Archiv für Februar 2015

Staatskinder

An der einen oder anderen Stelle habe ich ja schon mal erwähnt, dass ich einen nicht unerheblichen Teil meiner Jugend in einem Heim verbracht habe. Das gehört zu den Dingen, die ich in Alltagsgesprächen gern auslasse (siehe hier warum). Ein Vortrag von Lemn Sissay „A child of the state“ („Ein Kind des Staates“) lässt mich nun aber seit einigen Wochen nicht mehr los. Viele der Dinge, die er sagt treffen mich direkt ins Herz.

18 Jahre hat er in „Care“ (ich benutze den Begriff als umfassenden Begriff für alle möglichen Formen der Jugendhilfe, von Heimunterbringungen über Pflegefamilien bis hin zu betreutem Einzelwohnen) verbracht. „I´m reporting back“ — sagt er. „Ich erstatte Bericht“, wie er das Care-System sieht. Seiner Auffassung nach tritt der Staat an Stelle der Familie, als Fürsorgetragender. Er beschreibt Kinder im Care-System als Kinder, die besondere Fürsorge brauchen, die es verdient haben – gerade wegen der besonderen Verletzbarkeit, der sie ausgesetzt sind – in dem Moment, in dem sie in das System kommen sicher zu sein, sich sicher und geliebt zu fühlen – und nicht wie eine besondere Bedrohung. Lemn Sissay schlägt vor, Kinder in Care so zu behandeln, als wären es unsere eigenen Kinder, das beste für sie zu fordern – die beste Ausbildung, die beste Therapie und die besten Möglichkeiten.

Wie viele Kinder in Care hat Lemn Sissay den Satz „You are a great survivor“ („Du bist ein großartiger Überlebender“) bis zum Erbrechen gehört. Er erwidert darauf: „Ich möchte nicht überleben – ich möchte leben!“. Am liebsten würde ich hier den ganzen Text transkribieren und übersetzen, weil er so toll ist. Das Care-System umwerfen will er, die Perspektive auf Heim-/Pflegekinder verändern – von bemitleidendem von oben herab zu einer Kultur des Respekts. „Diese Kinder sind Stars!“ sagt er. Auch wenn – oder gerade wenn – sie ihr Trauma wegtreten, wüten, schreien und boxen.

Realitätscheck: In den meisten Fällen ist das nicht so. Als Kind in das Care-System geworfen zu werden kann eine Reihe von weiteren Traumatisierungen nach sich ziehen. Molly McGrath Tierney beschreibt in einem Vortrag das staatliche Wirtschaftssystem, das hinter Pflegefamilien steht und wie in vielen Fällen eine Kindesentnahme (ja, so heißt das) verhindert werden könnte, wenn auf die Probleme in der Herkunftsfamilie früher und anders regiert werden würde. Ich möchte keine Diskussion darüber führen, ob und wann es sinnvoll wäre, ein Kind aus der Familie zu nehmen – ich möchte aber den Punkt von Molly McGrath Tierney stärken, dass ein Umdenken weg von einer Pflegekinderindustrie die Zahl der Kindesentnahmen drastisch senken könnte.

Die Gratwanderung zwischen Lemn Sissay und Molly McGrath Tierney ist, dass Lemn Sissay ein Care-System vorschlägt, in dem Care-Gebende – Erzieher_innen, Sozialarbeiter_innen, Jungendamtmitarbeiter_innen – hemmungslos und grenzenlos parteilich und empathisch mit den Ihnen Anvertrauten Kindern und Jugendlichen sind, während Molly McGrath Tierney das Care-System am liebsten abschaffen – oder über einen Perspektivwechsel radikal verändern möchte.

Ich stimme beiden zu. Wenn es unbedingt notwendig erscheint, ein Kind aus seinem gewohnten Lebensumfeld heraus nehmen zu müssen, wenn alles versucht wurde, dieses Lebensumfeld zu unterstützen, ein sicheres Zuhause zu bieten- dann sollte dieses Kind – oder dieser Jugendliche – ein Umfeld vorfinden, das ihn mit offenen Armen empfängt. Spätestens dann sagt: Ab jetzt bist Du sicher! Lass uns mit Deinem Heilungsprozess beginnen! Wir sind für Dich da!

Was nach einer Kindesentnahme folgt, ist meistens ein herum-gereicht-werden von einer Institution in die nächste, von Notaufnahmen über Pflegefamilien/Heimgruppen bis zu Therapieeinrichtungen und Kliniken. In einem Twitter-Chat mit Bäumchen stellten wir fest, dass es Kinder und Jugendliche in unseren Heimen gab, die als besonders erziehungsbedürftig galten und die dann für immer aus unseren Einrichtungen verschwanden. In unserem Heim gab es ein Geschwistertrio, von denen alle in unterschiedliche Einrichtungen und Kliniken gebracht wurden, weil sie als „schwer erziehbar“ galten. „Schwer erziehbar“ war das Label, das es zu umgehen galt, wenn man nicht noch kontrollierter weggesperrt werden wollte. Gut im Heim zu funktionieren hieß, die eigenen Traumata möglichst unbemerkbar zu machen und nach außen stark zu wirken. (Damit wären wir wieder bei der dauernden Bewunderung für die „survivor“ – siehe oben, you get the Kreislauf…).

Im Care-System sein heißt auf vielen Ebenen stärker sein müssen, als es von anderen in Deiner Altersgruppe – oder überhaupt je von irgendjemandem – verlangt wird. Im Care-System sein heißt einen Platz zum leben für einen Bewilligungszeitraum zu bekommen, der weiter genehmigt werden muss. Dafür wird ein „Hilfeplan“ erstellt. In einem Hilfeplangespräch. Dort sitzt Du mit dem Jugendamt, deiner Erziehungsberechtigten Person (meistens Eltern), Bezugsbetreuern und gegebenenfalls noch einer Leitungsperson (also 3-4 Erwachsenen), die Hilfeplanziele entwickeln – Ziele, die so ins persönliche formuliert sind, dass Menschen ohne diesen Staatszugriff empört nach ihrer Privatsphäre schnappatmen würden. (Das mit der Privatsphäre hatte ich nicht gelernt – meistens waren wir Kinder aus Familien, auf die der Staat aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage schon Zugriff genommen hatte – Kinder aus armen Stadtvierteln oder Sozialhilfefamilien (Hartz IV gab es damals noch nicht). Du warst es gewohnt, dass Du Deine privatesten Gewohnheiten offen legen musstest, um Deine Grundbedürfnisse decken zu können).

Diese Verwirtschaftlichung vom sozialen Bereich, in dem zwischenmenschliche Arbeit messbar gemacht werden muss und hilfebedürftige Menschen zu Kunden werden, denen eine Dienstleistung angeboten wird, ist eine der unmenschlichsten Entwicklungen, die es gibt. Wenn Ziele zwischen Care-Gebenden und Jugendlichen nach dem SMART-Modell formuliert werden müssen, als ginge es hier um Projektmanagement.

Im Care-System heißt auch, dass Deine Hilfe mit 18 Jahren, oder auf von Dir selbst formulierten Antrag vielleicht ein paar Jahre darüber hinaus, endet. Dass Du Dich um Deine Finanzierung, Dein Wohnen, Deine Ausbildung selbst kümmern musst. (Schon mal eine Wohnung in dem Alter ohne Bürgen gesucht? Viel Glück! Oder eine Ausbildung, die bezahlt werden müsste? Eine (selbstverwaltete!) Schule in Berlin wollte mich trotz Offenlegung meiner „besonderen“ Situation (oder deswegen) nicht nehmen – das müsste dann die ganze Schule (inklusive Schüler_innen) gemeinsam in einer Abstimmung entscheiden, ob ich mein Abitur ohne Bürgen dort machen könnte..das würde ich ja sicher nicht wollen…Bonusfrage: Schon mal nen BAFöG-Antrag gestellt, wenn beide Eltern unbekannt oder unbekannt verzogen sind?) Kinder und Jugendliche aus armen Familien haben schon beschissene Startbedingungen – arm, ohne Eltern und als Careleaver verschlechtern sich Deine Chancen noch mal erheblich.

Zu meinem Glück gibt es Personen wie Lemn Sissay. Oder Bäumchen. Und es gibt sogar ein Careleaver-Netzwerk (von denen ich inständig hoffe, dass sie nicht wie Arbeiterkind in einem Leistungs-auch-Du-kannst-was-werden-Chakka verbleiben), die mir die Wut geben, diesen Text zu schreiben.

Lemn Sissay fordert sein Publikum dazu auf, sich vorzustellen, dass ihre eigenen Kinder, oder die Kinder ihrer Kinder, im Care-System landen – und sich davon ausgehend zu überlegen, welche Fürsorge sie sich für diese jungen Menschen wünschen. Das müsste der Maßstab für jegliche Care-Arbeit sein.

We are reporting back!

Und wir fordern, dass sich etwas ändert.

(Ergänzend sei Euch noch dieser Text ans Herz gelegt.)