Because – you know – it´s all about that space, ´bout that space….*

Ich habe in den letzten Wochen viel zu „manspreading“ gelesen – zu dem Phänomen, dass sich Männer* selbstverständlich öffentlichen Raum nehmen, also zum Beispiel in der voll besetzten Bahn gern mal 3 Sitzplätze mit einer Sporttaschengrätsche belegen. Das Problem: Weil sie es gewohnt sind Raum zu bekommen, fühlen sie sich auch berechtigt, diesen einzunehmen. In einem Video zum Phänomen versuchte eine Frau* den gleichen Raum einzunehmen, wie sie es bei Typen gesehen hatte, mit dem Ergebnis, dass sie sich bescheuert und angegafft vorkam – teilweise sogar gefilmt und fotografiert wurde. Das perfide: Sie war es nicht gewohnt, sich Raum zu nehmen, deshalb fühlte es sich für sie falsch und komisch an.

Was auch immer von solchen vereinfachten Videoexperimenten zu halten ist: Es bringt eine wichtige Sache auf den Punkt: Wer privilegiert ist, fühlt sich berechtigt, einen Raum einzunehmen, Privilegien zu nutzen und dass nicht mal zu bemerken. Auf Spiegelungen oder bewusst-machen wird mit Abwehr und Lächerlich-machen reagiert – und die, denen der Raum weggenommen wird fühlen sich nicht ausreichend berechtigt, ihn zurück zu nehmen. „Entitlement“ – sich berechtigt fühlen, ist gerade mein Lieblingsstichwort, um dieses Muster zu benennen.

Wer nimmt sich einen Raum mit Klassenprivilegien – und wie? Mein plastischstes Beispiel ist Sprache. Hier geht es mir nicht nur um die vermittelten Inhalte, sondern auch darum ,wie geredet werden darf, um gehört zu werden. Die Prololesben formulierten diese Problematik in einer Empowermentveranstaltung auf der Berliner Lesbenwoche 1987 (!!):

„Bürgerliche reden in der Öffentlichkeit, z.B. auf Lesbenveranstaltungen, in der Uni, etc., wir nicht. Bürgerliche reden lange und viel, oft in wohlformulierten Sätzen, sie bestimmen den Tonfall.
In Gruppen mit Bürgerlichen haben wir immer das Gefühl, etwas falsches zu sagen, nie den richtigen Tonfall zu treffen, immer ins Fettnäpfchen zu treten.
Wir beherrschen ihre Höflichkeitsformen nicht, sie finden uns befremdlich und lassen sich das auch anmerken.
Wenn wir schon mal sagen, dann hastig und so schnell, in halben Sätzen, um uns überhaupt ins Gespräch einzubringen.
Wir sprechen oft Dinge aus, die die Bürgerlichen sich nicht zu sagen trauen, wir bringen Sachen kurz auf einen Nenner, was sie dann wieder komisch (sie lachen!) oder zu drastisch finden.“

Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie ich in meinen ersten linken Plena saß und mich nicht traute irgendwas zu sagen. Wie ich nach einem Plenum manchmal einen Gedanken formulierte und komisch angeschaut wurde, dass ich mich nicht in dem vorgesehenen Rahmen geäußert hatte. Ein besonders eindringliches Erlebnis war für mich ein Großplenum bei einer bundesweiten Veranstaltung, bei der ich es irgendwann schaffte zu sagen, dass ich etwas nicht verstanden hatte. Die Antwort? Hat sich in meinen Kopf eingebrannt, deshalb kann ich sie wörtlich wiedergeben: „Es gibt halt Wissenshierarchien, dann müssen sich die Leute das anlesen!“ Ich war im treffendsten Sinne des Wortes sprachlos. Sprachlos gemacht worden. Ich war damals empört und aufgebracht – es gab ein, zwei Genoss_innen, die mir zuhörten – politisch problematisiert wurde die Äußerung nicht.

Das möchte ich hiermit – 20 Jahre später – tun. Ich war das Paradebeispiel für die Person, der Bürgerliche nicht zuhörten – ich reagierte emotional, aufgebracht und ich flippte aus, verließ das Plenum unter Tränen und musste „getröstet“ werden, mir versichern lassen, dass ich nicht „dumm“ bin und mir Tipps geben lassen, was ich denn alles lesen könnte, um mitreden zu können. Was nicht gesagt wurde: Dass es ein Problem ist, dass sich eine Person dazu durchringt zu sagen „Hey – ich versteh das hier gerade nicht!“ – und dann mit der bildungsbürgerlichen Keule – emotionslos und vielleicht mit einer hochgezogenen Augenbraue – aus dem Raum geworfen wird. Das Problem ist, dass Bürgerliche gelernt haben, dass man nie, nie, niemals zugibt etwas nicht zu wissen und das Kämpfe mit angeblich neutralen Worten ausgefochten werden. Das Problem ist nicht mein vermeintliches nicht-wissen, sondern der Club von Leuten, die sich gestört fühlen, wenn nachgefragt wird, was denn da gerade geredet wird.

Dass die Art, wie gesprochen wird keineswegs neutral ist, fasst Hannelore Bublitz in „Ich gehörte irgendwie so nirgends hin… Arbeitertöchter an der Hochschule“ zusammen:

„Wir redeten viel über unsere Sprachlosigkeit. Darüber, dass wir sprachlos gemacht werden durch Aufforderungen, der Reihe nach systematisch vorzugehen, vorzutragen, zu erläutern, zu erklären. Wir fanden heraus, dass sprachlos werden etwas zu tun hat mit Stolz und mit menschlicher Würde, mit unserem ‚Klassenbewußtsein‘. Und dass es bei uns immer dann besonders auftritt, wenn der andere uns in gewählter höflicher Form klar macht, was wir so ausdrücken würden: „Mensch, du hast ja von Tuten und Blasen keine Ahnung“, oder „Was suchst Du denn hier?!“ (im Sinne von „was hast du denn hier verloren?“). Die Gewalt, die man mit höflichen, aber bestimmten Worten anrichten kann, kann sich jemand, der mit Worten und Argumenten aufgewachsen ist, gar nicht vorstellen.“

Gabriele Theling beschreibt die Mittelschichtssprache als eine Zweitsprache, die gelernt werden muss:

„Die Arbeitertöchter wachsen zweisprachig auf. Innerhalb des proletarischen Lebenszusammenhangs der Familie und teilweise des privaten Freundeskreises sprechen und erlernen sie die Arbeitersprache [..] Innerhalb der bürgerlichen Umwelt lernen und sprechen Arbeitertöchter dagegen die bürgerliche Sprache.“ („Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden“)

Warum ich den Umgang mit Sprache mit „manspreading“ vergleiche? Weil hier die gleichen Mechanismen am Werk sind. Eine bestimmte Sprache bestimmt in Verbindung mit einem bestimmten Auftreten den Raum. Hinweise auf diese Dominanz werden als störend empfunden oder lächerlich gemacht. Wer sich Gehör verschaffen will nimmt sich Raum, über 3 Sitze oder einen ganzen Saal. Wer sich dabei komisch vorkommt, diesen Raum zu nehmen, wird ins Schweigen abgedrängt.

Ich habe mit meiner Herkunftsfamilie aus vielen Gründen komplett gebrochen. Was ich – seit ich 14 bin – kenne sind Wahlfamilien, meist zusammengesetzt aus Linken, die ihre eigene Bürgerlichkeit nie thematisierten, während sie mein Proll-sein immer wieder heraus stellten und bearbeiteten. Wohlwollend oder herablassend meine Sprache, meine Körperhaltung, mein Lachen kommentierten und korrigierten, bis ich mich selbst kaum noch wieder erkennen konnte. Meine Sprache, mein ich, sind von dieser bürgerlichen Be-Sozialisierung (Ja! Ich meine BE!) geprägt – und ich versuche mein bestes, mir andere Räume zu suchen, in denen bürgerliche Normen thematisiert werden können.

Sich Raum zurück zu nehmen ist ein politischer Akt. Einen Raum schaffen, in dem die eigene Stimme (wieder) gefunden werden kann ist für mich politisch wichtiger, als zu versuchen mich für Bürgerliche verständlich auszudrücken oder nachvollziehbar zu machen – oder weiter zu versuchen, ihre Anerkennung zu bekommen.

Mit den Worten von Atilla Pişkin aus dem Text „Hassen.jetzt“:

„Es ist an der Zeit, dass ihr einmal zuhört. Das sollte nicht so schwierig sein. Ihr habt immer massenweise Texte in euren Händen. Ihr seid es gewohnt zu lesen, zu analysieren, zu diskutieren. Ihr müsst dabei nur einmal für eine Weile den Mund halten. […] ..wir wollen nicht mehr länger darauf warten, , bis wir einmal zu Wort kommen. Mir ist es egal, ob ihr mir zustimmt oder nicht. Alles, was ich will, ist dass ihr ruhig seid und zuhört – dass der Spieß einmal umgedreht wird. Wir haben das übliche Spielchen zu lange gespielt, zu oft und zu perfekt“.

blablabla

* In Anlehnung an „All about that bass“ von Meghan Trainor, kann der Titel mit „Weißt Du – es geht hier um den Raum“ übersetzt werden. Mein Popkulturherz konnte nicht anders <3


9 Antworten auf „Because – you know – it´s all about that space, ´bout that space….*“


  1. 1 Kitty-Butterpony 22. Januar 2015 um 1:01 Uhr

    Hey, ein wirktlich toller Text.

    In dem Satz: „Meine Sprache, mein ich, sind von dieser bürgerlichen Be-Sozialisierung (Ja! Ich meine BE!) geprägt“ was bedeutet BE da? Bürgerliches Engagement?

    Beste Grüße und hoffe auf viele weitere Texte von dir

  2. 2 Administrator 22. Januar 2015 um 12:22 Uhr

    Hallo Kitty-Butterpony,

    das „BE“ bezieht sich auf das „be-sozialisieren“. „Bürgerliche Sozialisation“ passt nicht auf mich, weil ich keine hab. „Re-Sozialisierung“ fand ich nicht passend, da es – für mich – ausdrückt irgendwohin zurück sozialisiert zu werden, wo ich nie herkam. „Be-Sozialisierung“ hab ich in dem Text für mich neu erfunden, weil es für mich ausdrückt, dass es etwas aufgedrücktes, aufgezwungenes ist. (Wie bei „belabern“ oder „bearbeiten“.)

    Vielen Dank für Dein Feedback!
    Viele Grüße,
    CR

  3. 3 m.payer 23. Januar 2015 um 10:02 Uhr

    Guter Text, interessante Analyse. Spricht aus was ich oft fühle. Danke!

  4. 4 Hannah 24. Januar 2015 um 14:47 Uhr

    ein guter wichtiger Text

    ich glaube manchmal auch, dass so Wahrnehmbarkeit (im Sinne von Sicht und Hörbarkeit) immer wichtiger werden, je mehr Kommunikationsmöglichkeiten man hat. Einerseits gibts da ganz viel mehr Möglichkeiten sich auszudrücken (und auch wahrgenommen zu werden) andererseits auch mehr Möglichkeiten „weggemacht“ zu werden.

    Viele Grüße!

  5. 5 Menschenwürde 25. Januar 2015 um 13:00 Uhr

    Das kommt mir Persönlich so bekannt vor… weil ich noch immer ähnliches hin und wieder überall erlebe…“Sprachlosigkeit“ beschreibt mich sehr genau, ich fühle mich sehr oft Sprachenlos vor allem als Migrantin und Deutsch nicht als Muttersprache hat und in erwachsenenalter selbst beigebracht hat. Besonders sehr witzig finde ich es: die sich Akademisch und sehr reflektiert bezeichnen, fühle ich mich genau von die Personen sehr oft Diskriminiert, denen ist oft nicht einmal bewusst… Vielen Dankt für die guten Artikel und Text…
    Viele Grüße

  6. 6 roy black 01. März 2015 um 18:50 Uhr

    hey,du sprichst mir aus der seele und ich bin froh das ich damit nicht alleine bin.ich komme aus ziemlich schwierigen verhältnissen und studiere mittlerweile mit anfang dreißig.für mich ist das etwas besonderes zu studieren,für andere der selbstverständliche platz den sie im leben einnehmen.es tut mir manchmal einfach nur weh wie andere akademische linke genussvoll nach unten treten und ihre eigene position im leben nicht hinterfragen.
    gruß

  7. 7 Hearbeat 28. März 2015 um 1:17 Uhr

    Ich finde die bürgerliche Sprache teilweise sehr herablassend und arrogant.
    Ich fühlte mich unter den bürgelischen linken, als wäre ich in einem „Club der moralischen Überlegenden“.
    Wollte ich etwas beitragen, wurde dies nie richtig ernst genommen oder weiterhin thematisiert…geschweige auf Dauer reftlektiet. Hat man geschwiegen, wurde das als „komisch“ betrachtet, als hätte man keine Meinung.
    Manche haben nicht verstanden:
    dass es auch Menschen gibt, die kein bock auf Selbstinszenierung haben! Sondern wichtige gesellschaftliche Themen SOLIDARISCH: verstehen,lernen, reflektieren etc. wollen. Auch mal zum Ausdruck zu kommen wollen, und um nicht mehr weiterhin Naiv gehalten zu werden.
    -------------------------------------------------------------

    Ich möchte vor Wut schreien!
    Schreien aus Hilflosigkeit,
    Schreien um endlich wahrgenommen zu werden…
    Schreien, damit die Wut eine Welle wird…
    Schreien, weil ich sonst untergehe…
    Schreien, um mich nicht mehr weiterhin Ohnmächtig zu fühlen…

    Schreien… vor der Sprachlosigkeit…

  8. 8 Laila 08. Juli 2015 um 17:26 Uhr

    Danke für den tollen Text. Ich habe ihn gerade zum dritten mal gelesen. Ich weiß gar nicht wie oft ich mich gerade in der Uni ohnmächtig, sprachlos und dumm gefühlt habe. Heute war es wieder besonders schlimm, deshalb habe ich deinen Text gerade noch mal gelesen und er hat mir Kraft gegeben.
    Danke das du ausgesprochen hast wofür ich gerade nur Tränen habe.

  9. 9 DuScHelm 02. September 2015 um 5:41 Uhr

    Vom Scheitern beim Versuch Raum einzunehmen
    Ich habe meinerseits versucht Raum einzunehmen, in einer Umgebung die vorgab ein geschützter Raum zu sein. Ich hatte mir einen Ort erträumt, an dem ich lernen kann mich gleichberechtigt zu fühlen. Nicht das erste mal – wie dumm von mir! Denn wieder einmal sehe ich mich rausgekickt, im wahrsten Sinne des Wortes. Das ich zu verschwinden habe, weil es mit mir nicht aushaltbar sei und alle „Befürchtungen“ sich bewahrheitet hätten wurde mir deutlich gemacht indem ich angespuckt wurde – wie Abschaum eben.

    Weil ich nich genüge:
    Weil ich wieder einmal am Versuch scheiterte ihre Sprache zu sprechen. Weil ich nicht weiß wie zur Hölle ich mich verständlich machen soll, denn das was ich zu sagen versuche wird aus irgend einem Grund nicht gehört oder verstanden oder nur so gehört und weiter gegeben wird es gerade passt. Und wenn ich es tatsächlich schaffe mit Argumenten zu kommen erweist sich meine Meinung garantiert als falsch.
    Und weil ich versuche ganz nett zu sagen, das ich nicht einverstanden bin mit ihrer gut bürgerlichen hetero Art sich gut und die anderen schlecht zu reden und Regeln aufzustellen an die sich alle anderen nur sie selbst nicht halten müssen. Alles häppchenweise und immer irgendwie höflich, (naja is ja alles nich so schlimm und wir haben für alles ne Begrüngung-Kacke). Aber wehe ihre Absprachen werden nicht stets so perfekt einhalten.. Nein, auch wenn es dafür Gründe gibt – geht gaaar nicht!
    Und weil ich ab und zu den Wunsch durchklingen ließ mitgedacht werden zu wollen. Weil ich gesagt habe was mir nicht passt und ja auch gezeigt habe, daß mich dieses ständige übergangen werden wütend macht.

    Nun wird vollmundig erklärt es sei mir nur „Zuflucht gewährt“ worden in „ihren Raum“ – ungeachtet der Tatsache, das ich ja auch Miete bezahle. Aber für den Anfang stimmte das schon, ich wurde aus einer Notsituation heraus aufgenommen (ab und zu). Und ich bin unendlich dankbar dafür. Aber Aber, wer wird denn auf die Idee kommen es habe sich hierbei um eine rein freundschaftliche Geste gehandelt. Nee, wohl doch eher ein Handel. Denn jetzt habe ich dankbar zu sein, ihrer Meinung zu sein, nicht wiedersprechen, Schnauze halten, stets zuverlässig meine Aufgaben erfüllen… eine Schuld zu begleichen?! (komisch nur, wenn ich sage, ich kenne das von meinem Elternhaus wird missbilligend der Kopf geschüttelt)

    Und sie wissen ganz genau, dass ich bei ihrem klugen Dahergerede nicht den Hauch einer Schnitte habe, das sie viel mehr Energie und Puste haben mit ihren Sicherheiten, Namens Mami und Papi und sonstige Familie in der Hinterhand. Verlangen, dass ich innerhalb von 2Wochen eine andere Bleibe für mich finde, mit der Behauptung garniert sie würden das locker schaffen, vergessen dabei welchen Gehaltscheck sie potentiellen Vermieter_innen vorweisen könnten.. Unterdessen Bücher über Klassismus lesend, auch wissend das ich mich ebenso wie meine Eltern nicht grundlos mit Putzen über Wasser halte.

    Das alles und noch viel mehr macht mich sprachlos, dieser erneut gescheiterte Versuch Raum zu teilen / mit einzunehmen wirft mich gefühlt um Jahre zurück, ich verspüre gewaltige handlungsunfähigkeit, wut, energielosigkeit, atemnot.

    Blogs liebe Clara Rosa sind mir fremd aber Oh, ich bin froh endlich Deinen Blog geöffnet zu haben. Dein Text berührt so viele meiner eigenen wunden Punkte.. und obwohl ich nicht wollte schrieb ich plötzlich drauf los und wage es nun hoffentlich auch zu senden, verbunden mit dem Wunsch deine anderen Texte auch bald lesen und am Thema dran bleiben zu können und der Frage wie Vernetzung nur möglich sein kann..

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