Hömma zu.

oder: Vielleicht kann mich datt ja ma wer verklickern wie dat mit die kwiere kommjunity funzen soll, wenn die datt nich ma richtich hinkrijen sich jejenseitich zuzuhöan, ohne dat die nen Lachkrampf kriejen wenn datt nich irjendwie na Uni klingt.

Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Mein Dialekt ist Platt. Ruhrplatt. Oder: Mein Dialekt WAR Ruhrplatt.

Mit dem Erwerb einer so genannten „höheren Bildung“ habe ich mir diesen Dialekt abtrainiert. Nicht bewusst – niemand kam daher und hat mir gesagt, dass ich so nicht sprechen soll. Es war einfach klar, dass eine gebildete Person „Hochdeutsch“ spricht. „Hochdeutsch“ = gebildet, „Plattdeutsch“ = ungebildet. Das sind einfache Gleichungen, die nicht über Ge- und Verbote organisiert werden, die Regeln sind unausgesprochen.

Oder um das noch mal in Unisprache zu zitieren (ich geb mir ja Mühe mich für alle verständlich zu machen):

„Erlangt eine besondere Sprache oder Kultur Allgemeinheit, hat dies zur Folge, daß alle anderen in die Besonderheit zurückverwiesen werden, und leistet außerdem, da die Verallgemeinerung des Zugangs zu den Mitteln einhergeht, ihnen zu genügen, der Monopolisierung des Allgemeinen durch einige wenige und der Enteignung aller anderen Vorschub, die damit in gewisser Weise in ihrem Menschsein versehrt sind.“ (Bourdieu)

In der Uni Ruhrplatt zu sprechen wäre für mich undenkbar gewesen. Ich war viel zu sehr darum bemüht, so „intelligent“ und „gebildet“ – sprich mit einer Menge an Daten und Wissen, die als wissens- und anerkennenswert gelten, ausgestattet – zu erscheinen, wie meine Kommiliton_innen. Viele der WorkingClass/PovertyClass-Studierenden, mit denen ich spreche, haben in der Uni das Gefühl, ständig zu „faken“, am falschen Platz zu sein und irgendwann „enttarnt“ zu werden. Sich dann noch mit einem Dialekt zu entblößen käme für die meisten nicht in Frage.

Eine der häufigsten Reaktionen auf meinen Dialekt ist: Lachen. Unabhängig vom Thema. Irgendwann entgleist meinen Gegenübern immer das Gesicht, wenn sie Platt hören. Sie „meinen das dann nicht böse“ – können sich aber vor lauter Amüsement nicht mehr auf das Gesagte konzentrieren. Bei einer Spoken-Word-Show zu einem völlig anderen Thema sprach eine der Personen kölschen Dialekt. Völlig unvermittelt. In einem Stück, dass sich mit Genderthemen befasste. Großer Lacher. Nun wäre ich eine der letzten Personen, die sich darüber beschweren würde, dass gelacht wird – ich würde mir sogar wünschen, dass öfter, lauter und herzlicher gelacht würde – aber in diesen Situationen geht der gefühlte Witz am Respekt vorbei und ist schlicht nicht lustig.

Ich beziehe mich ja oft und gern auf den Mikrokosmos der queeren Szene in Berlin, der m.E. von vorne bis hinten durchakademisiert ist und die habituellen Gepflogenheiten aus der Uni in die vermeintlich „alternativen“ Räume mit der gleichen Brutalität, Arroganz und Ignoranz hereingetragen werden wie in Seminarräume. Meinem direkten sozialen Umfeld hab ich mittlerweile vermitteln können, das es verletzend und respektlos ist, wegen eines Dialekts die Inhalte von Gesagtem nicht mehr wahr zu nehmen. Wäre schön wenn es auch noch beim Rest ankommt.


11 Antworten auf „Hömma zu.“


  1. 1 Pinke Liechtenstein 06. Februar 2014 um 13:10 Uhr

    Find ick jut! Ich eigne mir das auch zusehends wieder an, obwohl dann oft dann auch bei mir selbst ironisierend. Was mich wirklich nervt, ist so ein Bashing vor allem gegenüber ostdeutschen Dialekten. Noch ein Gedanke: In einer Metropole wie Berlin ist das mit den Dialekten irgendwie dann auch schwierig, weil ja jede*r von Haus aus was anderes spricht bzw. mal gesprochen hat. Aber … trotzdem weiß mensch ja schon irgendwie immer, wer wann warum wie lacht, nicht wahr? Nichts gegen ein kurzes Amüsemang wegen einer vielleicht ungewohnten Mundart, aber dann auch wieder das Gegenüber ernst nehmen, dit wär ’ne schicke Sache.

  2. 2 Diandra 06. Februar 2014 um 15:25 Uhr

    Ich habe eine Kollegin, die spricht Arabisch mit Schweizer Akzent – das finde ich großartig. Hab noch nie gelacht. (Ich spreche Kein-Arabisch mit westfälischem Akzent.) Sie bringt uns jetzt Schweizer Schimpfwörter bei. So fluppt das mit der interkulturellen Kommunikation.

  3. 3 automat 08. Februar 2014 um 17:43 Uhr

    danke!

  4. 4 blumseltsam 11. Februar 2014 um 10:58 Uhr

    Mit starkem Norddeutschen Akzent:

    „Wie geht`s?
    „Beschissen ist geprahlt!“

    Für mich völlig „normal“, solche Sprüche. Andere mögen das vielleicht als derb empfinden.

    Mir ist erst ziemlich spät aufgefallen, dass sich meine Art mich „akademischer“ auszudrücken, familiär auswirkte. Ich denke, es trug zum Gefühl der Entfremdung maßgeblich bei.

    Student war ich ja nie, aber an fachlichen Inhalten interessiert, und so übernahm ich Sprachmuster, von Leuten, mit denen ich darüber schnacken konnte; teils unbewusst, teils absichtlich, um auf deren „Level“/“Niveau“ zu sein.

    Nun konnte ich mich mit AkademikerInnen, Ober- und MittelschichtlerInnen unterhalten, doch meine Family + Umkreis deutete die angewandte Sprache als … ja, wie soll ich das sagen … Ich denke am besten passt, wenn auch überspitzt gesagt: „feindlich“. Damit will ich herausstellen, dass ich nun redete, wie die Leute von denen sie sich regelmäßig runtergemacht fühlen.

    Als mir das dann endlich auffiel, begann ich rumzuexperimentieren. Norddeutsch ist, glaube ich, gesellschaftlich akzeptierter, als andere Dialekte, doch in Berlin, beschäftigt in eher prekären Arbeitsverhältnissen, konnte ein „Moin“ am Nachmittag meine Vorgesetzten schon erzürnen :D (für die, die es nicht wissen: In Norddeutschland kannste den ganzen Tag „moin“ sagen, außer auf dem Bau, zur Mittagszeit. Da wird dann Mahlzeit gesagt).
    Oder manchmal, wenn ich an mehrheitlich akademischen Diskussionen teilnehme und eben etwas mehr Sprachelemente meiner Unterschichts-Roots mit einstreue, spüre ich da auch Ablehnung und es kommen vermehrt Tone-Arguments.

    Was mir zudem merkwürdig vorkam: Wenn ich auf so gutbürgerlich sozialisierte Menschen getroffen bin, die, wenn sie „Arschloch“ und „Scheiße“ sagten, auf mich nicht wirklich authentisch wirkten. Die Betonung, das vorher Ein- oder danach Ausatmen, das Wann, einfach das Wie, kam mir instinktiv deplaziert vor und ich habs mir dann nicht nehmen lassen, nach den ökonomischen Verhältnissen zu fragen. Ich weiß nich, ob ihr/du das kenn(s)t. Wenn es schick ist, ein wenig „Assi“, einen Hauch Unterschicht zu sein? Auf arm zu machen, um sich etwas sozialmodischen Glanz zu verleihen? Fühlte sich für mich voll beschissen an; schon lange bevor ich den begriff Klassismus kannte.

    Als eines der wenigen Kinder in meinem Umfeld, durfte ich die Erfahrung machen, im „Ausland“ zu sein. Fern von allen Ängsten gegenüber anderer Sprache, konnte ich mich sehr gut als Norddeutsch sprechendes Kind mit Französisch sprechenden Kindern unterhalten. Das funktionierte, denn es fand nämlich mit Interesse, lustigem Respekt und vor allem auf Augenhöhe statt.

    Ich erzähle das, weil diese schöne Erfahrung mir immer wieder Kraft und Mut verlieh, um meine Sprachmuster zu überdenken.

    Gruzz

    Achja … schön hier wieder was lesen zu können. Danke für den Artikel.

  5. 5 habse 26. März 2014 um 18:53 Uhr

    Ich finde es ganz schön krass, dass du allen Menschen, die aufgrund ihrer Sozialisation einen Dialekt sprechen, bzw: als Dialekt sprechende PErson markiert werden, mit dem Blogeintrag nochmal einen reindrückst. Im Sinne von: so wie du bist, nimmt dich niemand ernst und gilst du als dumm.

    mut macht das nicht gerade, bereue sehr dass ich den beitrag Gelesen habe, fühle mich jetzt nicht unbedingt sonderlich gut.

    eine bessere markierung vielleicht vor dem Text wäre angebracht gewesen, um Leute, die sich nicht erniedrigen lassen wollen, davor zu warnen.

    Hast du sicherlich nicht böse gemeint. ich mag deinen Blog sehr gerne. Aber sowas geht halt einfach nich

  6. 6 Administrator 28. März 2014 um 2:21 Uhr

    hallo habse,
    danke für die rückmeldung.
    ne – so war das sicher nicht gemeint.
    kann ich in zukunft besser drauf achten.
    beste grüße,
    CR

  7. 7 trippmadam 06. April 2014 um 12:32 Uhr

    Nun ja, ein gemäßigtes Hochdeutsch dient zumindest der Verständigung unter Menschen aus unterschiedlichen Regionen. Aber den speziellen Sprachgebrauch an der Uni habe ich seinerzeit auch beobachtet (außer beim Maschinenbau-Prof, der sprach ungehemmt saarländisch.

    Hier in Bayern ist es so, dass der Dialekt ganz stark zu Identifizierung dient. Wenn Du nachfragen musst oder etwas nicht verstehst, outest Du Dich als nicht zugehörig und kriegst im schlimmsten Fall ordentlich auf die Mütze.

  8. 8 A. 12. Juli 2014 um 21:23 Uhr

    „..dass der Dialekt ganz stark zu Identifizierung dient. Wenn Du nachfragen musst oder etwas nicht verstehst, outest Du Dich als nicht zugehörig…“

    Als Kind nichtdeutschsprachiger Menschen habe ich das ganz stark so erlebt. Deutschsprachige Umgangssprache („Hochdeutsch“ ist doch eher die Schriftsprache und wird kaum gesprochen, oder nicht?) zu verstehen oder Dialekte sind zwei ganz verschiedene Dinge. Es ist eben nicht nur eine andere Aussprache und Worte sondern auch ein ganz bestimmter Tonfall, oft mit festen Phrasen, die weit weniger individuell abgewandelt werden als in der Umgangssprache. Für Außenstehen wirkt Dialekt viel uniformer (und damit auch tendentiell bedrohlich, oft klingt Dialekt meiner Meinung nach auch recht grob) als die Umgangssprache, die viel individueller, persönlicher und situationsangepasster klingt – und damit gefühlsmäßig einen Raum eröffnet, auch selbst mitzureden, auch wenn eins selbst nicht ganz genau gleich wie die anderen klingt.

    Ich merke gerade, dass ich ein wenig das Thema verfehlt habe… Den Tenor deines Einganspostings kann ich nämlich trotz eigener genuiner ‚Dialektlosigkeit‘ schon nachvollziehen!

  9. 9 SchwarzRund 20. August 2014 um 9:54 Uhr

    Hey ClaraRosa,

    Tausend dank sehr verspätet für diesen Beitrag! Habe ihn vor einiger Zeit gelesen und sehr geliebt! Sowhl die Uni-wie auch die queeren erlebnisse kann ich nur bestätigen und meine Plattreste die ich sprach und so geliebt und gepflegt habe sind mittlerweile gänzlich weg.

    Ab und an mal dat du min levsten büst hören und die sprache lieben -das hilft

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Schwarzgeld und Geiz, Klassismus und Körperbehaarung – die Blogschau Pingback am 08. Februar 2014 um 16:53 Uhr
  2. 2 blumseltsam | Wochenrückblick Februar Pingback am 16. Februar 2014 um 13:31 Uhr
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