Archiv für November 2014

Märchenstunde

Dieser Comic ist aus einem Chat entstanden, bei dem es – unter anderem – darum ging, wie Erzählweisen angepasst werden; damit über haupt zugehört wird. (Danke dafür!)
Es ging auch um die beleidigten, aggressiven und abwehrenden Reaktionen, wenn eins nicht mehr die_der Märchenerzähler_in sein will. Die könnt Ihr Euch dazu denken.

maerchenstunde

Auf der technischen Seite: Photoshop und ich werden nur eingeschränkt Freund_innen… hab lieber wieder von Hand coloriert :)

Creative Commons Lizenzvertrag
Maerchenstunde von ClaraRosa ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Zum „sliding scale“ und meinen Problemen damit.

Bei vielen Veranstaltungen oder KüFa´s (Küche für alle) gibt es mittlerweile Bezahlung nach Selbsteinschätzung. Das heißt, dass es mir überlassen ist, wie viel ich zahlen möchte/kann/will. In der Regel wird eine bestimmte Spanne zur Orientierung vorgegeben. Das ist im Grunde eine gute Idee. Nur – woran misst es sich, wer wie viel bezahlen kann – oder will?

Bei einem Brunch, den ich lange mitorganisiert habe, haben wir mit Begleittexten darauf aufmerksam gemacht, was der Brunch mit Betriebskosten, (unter)bezahlter Arbeitskraft, Material (und Mehreinkauf) und Miete kostet. Daraus haben wir eine Spanne errechnet, bei der die Mitte unsere Ausgaben decken würde und darauf hingewiesen, dass wir uns wünschen, dass sich alle einen Brunch leisten können – und deswegen die mit mehr Geld – bitte – auch mehr zahlen sollten. Solidarische Umverteilung also.

In der Realität sah das so aus, dass viele auf die Frage „Was zahlst Du für den Brunch?“ mit einem Aufzählen der Dinge, die sie gegessen hatten, Servicebeschwerden (!) oder Überforderung reagierten. Das heißt, dass der sliding scale nicht als Möglichkeit einer solidarischen Praxis gelesen wurde, sondern in einer kapitalistischen „Ich hatte nur ein Brötchen, deswegen zahl ich weniger“ – oder gleich als „mein Kaffee kam erst nach 10 Minuten und die Tresenkraft hat nicht gelächelt“-Servicebewertungs-Logik.

Von den Leuten, die mit ganzen Gruppen kamen und für das Bandfrühstück der Kappellen vom Vorabend, wo der Eintritt 8 Euro kosten sollte (fix!) abgezählt den Minimalbetrag auf den Tresen legten ganz zu schweigen. (Ja – es ist eine kleine, kleine Szene – und sowas macht schlechte Laune…)

Mein Glaube in freiwillige, solidarische Umverteilung ist seitdem ganz schön erschüttert. Dazu kommt, dass die meisten Menschen, die in Armut oder in der Arbeiter_innenklasse aufwachsen in der Regel mehr als den Minimalbetrag zahlen (wollen), obwohl sie diejenigen wären, an die sich das Angebot richtet. Marcia Hill schreibt dazu in „Classism and feminist therapy“ („Klassismus und feministische Therapie“)

“.. viele Leute mit Armuts – oder Arbeiter*innenklassenhintergrund [sind] besonders gewissenhaft bei meiner Bezahlung, weil sie wissen, wie wichtig es ist für die eigene Arbeit bezahlt zu werden und sind stolz, in der Lage zu sein, ihre Rechnungen zu bezahlen. Ich verhandle Preise mit meinen Klient*innen, und ich habe oft erlebt, dass es für die, mit mehr (aber limitierten) Ressourcen, ziemlich einfach war, weniger als den vollen Preis zu zahlen, weil sie sich zu solchen Ermäßigungen berechtigt fühlten. Leute mit weniger Geld können es sehr schwierig finden, das, was sie als Almosen empfinden, anzunehmen, und ich habe mich schon in der komischen Situation befunden, jemanden zu bereden, weniger zu zahlen.“

Diese Beobachtung, dass diejenigen mit mehr materiellen Mitteln sich zu Ermäßigungen berechtigt sehen, habe ich oft gemacht. Dabei wird kein Unterschied gemacht, ob es darum geht, dem Staat und dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen (Super!) oder Menschen aus dem eigenen politischen Umfeld auszubeuten.

Marcia Hill vermutet, dass Menschen mit materiellen Ressourcen sich für ihre Privilegien schämen und dass sie aus Angst vor Neid – oder Ärger – zu dem Thema schweigen (und die Gewohnheit an materielle Ressourcen dies einfacher macht ). Nun gibt es also ein beidseitiges Schweigen: die ohne Geld zahlen lieber mehr – aus Angst vor Armuts-Outings, aus Stolz oder aus Solidarität und die mit Geld zahlen weniger, auch aus Angst vor Outings und dem Ausnutzen der Tatsache, dass im Gegensatz zur – vorgeblichen – Scham über Privilegien, die Scham über das Ausnutzen solidarisch organisierter Strukturen meist ausbleibt.

Sliding scales – oder auch gestaffelte Bezahlungen – sind keine neue Idee. Vom Zeitungsabonnement, über das Nahverkehrsticket bis hin zum Veranstaltungseintritt kann – teilweise nach Selbsteinschätzung, teilweise mit Nachweisen, gespart werden. Dass die Selbsteinschätzung nicht mein_e Freund_in ist, habe ich nun schon deutlich gemacht. Allerdings habe ich auch ein Problem mit einer Praxis, in der Nachweise gefordert werden.

Solange es nicht der Studierendenausweis ist, der auf eine bestimmte, bildungsprivilegierte Position hinweist, der nichts – aber auch gar nichts – über die materielle Situation einer Person aussagt und der nicht mit dem Stigma sozialer Ausgrenzung verbunden ist, kann das Vorzeigen von Nachweisen mit Scham und Outings verbunden sein. Wer möchte schon gern im Opernhaus den Hartz IV-Bescheid zücken? Oder im Sportverein die Person sein, die immer weniger einzahlt?

Ich habe letztes Wochenende den Versuch gemacht, eine – nachweisfreie – Spendenempfehlung für ein Zine, das ich aus verschiedenen Blogtexten und Zitaten zusammengestellt habe, zu erstellen – ganz glücklich bin ich damit nicht, weil der Outingfaktor auch hier nicht wegfällt…. Die Spendenempfehlung hatte zwei Achsen: „soziale Herkunft“ und „Bildungsprivilegien“. An dem einen Ende der Achse „soziale Herkunft“ stand „Mittelschicht, besitzende Klasse,..“, am anderen „arm, Arbeiter_innenklasse,…“. Bei „Bildungsprivilegien“ gab es am einen Ende „“Ungelernte, Angestellte,…“ und den gegenüber „studiert, akademisch, Handwerker_innen mit Abitur…“ (letztere werde ich noch einmal in einem gesonderten Text aufgreifen). Die Spendenempfehlung generierte sich dann aus der Stellung in diesem Koordinatensystem zwischen 0,00 € (oder Spende) und 1,50 € (oder mehr).

Die oben genannten Punkte machen es mir schwer auszuwerten, welche Gruppe für das Heft nun wie viel gezahlt hat. Und ich hoffe schwer, dass die fehlenden Hefte von den Leuten mitgenommen wurden, denen ich es von Herzen gern geschenkt hätte. Aber die haben wahrscheinlich (zu viel) dafür bezahlt.

Spendenempfehlung

Das Zine gibt es zum online-anschauen hier.