Archiv für Januar 2015

Because – you know – it´s all about that space, ´bout that space….*

Ich habe in den letzten Wochen viel zu „manspreading“ gelesen – zu dem Phänomen, dass sich Männer* selbstverständlich öffentlichen Raum nehmen, also zum Beispiel in der voll besetzten Bahn gern mal 3 Sitzplätze mit einer Sporttaschengrätsche belegen. Das Problem: Weil sie es gewohnt sind Raum zu bekommen, fühlen sie sich auch berechtigt, diesen einzunehmen. In einem Video zum Phänomen versuchte eine Frau* den gleichen Raum einzunehmen, wie sie es bei Typen gesehen hatte, mit dem Ergebnis, dass sie sich bescheuert und angegafft vorkam – teilweise sogar gefilmt und fotografiert wurde. Das perfide: Sie war es nicht gewohnt, sich Raum zu nehmen, deshalb fühlte es sich für sie falsch und komisch an.

Was auch immer von solchen vereinfachten Videoexperimenten zu halten ist: Es bringt eine wichtige Sache auf den Punkt: Wer privilegiert ist, fühlt sich berechtigt, einen Raum einzunehmen, Privilegien zu nutzen und dass nicht mal zu bemerken. Auf Spiegelungen oder bewusst-machen wird mit Abwehr und Lächerlich-machen reagiert – und die, denen der Raum weggenommen wird fühlen sich nicht ausreichend berechtigt, ihn zurück zu nehmen. „Entitlement“ – sich berechtigt fühlen, ist gerade mein Lieblingsstichwort, um dieses Muster zu benennen.

Wer nimmt sich einen Raum mit Klassenprivilegien – und wie? Mein plastischstes Beispiel ist Sprache. Hier geht es mir nicht nur um die vermittelten Inhalte, sondern auch darum ,wie geredet werden darf, um gehört zu werden. Die Prololesben formulierten diese Problematik in einer Empowermentveranstaltung auf der Berliner Lesbenwoche 1987 (!!):

„Bürgerliche reden in der Öffentlichkeit, z.B. auf Lesbenveranstaltungen, in der Uni, etc., wir nicht. Bürgerliche reden lange und viel, oft in wohlformulierten Sätzen, sie bestimmen den Tonfall.
In Gruppen mit Bürgerlichen haben wir immer das Gefühl, etwas falsches zu sagen, nie den richtigen Tonfall zu treffen, immer ins Fettnäpfchen zu treten.
Wir beherrschen ihre Höflichkeitsformen nicht, sie finden uns befremdlich und lassen sich das auch anmerken.
Wenn wir schon mal sagen, dann hastig und so schnell, in halben Sätzen, um uns überhaupt ins Gespräch einzubringen.
Wir sprechen oft Dinge aus, die die Bürgerlichen sich nicht zu sagen trauen, wir bringen Sachen kurz auf einen Nenner, was sie dann wieder komisch (sie lachen!) oder zu drastisch finden.“

Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie ich in meinen ersten linken Plena saß und mich nicht traute irgendwas zu sagen. Wie ich nach einem Plenum manchmal einen Gedanken formulierte und komisch angeschaut wurde, dass ich mich nicht in dem vorgesehenen Rahmen geäußert hatte. Ein besonders eindringliches Erlebnis war für mich ein Großplenum bei einer bundesweiten Veranstaltung, bei der ich es irgendwann schaffte zu sagen, dass ich etwas nicht verstanden hatte. Die Antwort? Hat sich in meinen Kopf eingebrannt, deshalb kann ich sie wörtlich wiedergeben: „Es gibt halt Wissenshierarchien, dann müssen sich die Leute das anlesen!“ Ich war im treffendsten Sinne des Wortes sprachlos. Sprachlos gemacht worden. Ich war damals empört und aufgebracht – es gab ein, zwei Genoss_innen, die mir zuhörten – politisch problematisiert wurde die Äußerung nicht.

Das möchte ich hiermit – 20 Jahre später – tun. Ich war das Paradebeispiel für die Person, der Bürgerliche nicht zuhörten – ich reagierte emotional, aufgebracht und ich flippte aus, verließ das Plenum unter Tränen und musste „getröstet“ werden, mir versichern lassen, dass ich nicht „dumm“ bin und mir Tipps geben lassen, was ich denn alles lesen könnte, um mitreden zu können. Was nicht gesagt wurde: Dass es ein Problem ist, dass sich eine Person dazu durchringt zu sagen „Hey – ich versteh das hier gerade nicht!“ – und dann mit der bildungsbürgerlichen Keule – emotionslos und vielleicht mit einer hochgezogenen Augenbraue – aus dem Raum geworfen wird. Das Problem ist, dass Bürgerliche gelernt haben, dass man nie, nie, niemals zugibt etwas nicht zu wissen und das Kämpfe mit angeblich neutralen Worten ausgefochten werden. Das Problem ist nicht mein vermeintliches nicht-wissen, sondern der Club von Leuten, die sich gestört fühlen, wenn nachgefragt wird, was denn da gerade geredet wird.

Dass die Art, wie gesprochen wird keineswegs neutral ist, fasst Hannelore Bublitz in „Ich gehörte irgendwie so nirgends hin… Arbeitertöchter an der Hochschule“ zusammen:

„Wir redeten viel über unsere Sprachlosigkeit. Darüber, dass wir sprachlos gemacht werden durch Aufforderungen, der Reihe nach systematisch vorzugehen, vorzutragen, zu erläutern, zu erklären. Wir fanden heraus, dass sprachlos werden etwas zu tun hat mit Stolz und mit menschlicher Würde, mit unserem ‚Klassenbewußtsein‘. Und dass es bei uns immer dann besonders auftritt, wenn der andere uns in gewählter höflicher Form klar macht, was wir so ausdrücken würden: „Mensch, du hast ja von Tuten und Blasen keine Ahnung“, oder „Was suchst Du denn hier?!“ (im Sinne von „was hast du denn hier verloren?“). Die Gewalt, die man mit höflichen, aber bestimmten Worten anrichten kann, kann sich jemand, der mit Worten und Argumenten aufgewachsen ist, gar nicht vorstellen.“

Gabriele Theling beschreibt die Mittelschichtssprache als eine Zweitsprache, die gelernt werden muss:

„Die Arbeitertöchter wachsen zweisprachig auf. Innerhalb des proletarischen Lebenszusammenhangs der Familie und teilweise des privaten Freundeskreises sprechen und erlernen sie die Arbeitersprache [..] Innerhalb der bürgerlichen Umwelt lernen und sprechen Arbeitertöchter dagegen die bürgerliche Sprache.“ („Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden“)

Warum ich den Umgang mit Sprache mit „manspreading“ vergleiche? Weil hier die gleichen Mechanismen am Werk sind. Eine bestimmte Sprache bestimmt in Verbindung mit einem bestimmten Auftreten den Raum. Hinweise auf diese Dominanz werden als störend empfunden oder lächerlich gemacht. Wer sich Gehör verschaffen will nimmt sich Raum, über 3 Sitze oder einen ganzen Saal. Wer sich dabei komisch vorkommt, diesen Raum zu nehmen, wird ins Schweigen abgedrängt.

Ich habe mit meiner Herkunftsfamilie aus vielen Gründen komplett gebrochen. Was ich – seit ich 14 bin – kenne sind Wahlfamilien, meist zusammengesetzt aus Linken, die ihre eigene Bürgerlichkeit nie thematisierten, während sie mein Proll-sein immer wieder heraus stellten und bearbeiteten. Wohlwollend oder herablassend meine Sprache, meine Körperhaltung, mein Lachen kommentierten und korrigierten, bis ich mich selbst kaum noch wieder erkennen konnte. Meine Sprache, mein ich, sind von dieser bürgerlichen Be-Sozialisierung (Ja! Ich meine BE!) geprägt – und ich versuche mein bestes, mir andere Räume zu suchen, in denen bürgerliche Normen thematisiert werden können.

Sich Raum zurück zu nehmen ist ein politischer Akt. Einen Raum schaffen, in dem die eigene Stimme (wieder) gefunden werden kann ist für mich politisch wichtiger, als zu versuchen mich für Bürgerliche verständlich auszudrücken oder nachvollziehbar zu machen – oder weiter zu versuchen, ihre Anerkennung zu bekommen.

Mit den Worten von Atilla Pişkin aus dem Text „Hassen.jetzt“:

„Es ist an der Zeit, dass ihr einmal zuhört. Das sollte nicht so schwierig sein. Ihr habt immer massenweise Texte in euren Händen. Ihr seid es gewohnt zu lesen, zu analysieren, zu diskutieren. Ihr müsst dabei nur einmal für eine Weile den Mund halten. […] ..wir wollen nicht mehr länger darauf warten, , bis wir einmal zu Wort kommen. Mir ist es egal, ob ihr mir zustimmt oder nicht. Alles, was ich will, ist dass ihr ruhig seid und zuhört – dass der Spieß einmal umgedreht wird. Wir haben das übliche Spielchen zu lange gespielt, zu oft und zu perfekt“.

blablabla

* In Anlehnung an „All about that bass“ von Meghan Trainor, kann der Titel mit „Weißt Du – es geht hier um den Raum“ übersetzt werden. Mein Popkulturherz konnte nicht anders <3