So klücklich! Ein unfertiger Text zum Aufstiegsmythos.

Anschließend an den letzten Text, bei dem es um Careleaver ging, soll es in diesem Text um ein nicht neues – aber immer stärker werdendes Phänomen gehen: Die Idealisierung von so genannten „Bildungsaufstiegen“. Um nicht falsch verstanden zu werden: Zugang zu formeller Bildung zu bekommen ist nichts schlechtes. Was ich wirklich problematisch finde ist die Tendenz einen Aufsteiger_innenmythos zu kreieren, der sagt: Jede_r kann es schaffen! Auch Du!

Ob „Arbeiterkind“, „First Generation“ – oder der neueste Clou für Heimkinder: „Klückskind“ – sie alle zielen auf den „Aufstieg“ nach „oben“. Du musst nur Dein Image ändern – den vermeintlichen Makel als verwertbare Ressource präsentieren, dann klappt das schon! Auch Du kannst erste_r sein!

Wer den Bildungstrichter kennt, der wird wissen, dass nur ein Bruchteil der Studierenden einer so genannten „niedrigen sozialen Herkunft“ zugeordnet werden kann. Hierbei wird als Maßstab die formelle Bildung der Eltern – und nicht die ökonomischen Ressourcen angelegt. Primärstufenlehrer_innen sprechen herkunftsklassenbezogene Empfehlungen aus – bei gleicher Leistung werden Akademiker_innenkinder eher für das Gymnasium empfohlen. Und Akademiker_inneneltern schicken ihre Kinder auch bei einer gegenteiligen Empfehlung auf´s Gymnasium, während WorkingClass/PovertyClass-Familien auch bei einer Gymnasialempfehlung zögern ihre Kinder dort hin zu schicken (siehe hier).

Ein weiterer Punkt ist Bildungsfinanzierung: Wer denkt, dass BAFöG eine tolle Möglichkeit ist, den gewünschten Studienabschluss zu bekommen, halte sich bitte kurz vor Augen, dass es einen Riesenunterschied macht, von den Eltern finanziert zu werden und nach dem Studium schuldenfrei zu sein – oder sich direkt danach überlegen zu dürfen, wie man die Kohle zurück zahlen will. Wer jetzt die Idee hat, dass es doch Stipendien gibt: Macht Euch mal den Spaß, bei den Stiftungen nachzuhaken, wie die Verteilung der sozialen Herkunft bei ihren Stipendiat_innen ist. (Ich verrat Euch schon mal: Grund für Optimismus ist das nicht!).

Es gibt also einige – nicht unerhebliche – strukturelle Faktoren, die dafür sorgen, dass kräftig ausgesiebt wird. Die Studien, die ich kenne beziehen sich auf „soziale Herkunft“ und ich möchte wetten, dass eine Studie, die Mehrfachdiskriminierungen und die damit einhergehenden Verstärkungen von Ausschlüssen mitdenken würde, zu noch schärferen Ergebnissen kommen würde.

Zurück zu den Aktivierungsprogrammen. Die wenigsten dort aktiven Menschen bezeichnen sich als „politisch“. Politisch ist „pfui“, Kritik an bestehenden Strukturen ist kontra-produktiv (!), wer sich beschwert stört den Aufstieg auf der engen Sprossenleiter und den geplanten Ablauf. In den Programmen und Events, die ich mir so angetan habe, wurde Kritik am Aufstiegsmythos keinen Raum gegeben. Daran erinnert werden, wo wir her kamen und wen wir auf der Strecke gelassen haben wollte keine_r. Und vor allem nicht dabei gestört werden, wie sich Scheiße schön reden lässt.

Das „Klückskinder“-Programm hat mich dabei zuletzt am meisten schockiert. Hier sollen Heimkinder eben solche Heimkinder vorgesetzt bekommen, die es „geschafft“ haben. Ich schäme mich selten. Aber diese Idee friert mir das Herz zu. Im Leben nicht werde ich mich vor eine Gruppe von mir nicht bekannten Heimkindern setzen, die alle ihre Pakete und Päckchen zu tragen haben und ihnen erzählen, dass auch sie es „schaffen“ können. Wenn sie es nur stark genug wollen. Wobei ich wahrscheinlich gar nicht durch´s Casting käme: Als Leistungs-Vorbild tauge ich nicht wirklich, mein Lebenslauf ist so krumm, dass man darin locker ein paar Runden Achterbahn fahren kann und erzählen kann ich eher von Entfremdung, alleine-sein, unsichtbaren Wänden und Schrammen, die ich mir geholt habe.

Ich bin wieder bei dem Beitrag von Lemn Sissay – was diese Kids und Teens brauchen ist erst mal was anderes, als noch mehr Anforderungen, noch mehr Druck und noch mehr Erwartungshaltung. Ganz irgendwo verstehe ich, dass es einen Bedarf gibt, beweisen zu wollen ,dass wir nicht „dumm“ oder „faul“ sind – aber ich möchte nicht auf eine derart unsolidarische Art gegen meine Leute ausgespielt werden.

***Dank an Bäumchen für den Hinweis auf Klückskind***


4 Antworten auf „So klücklich! Ein unfertiger Text zum Aufstiegsmythos.“


  1. 1 Heartbeat 28. März 2015 um 22:24 Uhr

    Im Kindergarten ging das schon los (in einer bürgerlichen Stadt): keiner wollte mit mir spielen, weil ich kein deutsch sprechen konnte und „anders“ aussah.
    Wurden die sprachlische Defizite oder gar meine integration gefördert ? NEIN! Natürlich nicht. Mit einem ProblemKind, hat man immer Probleme… jaja Probleme…

    So ging ich nicht mehr in den Kindergarten und spielte vor der Haustür oder im Spielplatz, mit den Kindern die aus meinem Mileu kamen.

    In der Grundschule wurde ich eingeschult, obwohl ich kaum deutsch sprechen konnte. Die einzige FreundIn mit der ich im Hof spielte, sprechte meine Muttersprache. Die LehrerInnen hatten entschieden, dass ich nicht mehr mit ihr spielen darf. Aus dem Grund: ich solle mich integierien. Alles andere als integrieren war das, es hieß für mich „Sozialer Tod“ im Schulhof und Motto: Mobbing!

    Unser Hauptschullehrer hatte uns damals gesagt, dass er uns eh wieder ALLE beim McDonalds arbeiten sieht ect. pp.! Zu einer SchulkameradIn sagte er: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Motto: Mobbing!

    -->Soviel zu professionelle (angeblich) pädagogische Fachkräfte!!!

    Als ich auf eine weiterführende Schule gehen wollte, um mein Realschulabschluss nachzuholen, hieß es: „Das schaffst du nicht, das Niveau ist zu hoch, mache lieber eine Ausbildung“. Die Noten haben gerade noch so gerreicht, dass ich einen Platz auf eine zwei Jährige Berufsfachschule bekam.

    Auch während der Berufsfachschule hieß es, „Mache eine Ausbildung, das Fachabi wäre auch eine Nummer zu hoch.“

    Um mit meiner Fachhochschulreife bundesweit mich bewerben zu können, musste ich ein halbjähriges Praktikum in einem kaufmännischen Bereich absolvieren. Ich habe nur absagen bekommen. Durch das Nachverfahren hatte ich dann die Möglichkeit an einer Hochschule zu studieren.

    und an dieser Hochschule hatte ich einfach das GLÜCK, eine ProfessorIn kennen gelernt zu haben, die mich nicht nach meinen Leistungen bewertete, sondern mein Engagement schätzte und unterstützte. Jemand ohne, dass ich etwas sagen musste, meine Situationen erkannte und Sensibilität mir entgegen brachte. Und das ist mittlerweile drei-vier Jahre her, und da hatte sie mich auf classism aufmerksam gemacht.(So ein Glück, passiert mir nicht nochmal).

    An der Universität sieht das schon ganz anders aus. Als wäre dieses bürgerliche, nicht anstregend genug, sagt eine HOCHanerkannte ProfessorIN, in meiner mündlichen Prüfung, zu mir, dass ich nicht gut genug wissenschaftlich arbeiten kann und wenn ich nicht daran arbeite ( Also Leistung zeige, u.a. theoretisch, sprachlich) werde ich bei meiner Masterverteidigung große Proleme haben.
    Sie sagte mir meine mündliche Note, mit einem Gesichtsausdruck, als würde meine Welt untergehen: 2,3!
    Ich freute mich und das irritierte Sie. und dann wollte ich auch nur schnell weg!
    Ich habe erfahren, dass die Leistungen der Studierende so hoch und gut sind, dass ihre Noten im 1´er drehten… naja, schön für sie.

    Was hat die gute ProfessorIn noch zu mir gesagt: „Klassismus an sich kann man so nicht sagen“.
    Ganz klar eine Abwehr gegenüber den Begriff. Eine Abwehr gegenüber den Begriff Klassismus, von einigen ProfessorInnen, wenn ein paar überhaupt wissen, was der Begriff bedeutet (hoffe ich mittlerweile)
    An meiner alten HS, gabs ein Plakat über den Begriff Klassismus. Schade, dass DIE Universität, die sich als kritisch bezeichnet, so ein großes Problem mit dem Begriff hat.

    (Ich bereue es teilweise, an die Universität gegangen zu sein und spiele immer noch mit den Gedanken abzubrechen, habe zwar mittlerweile einen ProfessorIn gefunden, der das Thema Klassismus interessiert, aber mir von Anfang gesagt hat, dass er sehr viel Wert auf Äußerungen und Sprache legt)… Löst das nicht Druck aus? und weitere negative Gefühle…

    Schade, wenn viele Bürgerliche, sich angegriffen fühlen, oder diese Thematik als etwas „persönliches“ betrachten…schade…
    Klassismus hat viele Gesichter und ich hoffe, dass mehr Bewusstsein und Wahrnehmung dafür geschaffen wird……..

    Achja:
    Danke BAFÖG, dass all traumatischen Erfahrungen, die Menschen aus verschiedenen Gründen, am eigenen Leib gespürt hatten, die wieder hoch kommen, durch das kontaktieren: leiblicher Eltern(Vater und/oder Mutter)*! Ein großes Problem, der bei BAföG immer noch kein Ende hat… ein Problem nach dem anderen.
    Dann verschuldet man sich doch lieber bei Krediten, um weitere Demütigungen zu verhindern.

  2. 2 Heartattack 14. November 2015 um 22:30 Uhr

    Zum Glück ist dieser Blog nicht mehr in Betrieb.

  3. 3 Administrator 14. November 2015 um 22:39 Uhr

    you wish!

  4. 4 harharhar 23. Dezember 2015 um 4:29 Uhr

    Tja heartattack :) :)
    nice reaktion^^

    Ich freue mich als nicht aufgestiegene sondern eher abgestiegene über deinen Text! :)
    Gerade wie dieses Phänomen auf dich wirkt und wie du solidarisch bleiben magst, gibt mir wiederum das gefühl, weniger schuld an meiner position zu sein, sondern eher wut auf diese scheiß verhältnisse zu haben.
    Und ein wenig über das aufsteigen zu lachen.

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