Gastbeitrag von Anne Bonnie: Class Matters oder: Wer bin ich?

Es begann mit einer SMS eines Freundes, ob ich nicht Interesse hätte an einer Studie der FU Berlin teilzunehmen, die eine Freundin von ihm durchführe.
Es ginge um Lebensrealitäten und da mein Lebensweg sich doch sehr von der Norm aufhält, hatte er an mich gedacht.

Das Interview wird sich über 4 Stunden erstrecken, bei mir zu Hause samt krankem Kind. Ich wollte den Termin nicht verschieben, da mir als Alleinerziehender gerne mal die sog. Decke auf dem Kopf fällt, bzw. ich mich nach mehreren Tagen alleine zu Hause mich so isoliert fühle, dass ich antriebslos, schlecht gelaunt bis hin zum schleichenden Selbsthass verkümmere.

Ich versuche meine Biographie zu erzählen. Es gibt Momente an welchen meine Interviewerin weint. Und nach meiner freien Erzählung kommen Fragen auf, die sich sämtlich um Kapitalismus und Klasse drehen.

Es ist der Bereich, der einen Großteil meines Lebens definiert. Finanziell nicht privilegiert zu sein. Weder in meiner Kindheit, noch im Alter von 36 Jahren.

Und es ist für mich der Teil, welchen ich am wenigsten zu fassen kriege.

Als ich im Alter von 24 Jahren meine Abitur auf dem 2. Bildungsweg nachholte, hatte ich bis dato nur einen Hauptschulabschluss und keine Ausbildung.
Meine Freundin war der Überzeugung mich auf dem Kolleg zu bewerben und als ich die Aufnahme dorthin geschafft hatte, hatte ich große Angst zu versagen. Der Weg zum Abitur schien mir nicht bestimmt zu sein.
In Sozialwissenschaften habe ich dann eines Tages von einer Studie gehört. Ein Junge der 3. oder 4. Schulklasse verfasst einen Text und dieser wurde diversen Lehrern in Deutschland zu benoten ausgehändigt.
Einmal würde das Lebensumfeld des Kindes mit einem Vater als Journalist und Interesse an Büchern versehen, ein anderes Mal mit einer geschiedenen Mutter und Interesse an Comics.

Die Benotung viel so differenziert aus, dass ich es kaum glauben konnte. Die Noten waren entweder bei 1-2 angesetzt, oder bei 4-5. Ich denke, ich muss nicht erwähnen, welcher familiäre Background welchen Notendurchschnitt hervorbrachte.

Ich bin also 24 Jahre alt und lese diese Studie.
Ich erinnere mich an die 3. oder 4. Schulklasse. Wir sollten frei eine Geschichte aufschreiben. Alle meine Klassenkameradinnen erhielten 1er. Ich war die einzige mit einer 2-.
Ich habe danach nie wieder gerne geschrieben.

War diese Benotung dem Umstand verdient, dass meine Mutter in unserem katholischen, bayerischen Umfeld die einzige geschiedene Frau war? Oder war es doch meine Hyperaktivität, keine Konzentrationsschwäche, die diese Benotung meiner schriftlichen Ausführung rechtfertigte?

Ich war von dieser Studie zutiefst betroffen und begann zu schreiben. Ich habe für mich selbst angefangen zu schreiben, für 2 Erzieherinnen habe ich ihre Abschlussarbeit verfasst und ich habe mich in Texten für Blogs versucht.
Ich schreibe gerne. Manchmal glaube ich, dass dies der einzige kreative Ausdruck ist, welcher mir liegt. Das es MEINS ist.
Aber ich habe diese enormen Selbstzweifel. Bin ich am Ende doch nicht gut genug?
Ich habe ein Leben jenseits vieler Normen und kollektiven Zwänge beschritten, ich bin mir immer treu geblieben und habe so manche Menschen damit verletzt.
Ich versuche mein Leben lang zu lernen und der Wunsch ein intelligenter, emotional aufrichtiger Mensch zu werden.

Ich habe mich anfangs in der „linken“ mit antikapitalistischen Themen beschäftigt, aber zu jung und zu dumm das ganze Ausmaß zu erahnen.
Ich bin Feministin und lebe in Berlin in einer queeren Szene (obwohl selbst CIS und hete) und bin als weiße Mutter eines Schwarzen Sohnes meiner eigenen weißen Privilegien belehrt worden.

Sexismus war die erste Diskriminierungsform welche ich studiert, erlebt und bekämpfen wollte. Es ist diese Form von Erleben, die mich ganz real getroffen haben.
Es sind Worte, die mich zum Objekt degradieren, oder zum Kind. Mich unmündig machen wollen. Es sind Mythen die mir als Mutter meine Indivudualität nehmen. Es sind übergriffige Handlungen, die meine Grenzen überschreiten und mich verletzen. Es sind Institutionen, die mich als Frau zwingen, mich zu rechtfertigen.

Der Klassismus ist aber ein so unsichtbare Kraft, dass es mir schwerfällt, dagegen anzugehen. Sie zu benennen, sie anzugreifen.

Durchzieht er doch mein ganzes Leben.
Fast alle glauben an die Gleichheit und für viele beinhaltet es eben auch den glauben, jeder kann alles erreichen. Sie wissen nichts von Studien, die belegen, dass Kinder aus finanziell schwächer gestellten Familien weniger zukunftsorientiert denken können. Das Kurse, Bücher oder Nachhilfe nicht bezahlbar sein kann. Sie verstehen nicht, wie es sich anfühlt wenn das Geld knapp wird und Rechnungen sich stapeln.
Einst riet mir eine Freundin, ich solle doch einfach ins Schwimmbad fahren, wenn es mir nicht gut ginge. Die Vorstellung das hierfür kein Geld ist, kam ihr nicht.

Aber es ist auch die Kleidung, die mich immer verraten wird. Es ist der lange Kampf, mir eine Sprache anzueignen, mit welcher ich nicht aufgewachsen bin und die mich in meinen kompletten 20iger Jahren innerlich vor Scham auffraß, da ich oft Wörter falsch benutzte.
Es ist euer Lebensstil, welcher so weit entfernt von meinem ist. Deine Urlaubsfotos auf Facebook. Du findest Triggerwarnungen sinnvoll? Wie gerne hätte ich eine Triggerwarnung für die Darstellung deines Luxus, den du ja nicht einmal als solchen begreifst.
Und es ist die tiefsitzende Angst, bei allen Projekten, die ich angehe, zu versagen.
Es sind aber auch die Räume. Wann ich ich mich für (anarchistische) Projekte begeistert habe, kam ich mir zwar willkommen, aber anders vor. Ich habe lange gebraucht um zu realisieren, dass ein familiäres und /oder finanzielles Sicherheitsnetz eben eine Befreiung darstellen können, die ich nicht habe.
Es gibt da diese unsichtbare Linie, die Alltagsprobleme welche nicht konform gehen.
Im Laufe der Jahre haben sich diese Kleinigkeiten als unüberwindbare Probleme für Freundschaften herausgestellt.

Wie soll man eine Freundschaft aufrecht halten, wenn deine Freundin sich schlecht fühlt, da sie glaubt, dir immer den Kaffee zahlen zu müssen?
Natürlich ist sie nicht für meine finanzielle Situation verantwortlich, aber ich bräuchte auch kein öffentliches Café für ein Treffen. Ich leiste mir kein Kino und gehen nie Essen außer einen Makali oder ein Stück Pizza für 2,50€.
Ich kann auch nicht ins Theater oder auf Konzerte mitkommen. Und shoppen verursachte ja auch wieder dieses „Schuldgefühl“ deiner Freundin, wenn sie für eine Hose soviel Geld aufgibt, wie du für ein monatliches Essen.
Beziehungen beruhen auch auf Klasse. Studien belegen, dass man gerne in seinem „Milieu“ datet. Nun habe ich mich aber bildungmäßig sehr von meiner Klasse distanziert. „Oben“ angekommen bin ich aber nicht.

Es ist gibt aber auch eine Kehrseite. Die ist schillernd.
Die Kunst kleine Dinge zu lieben. Den Alltag so frei und schön zu gestalten, dass Urlaub unwichtig wird. Mit kaum Geld jonglieren zu können und Hartz 4 als Alleinerziehende als wahre finanzielle Sicherheit erleben.
Sich über Nachhaltigkeit keine Gedanken machen zu müssen. Man lebt am Minimum und das alleine ist Nachhaltig.
Menschen zu finden, die einem in der Not aushelfen. Vor allem finanziell. Mein gebrauchter Laptop, mein altes Fahrrad- das haben mir Freunde gekauft.
Meine Nachbarn und ich leihen uns regelmäßig Geld und machen uns kleine Geschenke. Ein Stück Kuchen für mich und das Kind und eine Schachtel Zigaretten für unsere Nachbarin, wenn gerade etwas Geld da ist.

Ich bin mein Leben lang arm- aber ich besitze auch einen Reichtum welchen wenige Menschen erfahren können.
Meine Lebenserfahrungen haben mich genau hinsehen gelernt und ich bin im ständigen dazulernen.

Nur würde ich gerne einmal lernen, dieses Gefühl „du hast das nicht verdient, du kannst das nicht“ abzulegen.


3 Antworten auf „Gastbeitrag von Anne Bonnie: Class Matters oder: Wer bin ich?“


  1. 1 May 07. September 2017 um 16:32 Uhr

    Ich frage mich gerade, worin wir uns unterscheiden…

    Ich bin in einer Familie ohne viel Geld und ohne Schulabschlüsse groß geworden.

    Aber was sie mir mitgegeben haben ist das Selbstbewusstsein, dass ich alles schaffen kann.

    Nie hat ein Lehrer mir ein anderes Gefühl vermittelt.

    Abitur und Studium mit 1,x.

    Und jetzt absoluter Mittelstand.

    Warum ist das scheinbar so eine Ausnahme?

    Danke für den Text. Ich glaube auch, die kleinen Dinge sind wichtig. Das Glück erkennen, dass man trotzdem hat…

  2. 2 Administrator 12. September 2017 um 12:04 Uhr

    Hallo May,

    ich kenne Deinen Klassenhintergrund nicht, aber wenn Du in die Statistiken schaust, wirst Du schnell sehen, dass der von Dir beschriebene Lebensweg eine Ausnahme ist.
    Ich zitiere aus einem Text in der fiber:

    “ Von 100 Kindern von Akademiker_innen erreichen in Deutschland 77 die Hochschulzugangsberechtigung. Von Kindern aus Arbeiter_innenfamilien sind es 23. Aber die Selektion beginnt nicht erst mit der Hochschule, sondern schon in der Grundschule. Die Hradil-Studie zu „Bildungschancen und Lernbedingungen an Wiesbadener Grundschulen am Übergang zur Sekundarstufe I“ (2006/2007) hält fest, dass eine Gymnasialempfehlung für Schüler_innen aus der so genannten „Unterschicht“ bei gleicher Leistung weniger wahrscheinlich ist, als bei Schüler_innen aus Akademiker_innenfamilien.“

    Für mich sind diese Zahlen Grund zur Solidarisierung. FürDich vielleicht auch?

    Herzlichst,
    ClaraRosa

  3. 3 Tommiboy 21. September 2017 um 13:08 Uhr

    Huhu, die Reaktion zu diesem Beitrag deckt sich so sehr mit meinen Erfahrungen wenn ich was zu Klassismus auf Facebook poste: Ich versuch mal zu dokumentieren was fast immer passiert. Von ca. 200 FB Freund_innen melden sich drei vier Leute zu Wort aus nach eigenen Angaben `bildungsfernen´ Milieus und versuchen meine Thesen, die ich in der Regel so gut es geht mit empirischen Fakten zu begleiten bemüht war mit ihrem persönlichen Beispiel zu widerlegen. Das sind die einzigen Reaktionen, manchmal gibt´s noch eine private Message wo ein Arbeiterkind mir sagt, dass er/sie das ja sehr interessant findet alles und so noch nie drüber nachgedacht hat. Das Ding ist, wenn man in benachteiligten sozialen Schichten sozialisiert wurde und irgendwo mit Bildungsbürger_innen diskutieren kann (wie ich zum Beispiel auch) hat man schon sein `Schicksal´ durch zum Teil günstige Umstände, zum Teil brutal quälende Konfrontation mit den `Anderen´ und harte Arbeit und Selbstzüchtigung ein Stück weit überwunden. Den meißten von uns geht es leider nicht so gut und sie werden da nie rauskommen und sie werden ihr Leben lang die Dummis, die Prolls die Halbnazis sein und als Selbstschutz diese Rolle auch mehr oder weniger konsequent annehmen. Mich macht es jedesmal wütend und traurig wenn ich seh wie die wenigen von uns die irgendwie den Anschluss an ein Leben gefunden haben dass ihnen gut tut so wenig solidarisch sind wenn es Versuche gibt von anderen Leuten aus sozial benachteiligten Familien sich zu emanzipieren und von dem ständigen Anpassungsdruck zu befreien.

    Liebe Grüße-Tommiboy

    P.S.:Ich lass falsche Begriffe und Rechtschreibfehler mal drin und les nich wie früher immer alles fünf mal durch um nicht aus Versehen als Idiot dazustehen. Da hinzukommen war ein langer Weg, aber hier sind wa ja eh unter uns hahaha….
    P.P.S.: Jetz hab icks doch noch mal durchjelesen. Watt willste machen…

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