Archiv für September 2017

Sollen sie doch Kuchen essen*, oder was? Oder: Was uns trennt – und die Verzweiflung darüber, dass Ihr das nicht versteht.

Ich war letztens auf einer Veranstaltung, bei der es um Bestattungen aus machtkritischer Perspektive gehen sollte. Die ganze Veranstaltung war sehr bewegend, viele teilten ihre Geschichten. Trotzdem blieb die Frage nach der Machtkritik – auch im Sinne von Herrschaftskritik – ziemlich weit außen vor. Nach einem Input von Francis Seeck, in dem unter anderem die klassistische Praxis ordnungsbehördlicher Bestattungen dargestellt wurde, gab es noch einen Beitrag aus einem Zine, aus dem persönliche Geschichten vorgestellt wurden. Nach der Pause sollte ein queeres Bestattungsunternehmen aus seiner Praxis berichten. Was folgte war ein Werbeblock zum – enschuldigt den Zynismus an dieser Stelle – schöneren Abschied nehmen für Menschen, die Zugriff auf a. das Wissen haben, dass es alternative Bestattungsunternehmen gibt (für die ordnungsbehördlichen Bestattungen gibt es in Berlin ein zentrales Unternehmen – das günstigste) und b. auch das nötige Geld dafür. Die Frage, wie sie denn als Branche eine Interventionsmöglichkeit in die von Francis Seeck beschriebene klassistische Praxis sehen, wurden an der Frage vorbei mit klassistischen Klischees oder machterhaltenden Floskeln beantwortet: Eine Beerdigung könne ja auch ohne „Konsum“ wie einen teuren Stein oder Luftballons oder Blumen auskommen. Also: Wenn Reiche sich was gönnen ist es Selbstsorge, wenn es materiell Arme tun, dann ist es „Konsum“. Das man es sich als „kleiner Bestatter nicht leisten könne, jetzt alles umsonst“ anzubieten. Als hätte das wer verlangt – aber von einer Veranstaltung mit dem Titel „machtkritische Perspektiven“ hätte ich erwartet, dass das Podium ein wenig auf die aufgezeigten Perspektiven eingeht, statt sich auf eine – die queere – zu beschränken.
Nicht, dass das nicht wichtig wäre – aber ich wurde ja gelockt mit der Ankündigung, auch über Klassenverhältnisse sprechen zu können. Warum mein Vater, wie der von Francis Seeck, in einer einminütigen „Zeremonie“ anonym in einem unmarkierten Stück Friedhof mit vielen anderen unmarkierten Urnen verscharrt wurde. Ich wollte darüber sprechen, wie solche Praxen auf politischer Ebene skandalisiert werden können – und mir nicht wieder anhören, dass die mit wenig Geld sich dann halt eben nicht so viel leisten können.
Ich fühlte mich stark erinnert an eine Veranstaltung bei der Naturfreundejugend. „Die Genossin hat geerbt“ hieß sie. Ich freute mich sehr – es ist in meinem Umfeld so, dass die materiellen Ressourcen perspektivisch extrem ungleich verteilt sind, und dass die, die am lautesten jammern, dass sie kein Geld haben, von ihren Eltern irgendwann mehr Geld erben werden, als ich in meinem ganzen Leben verdienen werde. Geladen war eine Person aus einer Finanzkooperative und eine aus einem Hausprojekt, der seine Erbkohle als Darlehen für das Mietshäusersyndikat in den Topf geworfen hatte. Korrigiert mich, wenn ich da falsch liege – aber: Darlehen heißt zurück bekommen, oder? Wo ist die große Umverteilungsgeste, wenn der Typ die Kohle zurück bekommt?? Und dazu noch in einem Hausprojekt wohnt, wo er mit der meisten Kohle drin steckt? Das Gespräch, dass sich entspann, enthielt dann spannende Statements, wie: „Was soll ich denn mit einer Reihenhaushälfte in Baden Wütemberg?“ als Symbol für das – im Vergleich zu einem „richtigen Erbe“ – materiell abgehängt sein. Mir blieb die Spucke weg. Ich werde – wenn überhaupt – nur Schulden erben. Ein Reihenhaus, oder nur eine Hälfte oder ein Viertel oder ein Achtel wären für mich unfassbarer Reichtum. Für die Leute auf dem Podium? Portokasse! Und das in einem Raum, der sich ausdrücklich mit den Klassenunterschieden in der Linken auseinandersetzen wollte. Vielleicht lag es daran, dass die Veranstalter_innen ihren Sofagästen kein Honorar zahlen .. konnten (?), dass sich eher materiell Privilegierte auf dem Podiumssofa wieder fanden (meinen Rant dazu, wer sich unbezahlte Politarbeit leisten kann findet Ihr hier). Oder daran, dass der Horizont der Vorstellungen darüber, was es heißen kann, materiell arm zu sein, wirklich nicht weiter reicht.
Wir haben die Veranstaltung in der Pause mit einer Reihe von erbosten Leuten verlassen (in der Pause gab es übrigens ein üppiges Buffet für alle, mit Wein und Schnitttchen, das wahrscheinlich teurer als ein – zumindest symbolisches – Referent_innenhonorar gewesen wäre, aber das nur am Rande). In der kleineren Runde hatten wir an dem Abend zumindest noch eine Menge Spaß, auch wenn unser Unverständnis darüber, dass der Horizont einfach nicht so weit reicht, marginalisierte Menschen mitzudenken, manchmal in Verzweiflung umschlug.
Und dass ist es, was mich bei beiden Veranstaltungen wirklich nachhaltig verstört: Dass es wirklich keine Vorstellung oder Sensibilität für die eigene Position zu geben scheint, dass der eigene „gute Willen“ für die meisten erst mal reicht – und zwar meistens, bis für einen selber das „schöne Leben“ (oder auch das würdevollere Sterben) erreicht ist. Nicht, dass das nicht schöne Ziele wären – aber es soll mir bitte niemand so tun, als wäre da eine „machtkritische“ Perspektive drin.
Wenn ihr schon die ganze Zeit davon redet, dass ihr nicht nur ein Stück vom Kuchen wollt, sondern die ganze Bäckerei, dann stellt Euch gefälligst auch hin und macht einen Plan für die, die dann nicht in Eurer schönen Kollektivbäckerei stehen. Oder backt wenigstens Kuchen für sie. Mit Gewinnbeteiligung. Soll ja keine Charity-Aktion werden.

*Die französische Königin Marie Antoinette soll auf den Vorwurf, die Armen könnten sich nicht einmal mehr Brot leisten, geantwortet haben: »Dann sollen sie eben Kuchen essen!« – Ihr Verständnis darüber, was Armut ist, ging damit in etwa so weit wie das der meisten Linken.

Gastbeitrag von Anne Bonnie: Class Matters oder: Wer bin ich?

Es begann mit einer SMS eines Freundes, ob ich nicht Interesse hätte an einer Studie der FU Berlin teilzunehmen, die eine Freundin von ihm durchführe.
Es ginge um Lebensrealitäten und da mein Lebensweg sich doch sehr von der Norm aufhält, hatte er an mich gedacht.

Das Interview wird sich über 4 Stunden erstrecken, bei mir zu Hause samt krankem Kind. Ich wollte den Termin nicht verschieben, da mir als Alleinerziehender gerne mal die sog. Decke auf dem Kopf fällt, bzw. ich mich nach mehreren Tagen alleine zu Hause mich so isoliert fühle, dass ich antriebslos, schlecht gelaunt bis hin zum schleichenden Selbsthass verkümmere.

Ich versuche meine Biographie zu erzählen. Es gibt Momente an welchen meine Interviewerin weint. Und nach meiner freien Erzählung kommen Fragen auf, die sich sämtlich um Kapitalismus und Klasse drehen.

Es ist der Bereich, der einen Großteil meines Lebens definiert. Finanziell nicht privilegiert zu sein. Weder in meiner Kindheit, noch im Alter von 36 Jahren.

Und es ist für mich der Teil, welchen ich am wenigsten zu fassen kriege.

Als ich im Alter von 24 Jahren meine Abitur auf dem 2. Bildungsweg nachholte, hatte ich bis dato nur einen Hauptschulabschluss und keine Ausbildung.
Meine Freundin war der Überzeugung mich auf dem Kolleg zu bewerben und als ich die Aufnahme dorthin geschafft hatte, hatte ich große Angst zu versagen. Der Weg zum Abitur schien mir nicht bestimmt zu sein.
In Sozialwissenschaften habe ich dann eines Tages von einer Studie gehört. Ein Junge der 3. oder 4. Schulklasse verfasst einen Text und dieser wurde diversen Lehrern in Deutschland zu benoten ausgehändigt.
Einmal würde das Lebensumfeld des Kindes mit einem Vater als Journalist und Interesse an Büchern versehen, ein anderes Mal mit einer geschiedenen Mutter und Interesse an Comics.

Die Benotung viel so differenziert aus, dass ich es kaum glauben konnte. Die Noten waren entweder bei 1-2 angesetzt, oder bei 4-5. Ich denke, ich muss nicht erwähnen, welcher familiäre Background welchen Notendurchschnitt hervorbrachte.

Ich bin also 24 Jahre alt und lese diese Studie.
Ich erinnere mich an die 3. oder 4. Schulklasse. Wir sollten frei eine Geschichte aufschreiben. Alle meine Klassenkameradinnen erhielten 1er. Ich war die einzige mit einer 2-.
Ich habe danach nie wieder gerne geschrieben.

War diese Benotung dem Umstand verdient, dass meine Mutter in unserem katholischen, bayerischen Umfeld die einzige geschiedene Frau war? Oder war es doch meine Hyperaktivität, keine Konzentrationsschwäche, die diese Benotung meiner schriftlichen Ausführung rechtfertigte?

Ich war von dieser Studie zutiefst betroffen und begann zu schreiben. Ich habe für mich selbst angefangen zu schreiben, für 2 Erzieherinnen habe ich ihre Abschlussarbeit verfasst und ich habe mich in Texten für Blogs versucht.
Ich schreibe gerne. Manchmal glaube ich, dass dies der einzige kreative Ausdruck ist, welcher mir liegt. Das es MEINS ist.
Aber ich habe diese enormen Selbstzweifel. Bin ich am Ende doch nicht gut genug?
Ich habe ein Leben jenseits vieler Normen und kollektiven Zwänge beschritten, ich bin mir immer treu geblieben und habe so manche Menschen damit verletzt.
Ich versuche mein Leben lang zu lernen und der Wunsch ein intelligenter, emotional aufrichtiger Mensch zu werden.

Ich habe mich anfangs in der „linken“ mit antikapitalistischen Themen beschäftigt, aber zu jung und zu dumm das ganze Ausmaß zu erahnen.
Ich bin Feministin und lebe in Berlin in einer queeren Szene (obwohl selbst CIS und hete) und bin als weiße Mutter eines Schwarzen Sohnes meiner eigenen weißen Privilegien belehrt worden.

Sexismus war die erste Diskriminierungsform welche ich studiert, erlebt und bekämpfen wollte. Es ist diese Form von Erleben, die mich ganz real getroffen haben.
Es sind Worte, die mich zum Objekt degradieren, oder zum Kind. Mich unmündig machen wollen. Es sind Mythen die mir als Mutter meine Indivudualität nehmen. Es sind übergriffige Handlungen, die meine Grenzen überschreiten und mich verletzen. Es sind Institutionen, die mich als Frau zwingen, mich zu rechtfertigen.

Der Klassismus ist aber ein so unsichtbare Kraft, dass es mir schwerfällt, dagegen anzugehen. Sie zu benennen, sie anzugreifen.

Durchzieht er doch mein ganzes Leben.
Fast alle glauben an die Gleichheit und für viele beinhaltet es eben auch den glauben, jeder kann alles erreichen. Sie wissen nichts von Studien, die belegen, dass Kinder aus finanziell schwächer gestellten Familien weniger zukunftsorientiert denken können. Das Kurse, Bücher oder Nachhilfe nicht bezahlbar sein kann. Sie verstehen nicht, wie es sich anfühlt wenn das Geld knapp wird und Rechnungen sich stapeln.
Einst riet mir eine Freundin, ich solle doch einfach ins Schwimmbad fahren, wenn es mir nicht gut ginge. Die Vorstellung das hierfür kein Geld ist, kam ihr nicht.

Aber es ist auch die Kleidung, die mich immer verraten wird. Es ist der lange Kampf, mir eine Sprache anzueignen, mit welcher ich nicht aufgewachsen bin und die mich in meinen kompletten 20iger Jahren innerlich vor Scham auffraß, da ich oft Wörter falsch benutzte.
Es ist euer Lebensstil, welcher so weit entfernt von meinem ist. Deine Urlaubsfotos auf Facebook. Du findest Triggerwarnungen sinnvoll? Wie gerne hätte ich eine Triggerwarnung für die Darstellung deines Luxus, den du ja nicht einmal als solchen begreifst.
Und es ist die tiefsitzende Angst, bei allen Projekten, die ich angehe, zu versagen.
Es sind aber auch die Räume. Wann ich ich mich für (anarchistische) Projekte begeistert habe, kam ich mir zwar willkommen, aber anders vor. Ich habe lange gebraucht um zu realisieren, dass ein familiäres und /oder finanzielles Sicherheitsnetz eben eine Befreiung darstellen können, die ich nicht habe.
Es gibt da diese unsichtbare Linie, die Alltagsprobleme welche nicht konform gehen.
Im Laufe der Jahre haben sich diese Kleinigkeiten als unüberwindbare Probleme für Freundschaften herausgestellt.

Wie soll man eine Freundschaft aufrecht halten, wenn deine Freundin sich schlecht fühlt, da sie glaubt, dir immer den Kaffee zahlen zu müssen?
Natürlich ist sie nicht für meine finanzielle Situation verantwortlich, aber ich bräuchte auch kein öffentliches Café für ein Treffen. Ich leiste mir kein Kino und gehen nie Essen außer einen Makali oder ein Stück Pizza für 2,50€.
Ich kann auch nicht ins Theater oder auf Konzerte mitkommen. Und shoppen verursachte ja auch wieder dieses „Schuldgefühl“ deiner Freundin, wenn sie für eine Hose soviel Geld aufgibt, wie du für ein monatliches Essen.
Beziehungen beruhen auch auf Klasse. Studien belegen, dass man gerne in seinem „Milieu“ datet. Nun habe ich mich aber bildungmäßig sehr von meiner Klasse distanziert. „Oben“ angekommen bin ich aber nicht.

Es ist gibt aber auch eine Kehrseite. Die ist schillernd.
Die Kunst kleine Dinge zu lieben. Den Alltag so frei und schön zu gestalten, dass Urlaub unwichtig wird. Mit kaum Geld jonglieren zu können und Hartz 4 als Alleinerziehende als wahre finanzielle Sicherheit erleben.
Sich über Nachhaltigkeit keine Gedanken machen zu müssen. Man lebt am Minimum und das alleine ist Nachhaltig.
Menschen zu finden, die einem in der Not aushelfen. Vor allem finanziell. Mein gebrauchter Laptop, mein altes Fahrrad- das haben mir Freunde gekauft.
Meine Nachbarn und ich leihen uns regelmäßig Geld und machen uns kleine Geschenke. Ein Stück Kuchen für mich und das Kind und eine Schachtel Zigaretten für unsere Nachbarin, wenn gerade etwas Geld da ist.

Ich bin mein Leben lang arm- aber ich besitze auch einen Reichtum welchen wenige Menschen erfahren können.
Meine Lebenserfahrungen haben mich genau hinsehen gelernt und ich bin im ständigen dazulernen.

Nur würde ich gerne einmal lernen, dieses Gefühl „du hast das nicht verdient, du kannst das nicht“ abzulegen.