Bambule, Randale, Queer-Radikale!

Das ist jetzt ein wenig off-topic. Oder eigentlich auch gar nicht. Genau genommen ist es ein Auskotzen. Oder auch die Negativformulierung des letzten Eintrags hier. Wie auch immer.

In einem – bierunterstützen – Gespräch mit einer Genossin (sag ich jetzt mal so) haben wir festgestellt, dass queer-identifiziert-sein sehr oft gar nichts mit links-sein zu tun haben muss.
Deshalb habe ich mir vorgenommen, das ab jetzt dazu zu sagen. Ich-bin-links! Radikal! Ich habe keinen Bock auf Lifestyle-Queer-sein. Auf ein Ansammeln von kulturellem Kapital, dass meinem Selbstwert hilft, gegen alles und jeden zu argumentieren – aber im Grunde kein Interesse an Gesellschaftsveränderung(en) zu haben.

Nach über einem Jahr Blog-schreiben hab ich keinen Bock mehr darauf, Futter für queere Absorptions-und-Wissensreproduktions-Maschinerien zu entwerfen, um dann szeneinternem Gerangel darum zu zu sehen, wer es denn jetzt besser verstanden und die richtige(n) Vokabel(n) hat. Whoa! Ja – ich bin genervt. Und frustriert! Ich sag das noch mal: F- R – U – S – T – R – I – E – R – T! Wütend. Unversöhnlich.

Dieser Text fing mal ganz anders an. Klein(er) gemacht(er). „Hello? Is anybody out there?“ sollte er heißen. Gewundert habe ich mich darin, dass ich sehr viel Kraft darauf verwende, ständig auf Klassismus hinzuweisen und am Ende das übliche konsequenzbefreite Schulterklopfen – wie schon so oft bemeckert: meistens von oben – übrig bleibt.

„Gut, dass das mal wer gesagt…“ und „Toll, dass du dich damit beschäftigst…“- Phrasen, die mit dem formulieren der nächsten Wohnungsanzeige für das 12qm-Zimmer mit Bioessen und taz-Abo für 450 Euro konsequent – vergessen werden. Oder über die Selbsterhöhung der eigenen Demosprüche über die „Stammtischparolen“, die offenbar die Distinktionslinie zwischen von dummen, saufenden, in Kneipen sitzenden Denkunfähigen und ach-so-tollen Politchecker_innen darstellen soll.

Auf Kritik darauf folgt Schweigen. Ich kann nicht mal sagen, ob es betroffenes, belustigtes oder ignorantes Schweigen ist. Wenn es darum gehen soll sich zu überlegen, was denn die Auseinandersetzung mit Klassimsus für einen solidarischen Alltag heißt, hält die ganze Mama- und Papa-finanzierte, Bausparvertrag-versorgte Bande offenbar zusammen – wie sie es gelernt haben: Nicht über ihr Geld zu sprechen verschleiert die soziale Herkunft und Privilegien, Kritik, die wenig Stimme hat kann getrost ignoriert werden.

Ich hab keinen Bock, Texte für Euch zu schreiben. Ich werd keinen Funken Kraft mehr darauf verwenden, mich verständlich zu machen, freundlich zu sein oder mich darum scheren, ob meine Wut verstanden wird oder nicht.

Ich schreib ab jetzt nur noch Texte für UNS. Ja – ich kreiere ein „wir“ – für die Tollen, die jeden Tag darum kämpfen, ihre Miete zusammen zu bekommen – und von Ihren WG´s keine Unterstützung bekommen, weil die gerade das Geld für den nächsten Indien-Südamerika- oder sonstwo- Urlaub zusammen halten „müssen“. Für die, die in Plenas stumm gemacht werden, weil sie die „richtigen“ Vokabeln nicht kennen oder gar nicht erst zu Plenas hin gehen, weil sie so genervt und sprachlos (gemacht) sind. Für die, die keinen Bock mehr haben, zu erklären, dass „Geschmack“ ein Klassenmarker ist. Für die, die genervt sind, dass sie immer gefragt werden, was sie studieren – nicht OB, sondern WAS. Für die, für die politisch-sein nicht nur vorübergehgendes Ansammeln von Lebenslauf-Vorzeige-Credits ist.

Ich will euch kennenlernen! Ich will mich mit euch organisieren und gegen die Kapitalist_innen in unseren eigenen Reihen demonstrieren.

Ich will Krawall. Aber so richtig – bis wir nicht mehr weg ignoriert werden können.


19 Antworten auf „Bambule, Randale, Queer-Radikale!“


  1. 1 kham 07. März 2013 um 21:36 Uhr

    Hi!
    ich hab in den letzten monaten alle paar tage mal auf deinen blog geguckt und hatte schon befürchtet, du hast das schreiben aufgegeben.
    aber das ist ja zum glück nicht so!
    du schreibst den einzigen blog über klassismus in deutsch den ich kenne und ich kann mich mit vielen dingen identifizieren.
    eigentlich würde ich gerne hier auf ganz viele sachen eingehen, die du oben geschrieben hast, da es mir aber sehr schwer fällt, selber was zu schreiben und das alles zu lange dauert, lass ichs einfach mal.
    hoffentlich klappst mit dem organisieren und vielleicht hab ich ja auch bald mal mehr zeit, hier was sinnvolles hinzuschreiben,
    mir gings mit meinem kommentar hier mehr darum dir zu sagen, dass ich hier immer gerne lese und (leider nur passiv) auf neuen input warte.

    p.s. mit der queer szene hab ich überhauptnichts zu tun, aber von aussen betrachtet kommt es mir auch so vor, als wäre das vor allem ein bestimmter lifestyle, aber vielleich hab ich ja auch nur die falschen leuten kennengelernt.

  2. 2 Teh Asphyx 08. März 2013 um 15:02 Uhr

    Danke für diesen Text und für das Mitteilen Deiner Wut, die ich auch immer wieder ähnlich empfinde, wenn ich es mit privilegierten Personen zu habe, die irgendwie alternativ sein möchten. Die glauben sonstwie sozial unterwegs zu sein und nicht mal kapieren, dass es Leute gibt, bei denen 10 € mehr oder weniger im Monat nicht der Verzicht auf einen Kneipenbesuch sondern auf eine Woche Essen zur Konsequenz hat und das eben nicht jeder so mal eben für ein Hobby oder ähnliches aufwenden kann.

    Und Leute, die glauben, es würde reichen, einfach ein bisschen gemäßigt links zu sein, dass es reichen würde, dem Kapitalismus einfach ein sozialeres, „menschlicheres“ Antlitz zu verleihen. Und dann den Applaus der unteren Klassen erwarten, weil sie sich ja so toll damit für ihre Belange einsetzen.

    Ich finde es echt toll, dass Du zu diesem Thema blogst. Weil ich – und wahrscheinlich viele, denen es ähnlich geht – mich dazu bisher nicht überwinden konnte, weil ich festgestellt habe, dass Offenheit in der Hinsicht auch bei „alternativen“ Leuten ganz schnell zu Ausschluss führt (mal abgesehen von den ganzen Ausschlüssen die durch den Geldmangel eh schon gegeben sind).
    Deswegen tut es gut, das hier zu lesen und zu sehen, dass es noch mehr Menschen gibt, die diese Wut teilen.

  3. 3 Nat 08. März 2013 um 20:31 Uhr

    Na Endlich…nochmal auf uns sich zu konzentrieren…und ich bin schon interessiert, aber ich finde, wir diskutieren so wenig davon…wir müßen irgendwie das Schwein in uns Toten,wie David Copper Hinweis auf eine Ausweg in sein Buch: Der Tod der familie…und Schreiben es ist sehr wichtig, ist ein Tat…. :)

  4. 4 Administrator 08. März 2013 um 23:32 Uhr

    @alle:

    vielen dank für´s rücken stärken und feedback geben!
    ick dacht ja schon ick schreib hier in´s nix :)

    ich heul gerade rotz und wasser, weil ich fast jeden tag ´nen neuen text finde, in dem andere sich über klassismus – also darüber, was klassenverhältnisse für ihren alltag bedeuten – auskotzen und sich nicht von irgendwelchen vermeintlichen politchecker_innen den mund verbieten lassen.

    *schnief*

    großartig seid ihr!

  5. 5 MM 11. März 2013 um 6:11 Uhr

    Hi, ich wollte nur kurz sagen, ich habe dein blog vom anfang bis ende auf einmal gelesen, und dann noch ein paar mal gelesen, als trost oder so (und auch weil deutsch nicht meine muttersprache ist :-) ) und finde es grossartig, wie du schreibst. Es ist so, als ob du sachen beschrieben hast, von dem ich selbst betroffen bin, aber die ich nie so wirklich wahrgenommen habe (mag doof klingeln, aber wenn keine/r darueber spricht, denn ist es halt so).

    hallo mm,
    danke für´s feedback! mir ging das ähnlich! als ich das erste mal das wort „klassismus“ bewusst mit inhalten füllen konnte gab´s einen riesen AHA!-moment für mich und ich konnte strukturelle widerstände und ablehnungen damit als diskriminierend einordnen. doof klingt das gar nicht!! eher sehr nachvollziehbar :)
    best,
    CR

  6. 6 Robin Urban 12. März 2013 um 4:00 Uhr

    Ich kann gar nicht sagen, wie mir dieser Text aus der Seele spricht. Vielen Dank dafür!!! Ich habe mich vor ein paar Tagen selbst über den von mir erlebten Klassismus ausgekotzt (http://robinsurbanlifestories.wordpress.com/2013/02/28/die-zuganglichkeit-der-deutschen-universitaten-fur-das-unterpriveligierte-proletariat/) und es ist irgendwie schön zu sehen, dass andere sich darüber genauso aufregen.

    hallo robin –
    gesehen und weitergepostet.
    best,
    CR

  7. 7 Marcie und Patty 13. März 2013 um 17:36 Uhr

    Hallo Clara,

    wir haben uns gefreut über Deinen Blog! Aus ganz ähnlichem Anlass, wie der der anderen Kommentare. Wir finden zwar nicht, dass „links sein“ die entscheidende Markierung ist, wohl aber die Frage, wie es die (queere-,…) Linke mit der K-Frage (nämlich der Frage nach kapitalistischer Klassengesellschaft) so hält. Ganz ähnlich sieht das auch im Feminismus aus, der dann anschlussfähig ist (Quotenregelung, Anti-Sexismus-Debatte,…), wenn es nicht „ums Eingemachte“ geht. Im Rahmen eines „smart capitalism“ gleichberechtigte Erwerbsbeteiligung von Frauen zu fordern ist das eine, Erwerbsarbeit grundsätzlich abzulehnen das andere. Der Begriff „Klassismus“ stammt vermutlich von Pierre Bourdieu und ist tatsächlich zu wenig in Gebrauch. Zum Trost: Es gibt ein paar Leute, die sich mit Klassismus und Klassen (zumeist im akademischen Rahmen) beschäftigen, nämlich: Andreas Kemper und Ute Weinbach, die ein nettes Büchlein zum Thema veröffentlicht haben und wenn Dich Klassenanalyse interessiert, sei auf die Jenaer Klassenkonferenz verwiesen, deren Audio-Mitschnitte Du unter: http://audioarchiv.blogsport.de/index.php?s=Klassenanalyse
    findest.

    Viele Grüße!
    Marcie und Patty

  8. 8 Azade 13. März 2013 um 20:13 Uhr

    danke für diesen text!und gerne mehr davon. ergänzung: queere parties/veranstaltungen mit hohem eintritt und hohen getränkepreisen (oder ist das nur ein berliner phänomen?)

  9. 9 Administrator 14. März 2013 um 2:08 Uhr

    @Marcie und Patty!
    Vielen Dank für´s Feedback und die Hinweise. Die Mitautorin von Andreas heißt allerdings Heike ;) – und beide sind super!
    Dass Bourdieu den Begriff „Klassismus“ erfunden hat wage ich zu bezweifeln – das Furies Collective benutzte den Begriff schon in den frühen 1970er Jahren (wobei „Classism“ in den Staaten eh ganz anders verhandelt wird und sich ein Blick auf die Literatur wirklich lohnt).
    Wenn Euch die Texte der furies interessieren – da hat sich wer die Mühe gemacht die zu scannen: http://www.rainbowhistory.org/html/furies.html.
    Zu der mangelnden Aueinandersetzung mit der Anerkennungsebene (Umverteilung vs. Anerkennung: Fraser) in der Linken hat Gabriel Kuhn ein kleines Heftchen veröffentlicht: „Mit geballter Faust in der Tasche“ – zu bestellen beim syndikat-A für zweifuffzsch.
    Ende des Werbeblocks.
    Viel Spaß bei der Lektüre und merci für den Audioinput.
    Best,
    CR

    p.s.: das kuhn-heftchen klingt jetzt nach schwurbelsprache – sind aber sehr gut lesbare, wütende texte von betroffenen drin :)

  10. 10 Frau Z. 18. März 2013 um 5:25 Uhr

    Vielen Dank auch für diesen Text! Der Gedanke macht mich ganz fiebrig, dass es eine Gruppe von Menschen geben könnte, in der ich mich wirklich im Zentrum fühlen könnte, mit der ich mich ganz identifizieren könnte. Ich frage mich aber auch, ob ich wirklich dazu gehöre, ob ich wirklich als vom Klassismus betroffene Person auftreten kann. Es gibt ohne Zweifel Leute, die stärker betroffen sind (also z.B. ich habe wenig Geld, aber nicht sehr wenig, meine Eltern sind keine Arbeiter_innen sondern u.a. Postbeamtin) und wenn die mir sagen, ich solle den Mund halten, ich würde von x nichts verstehen,dann würde ich das wohl auch so hinnehmen. Und bei manchen Punkten, die Blogs nennen, die sich mit Klassismus beschäftigen, bin ich auch draußen oder es ist einfach ein bisschen anders bei mir. Aber zum Thema hier kann ich noch das folgende hinzufügen: Ich habe bemerkt, dass ich mir schwerer tue als meine linken Bürgertumfreundinnen mich nicht regel/gesetzeskonform zu verhalten, wenn hohe Geldstrafen drohen. Da bin ich auch auf großes Unverständnis gestoßen, was ich total unfair fand. Außerdem fällt mir auf, dass ich nicht dieses Selbstverständnis habe (auch wenn ich es wirklich gerne hätte), dass zuerst mein Glück kommt und dann die Welt, sondern dass ich mich manchmal von den Anforderungen der Welt regelrecht auffressen lasse, was mir dann auch wieder Vorwürfe einbringt.

    Abgesehen davon würde mich interessieren was ihr denkt, ob wir der Situation in der wir stecken (manche mehr, manche weniger) auch etwas Positives vedanken. Oft denke ich, dass ich als Person mit nichtakademischem Hintergrund vergleichsweise eingeschränkt bin, vergleichsweise verstummt, dass meine Schüchternheit mir so vieles verwehrt. Gibt es auch Positives?
    Und dann frage ich mich auch, wie Räume sein sollten, in denen sich Menschen wohlfühlen, die von Klassismus betroffen sind.
    Viele liebe Grüße!

  11. 11 blumseltsam 27. März 2013 um 22:32 Uhr

    Hallo
    ich hab deinen Text vor, bestimmt oder sowas wie ner Woche gelesen

    Da war ich breit

    Jetzt bin ich auch breit.

    Der Zwischenraum dieser Geisteszustände erläutert mir einiges, aber was Dich betrifft, eine Notiz:

    Ich soll Dir für mich sagen:
    Ich denke an Deine Worte – Aber das ist nicht so wichtig.
    Ich denke, das Gefühl darf Abreißen
    Und bis hierhin habe ich ein Gefühl kennengelernt
    ein Abbild
    Anspruch an Vergangenheit und Zukunft, mit einem generationsübergreifenden Faden
    der barmherzigkeit?
    Ich danke bis hierhin
    fänd es schön, wenn Du weiter kannst
    muss aber nicht
    von mir aus
    gerne
    Was Du möchtest

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