Geige spielen mit Cheyenne

Es gibt gerade einen Post auf facebook, in dem die verschiedenen Berliner Bezirke in Ihren – angenommenen – Weihnachtsgebräuchlichkeiten auf die Schippe genommen werden. Kreuzberg wird zum Beispiel das „cosy x-mas dinner with friends“ zugeordnet, Friedrichshain das „erst mal Geschenke holen“ und so weiter. Wedding bekommt „Döner holen“ (!?) und Marzahn: Zoff mit Cheyenne. Cheyenne – wie: Cindy, Mandy, Justin oder Kevin. Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass Namen ein Stigma sein können, das einem Zuschreibungen wie „verhaltensauffällig“ und „weniger leistungsfähig“ einhandeln können (die Studie, die das belegt könnt Ihr selber googlen. Kein Bock gerade).
Dass es sich nicht schickt und irgendwie nicht politisch korrekt ist, sich offen über Namen lustig zu machen, die „nicht-deutsch“ klingen ist bei den meisten meiner bürgerlich-linken Freund*innen mittlerweile angekommen. Geht es aber um „Chantal“, „Kevin“, „Justin“, „Cindy“ oder eben „Cheyenne“ – dann gibt es kein halten. Alleine die Namen auszusprechen, am liebsten mit einem möglichst dümmlichen Gesichtsausdruck und lang gezogenen Vokalen („Keeeeviiiin“) kann in der entsprechenden linken Wohlfühl-WG Lachsalven und gesteigerte Heiterkeit auslösen – vielleicht ein bisschen hinter vorgehaltener Hand – weil eigentlich ist einem ja bewusst, dass das gerade ein wenig fies ist, aber da man statistisch sicher gehen kann, dass keines dieser bildungsfernen Blagen im Raum ist oder mitliest… da kann man untereinander schon mal einen vom Stapel lassen. Ist ja nicht so gemeint – wie immer, wenn der Stock im Arsch kurz raus gezogen wird, um damit nach unten zu schlagen.
Natürlich haben die Prolos in Marzahn dann auch noch Zoff, weil: was sollen die schon anderes machen an Weihnachten, als sich gegenseitig auf´s Maul zu hauen und sich anzuschreien. Ich hab gerade nicht den Nerv, das für Euch auseinander zu nehmen. Könnt Ihr auch nachlesen. Zum Beispiel in Owen Jones` „Chavs – the demonization of the Working Class“. Ihr seid doch so schlau. So viel schlauer als Cheyenne.
Ich hab keine Geduld für versöhnliche Worte, das ist ein anger-post, für den ich mich nicht entschuldigen will. So wenig wie für das nicht-mitlachen, das party-poopen und die Spaßbremse-sein. Ich geh jetzt Geige spielen mit Cheyenne.


3 Antworten auf „Geige spielen mit Cheyenne“


  1. 1 Heartbeat 17. Februar 2017 um 22:26 Uhr

    Ich kann nicht oft genug deine Texte lesen. Du bringst die bittere Tatsache auf den Punkt. Fakt.
    Mach bitte weiter so.

  2. 2 Heartbeat 17. Februar 2017 um 23:10 Uhr

    Jetzt kann ich mich doch nicht mehr zurück halten…Es kommen wieder verdrängte Situationen hoch mit den pseudo möchtegern linken oder Alternativen, als was auch immer die sich bezeichnen…
    Das kein MENSCH bestimmen kann in welchen Verhältnissen es hineingeboren wird, is mir klar. Das gewisse KlassenMuster weiter gegeben werden an die Generationen, ist mir auch klar. Aber sich dann als „Links“ zu bezeichnen, aber die eigenen bürgerlichen ignorante gemeine Haltungen und Äußerungen nicht stets zu hinterfragen und daran zu arbeiten, um vermeintlich ans Ziel:Gerechtigkeit zu kommen ( wie naiv von mir) ist eine Frechheit. Ich komme mit dieser Heuschlerei nicht mehr klar. Die eigene Widersprüche nicht reflektieren oder zu meinen, es nicht zu müssen, ist einfach nur noch erbärmlich…
    Frage mich mittlerweile nochmal: für wen verdammt machen die politik? Für sich selbst ?Um das Gewissen etwas zu bereinigen? Diejenigen die es wirklich betrifft, bewegen sich kaum in linken bürgerlichen Strukturen. Die des betrifft, werden lächerlich gemacht. Die es betrifft werden selbst von den sogenannten „linken“ ausgeschlossenen oder gar nicht in die „Gemeinschaft“ rein gelassen… wie es schon immer war und ist: sie bleiben unter sich…natürlich nicht alle (zum Glück)! Aber leider die Mehrheit, die nicht fähig ist sich an die eigene Nase zu fassen…

  3. 3 Thomas Franke 27. April 2017 um 8:25 Uhr

    Bin grade über den Blog gestolpert und hab mir noch kein komplettes Bild gemacht, aber grade das Verhältnis von bürgerlich linken Menschen und der realen Arbeiterklasse treibt mich auch schon lange um. Die Selbstverständlchkeit mit der die „Primitivität“ und „Rohheit“ der realen Arbeiterklasse in der bürgerlichen Linken angeprangert wird ist ebenso schockierend, wie der Hang von Arbeiternachwuchs in linken Kreisen ihre Herkunft zu verstecken. Letzteres zeigt sich unter anderem darin, dass man hochdeutsch lernt, sich „klassenneutral“ kleidet und sich selbst durch scharfe Rhetorik von primitiven, sexistischen, homophoben Prolls abzugrenzen versucht anstatt diese Eigenschaften auch als Folge struktureller Benachteiligung zu begreifen. Ich bleib mal dran an deinem Blog. Ich hab übrigens auch einen. Der greift auch die Klassenfrage auf, das merken aber nur Menschen mit Antennen dafür. Alle anderen denken sich wahrscheinlich, die Arbeiter sollen mal schön an ihrer Emanzipation arbeiten die ganze Zeit und gefälligst nich noch Spaß haben nach der Schicht, wa?

    https://bummifresse.tumblr.com/

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