Bestatter nicht leisten könne, jetzt alles umsonst“ anzubieten. Als hätte das wer verlangt – aber von einer Veranstaltung mit dem Titel „machtkritische Perspektiven“ hätte ich erwartet, dass das Podium ein wenig auf die aufgezeigten Perspektiven eingeht, statt sich auf eine – die queere – zu beschränken.
Nicht, dass das nicht wichtig wäre – aber ich wurde ja gelockt mit der Ankündigung, auch über Klassenverhältnisse sprechen zu können. Warum mein Vater, wie der von Francis Seeck, in einer einminütigen „Zeremonie“ anonym in einem unmarkierten Stück Friedhof mit vielen anderen unmarkierten Urnen verscharrt wurde. Ich wollte darüber sprechen, wie solche Praxen auf politischer Ebene skandalisiert werden können – und mir nicht wieder anhören, dass die mit wenig Geld sich dann halt eben nicht so viel leisten können.
Ich fühlte mich stark erinnert an eine Veranstaltung bei der Naturfreundejugend. „Die Genossin hat geerbt“ hieß sie. Ich freute mich sehr – es ist in meinem Umfeld so, dass die materiellen Ressourcen perspektivisch extrem ungleich verteilt sind, und dass die, die am lautesten jammern, dass sie kein Geld haben, von ihren Eltern irgendwann mehr Geld erben werden, als ich in meinem ganzen Leben verdienen werde. Geladen war eine Person aus einer Finanzkooperative und eine aus einem Hausprojekt, der seine Erbkohle als Darlehen für das Mietshäusersyndikat in den Topf geworfen hatte. Korrigiert mich, wenn ich da falsch liege – aber: Darlehen heißt zurück bekommen, oder? Wo ist die große Umverteilungsgeste, wenn der Typ die Kohle zurück bekommt?? Und dazu noch in einem Hausprojekt wohnt, wo er mit der meisten Kohle drin steckt? Das Gespräch, dass sich entspann, enthielt dann spannende Statements, wie: „Was soll ich denn mit einer Reihenhaushälfte in Baden Wütemberg?“ als Symbol für das – im Vergleich zu einem „richtigen Erbe“ – materiell abgehängt sein. Mir blieb die Spucke weg. Ich werde – wenn überhaupt – nur Schulden erben. Ein Reihenhaus, oder nur eine Hälfte oder ein Viertel oder ein Achtel wären für mich unfassbarer Reichtum. Für die Leute auf dem Podium? Portokasse! Und das in einem Raum, der sich ausdrücklich mit den Klassenunterschieden in der Linken auseinandersetzen wollte. Vielleicht lag es daran, dass die Veranstalter_innen ihren Sofagästen kein Honorar zahlen .. konnten (?), dass sich eher materiell Privilegierte auf dem Podiumssofa wieder fanden (meinen Rant dazu, wer sich unbezahlte Politarbeit leisten kann findet Ihr hier). Oder daran, dass der Horizont der Vorstellungen darüber, was es heißen kann, materiell arm zu sein, wirklich nicht weiter reicht.
Wir haben die Veranstaltung in der Pause mit einer Reihe von erbosten Leuten verlassen (in der Pause gab es übrigens ein üppiges Buffet für alle, mit Wein und Schnitttchen, das wahrscheinlich teurer als ein – zumindest symbolisches – Referent_innenhonorar gewesen wäre, aber das nur am Rande). In der kleineren Runde hatten wir an dem Abend zumindest noch eine Menge Spaß, auch wenn unser Unverständnis darüber, dass der Horizont einfach nicht so weit reicht, marginalisierte Menschen mitzudenken, manchmal in Verzweiflung umschlug.
Und dass ist es, was mich bei beiden Veranstaltungen wirklich nachhaltig verstört: Dass es wirklich keine Vorstellung oder Sensibilität für die eigene Position zu geben scheint, dass der eigene „gute Willen“ für die meisten erst mal reicht – und zwar meistens, bis für einen selber das „schöne Leben“ (oder auch das würdevollere Sterben) erreicht ist. Nicht, dass das nicht schöne Ziele wären – aber es soll mir bitte niemand so tun, als wäre da eine „machtkritische“ Perspektive drin.
Wenn ihr schon die ganze Zeit davon redet, dass ihr nicht nur ein Stück vom Kuchen wollt, sondern die ganze Bäckerei, dann stellt Euch gefälligst auch hin und macht einen Plan für die, die dann nicht in Eurer schönen Kollektivbäckerei stehen. Oder backt wenigstens Kuchen für sie. Mit Gewinnbeteiligung. Soll ja keine Charity-Aktion werden.

*Die französische Königin Marie Antoinette soll auf den Vorwurf, die Armen könnten sich nicht einmal mehr Brot leisten, geantwortet haben: »Dann sollen sie eben Kuchen essen!« – Ihr Verständnis darüber, was Armut ist, ging damit in etwa so weit wie das der meisten Linken.


2 Antworten auf „Sollen sie doch Kuchen essen*, oder was? Oder: Was uns trennt – und die Verzweiflung darüber, dass Ihr das nicht versteht.“


  1. 1 Clara H 05. September 2017 um 12:07 Uhr

    hallo, ich war auch bei der veranstaltung und kann deine kritik verstehen. es war teilweise etwas komisch, so, als wären die redner*innen nicht auf die fragen gefasst gewesen. das hat mich überrascht. was mir nicht klar ist, warum du einen ganzen text mit kritik schreibst, aber keinen einzigen konstrukttiven vorschlag machst, wie es anders geht. die debatte wird ja nicht besser, wenn sich alle jetzt vorwerfen, nicht aware genug zu sein …

  2. 2 Administrator 12. September 2017 um 11:51 Uhr

    Hallo Clara,
    es ist schade, dass Du meine Kritik nur auf die Veranstaltung beziehst und die Vorschläge, die ich im Text mache überliest.
    Es geht mir nicht um einen Awarenesskontest. Für mich gibt es einen Unterschied zwischen klugscheißen und unbequemen Auseinandersetzungen. Wenn Diskriminierung im Raum steht kann es schon mal unharmonisch werden – aber ich denke, dass die Debatte das aushalten muss.
    Herzlichst,
    ClaraRosa

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