Archiv für März 2015

So klücklich! Ein unfertiger Text zum Aufstiegsmythos.

Anschließend an den letzten Text, bei dem es um Careleaver ging, soll es in diesem Text um ein nicht neues – aber immer stärker werdendes Phänomen gehen: Die Idealisierung von so genannten „Bildungsaufstiegen“. Um nicht falsch verstanden zu werden: Zugang zu formeller Bildung zu bekommen ist nichts schlechtes. Was ich wirklich problematisch finde ist die Tendenz einen Aufsteiger_innenmythos zu kreieren, der sagt: Jede_r kann es schaffen! Auch Du!

Ob „Arbeiterkind“, „First Generation“ – oder der neueste Clou für Heimkinder: „Klückskind“ – sie alle zielen auf den „Aufstieg“ nach „oben“. Du musst nur Dein Image ändern – den vermeintlichen Makel als verwertbare Ressource präsentieren, dann klappt das schon! Auch Du kannst erste_r sein!

Wer den Bildungstrichter kennt, der wird wissen, dass nur ein Bruchteil der Studierenden einer so genannten „niedrigen sozialen Herkunft“ zugeordnet werden kann. Hierbei wird als Maßstab die formelle Bildung der Eltern – und nicht die ökonomischen Ressourcen angelegt. Primärstufenlehrer_innen sprechen herkunftsklassenbezogene Empfehlungen aus – bei gleicher Leistung werden Akademiker_innenkinder eher für das Gymnasium empfohlen. Und Akademiker_inneneltern schicken ihre Kinder auch bei einer gegenteiligen Empfehlung auf´s Gymnasium, während WorkingClass/PovertyClass-Familien auch bei einer Gymnasialempfehlung zögern ihre Kinder dort hin zu schicken (siehe hier).

Ein weiterer Punkt ist Bildungsfinanzierung: Wer denkt, dass BAFöG eine tolle Möglichkeit ist, den gewünschten Studienabschluss zu bekommen, halte sich bitte kurz vor Augen, dass es einen Riesenunterschied macht, von den Eltern finanziert zu werden und nach dem Studium schuldenfrei zu sein – oder sich direkt danach überlegen zu dürfen, wie man die Kohle zurück zahlen will. Wer jetzt die Idee hat, dass es doch Stipendien gibt: Macht Euch mal den Spaß, bei den Stiftungen nachzuhaken, wie die Verteilung der sozialen Herkunft bei ihren Stipendiat_innen ist. (Ich verrat Euch schon mal: Grund für Optimismus ist das nicht!).

Es gibt also einige – nicht unerhebliche – strukturelle Faktoren, die dafür sorgen, dass kräftig ausgesiebt wird. Die Studien, die ich kenne beziehen sich auf „soziale Herkunft“ und ich möchte wetten, dass eine Studie, die Mehrfachdiskriminierungen und die damit einhergehenden Verstärkungen von Ausschlüssen mitdenken würde, zu noch schärferen Ergebnissen kommen würde.

Zurück zu den Aktivierungsprogrammen. Die wenigsten dort aktiven Menschen bezeichnen sich als „politisch“. Politisch ist „pfui“, Kritik an bestehenden Strukturen ist kontra-produktiv (!), wer sich beschwert stört den Aufstieg auf der engen Sprossenleiter und den geplanten Ablauf. In den Programmen und Events, die ich mir so angetan habe, wurde Kritik am Aufstiegsmythos keinen Raum gegeben. Daran erinnert werden, wo wir her kamen und wen wir auf der Strecke gelassen haben wollte keine_r. Und vor allem nicht dabei gestört werden, wie sich Scheiße schön reden lässt.

Das „Klückskinder“-Programm hat mich dabei zuletzt am meisten schockiert. Hier sollen Heimkinder eben solche Heimkinder vorgesetzt bekommen, die es „geschafft“ haben. Ich schäme mich selten. Aber diese Idee friert mir das Herz zu. Im Leben nicht werde ich mich vor eine Gruppe von mir nicht bekannten Heimkindern setzen, die alle ihre Pakete und Päckchen zu tragen haben und ihnen erzählen, dass auch sie es „schaffen“ können. Wenn sie es nur stark genug wollen. Wobei ich wahrscheinlich gar nicht durch´s Casting käme: Als Leistungs-Vorbild tauge ich nicht wirklich, mein Lebenslauf ist so krumm, dass man darin locker ein paar Runden Achterbahn fahren kann und erzählen kann ich eher von Entfremdung, alleine-sein, unsichtbaren Wänden und Schrammen, die ich mir geholt habe.

Ich bin wieder bei dem Beitrag von Lemn Sissay – was diese Kids und Teens brauchen ist erst mal was anderes, als noch mehr Anforderungen, noch mehr Druck und noch mehr Erwartungshaltung. Ganz irgendwo verstehe ich, dass es einen Bedarf gibt, beweisen zu wollen ,dass wir nicht „dumm“ oder „faul“ sind – aber ich möchte nicht auf eine derart unsolidarische Art gegen meine Leute ausgespielt werden.

***Dank an Bäumchen für den Hinweis auf Klückskind***