Archiv für Juli 2013

Liebe Wendy,

ich habe Dich gestern gesehen. Nicht zum ersten mal, aber zum ersten mal in einem Raum mit vielen Leuten. Und alle haben über Dich gelacht.
Nicht dass Du das bemerkt hättest – sie sollten ja über Dich lachen. Du warst das Klischee der Arbeiter_innenklassenfrau. Deine Schminke: grell. Deine Kleidung: billig, bunt, sexualisiert. Dein Auto: alt. Dein Verlangen: zugellös. Deine Femininität: überzeichnet, dein Name: mit Vorurteilen belegt. Du warst eine Karikatur. Und Du hast funktioniert.
Nachdem sich das Lachen gelegt hatte und Du von der Leinwand verschwunden warst wurdest Du imitiert. Du warst der perfekte Zerrspiegel für das, was ein_e Queerfeminist_in offenbar nicht zu sein hat. Deine Gesten, Dein Aussehen, Deine Bewegungen, Deine Sprache – ganz einfach Du: Unerwünscht, lächerlich gemacht, entwertet, eine Oberfläche.
Aber Wendy – Dir kann das egal sein.
Denn Du bist wunderbar. Und schlau. Und Du hast ein großes Herz. Du nimmst Dir was Du brauchst – und Du findest Wege es zu bekommen. Du trittst lautstark für Dich ein und lässt Dir nichts gefallen.
Den Macker, den Dir die Drehbuchautor_innen zur Seite gestellt haben, hast Du durchschaut und Du weist genau, wie Du mit ihm umgehen willst.
Und – obwohl Deine Affäre Randy mit Dir Schluss macht und Dir eine reiche, klassische Musik hörende, ein fettes Auto fahrende Upperclass-Lady als neue Freundin vorhält bist Du sofort da, als die beiden in Schwierigkeiten geraten. Du klaust Geld von Deinem Mann, Du nimmst das Risiko in Kauf erwischt zu werden, um ihnen das Geld auch noch vorbei zu bringen – und vor allen Dingen fragst Du nicht, warum die neue, reiche Freundin nicht ihre protzige Karre verkauft oder ob sie nicht viel mehr Kohle zur Verfügung hat als Du.
Denn das gibt es in Deiner sozialen Welt nicht: Sich raus zu halten, wenn Deine Freund_innen in der Klemme sitzen. Oder daran zweifeln, dass Deine Hilfe jetzt gerade benötigt wird. Du bist einfach da. Ohne große Fragen. Ohne Vorwürfe. Ohne moralische Vorhaltungen.
Ich wäre gern mit Dir befreundet. Und ich würde das gern von Dir fern halten – das Lachen. Die Überheblichkeit. Das von-Dir-abgrenzen-müssen. Aber das ist eher mein Problem.
Denn Du würdest das alles wahrscheinlich gar nicht beachten oder Dich darüber aufregen. Wahrscheinlich würdest Du Dir schulterzuckend Deinen Lippenstift nachziehen, eine Grimasse schneiden, auf Deinen 8 Zentimeter High Heels in Dein Auto steigen und die ganze Bande in der von Dir aufgewirbelten Staubwolke stehen lassen.

Dafür – liebe Wendy – liebe ich Dich um so mehr.

Deine
ClaraRosa

P.S.: Wenn Ihr Wendy kennenlernen wollt – schaut „The incredibly true adventures of two girls in love“. Am besten mit Leuten, die Wendy auch lieben würden. Sonst ist es sehr unangenehm – kann ich jetzt aus eigener Erfahrung sagen