Archiv für Dezember 2012

Pause, Rücklauf, Stopp – nochmal von vorn.

Dieser Artikel wird schwierig. Weil ich mir nicht sicher bin, wie ich das, was ich sagen will schreiben und meinen Kopf sortieren kann. Und wie ich das auch noch konstruktiv machen kann. (Ich steh irgendwo in den Tiefen meines Herzens (Redewendung – RW) sehr auf Harmonie.)
Wenn ich mir aktuelle Diskussionen um Klassimus durchlese, komme ich – ehrlich gesagt – oft nicht mehr hinterher (RW). Das mag daran liegen, dass ich meine Rolle als Netzfeminist_in_Blogger_in nur mäßig wahrnehme/ausfülle – oder daran, dass ich ein paar Sachen nicht mehr verstehe.

Zum Beispiel die Auseinandersetzung um Theorie(sprache). Ich finde es gibt viele theoretische Begriffe, die einen ganzen Wust von Beschreibungen auf einen Punkt bringen (RW) können. „Klassismus“ ist ja so ein Begriff, der eine ganze Palette von Diskriminierungen, Ausschlüssen – und auch Erfahrungen unter einen Hut bekommt (RW). In gewisser Weise haben mich solche „endlich kann ich diesen Wust benennen“-Momente zu einem Theorie-Nerd gemacht. Und vor allem diesen Diskriminierungserfahrungen eine Struktur gegeben – etwas ent-individualisierendes – und einen Namen, mit dem sich die Ausschlüsse benennen lassen. Das ist für mich auch eine politische Sprache, die ein gemeinsames Organisieren vereinfacht und ermöglicht.

Der Vorwurf, das universitäre Sprache – oder wie wir sie manchmal auf internen Listen nennen: Schwurbelsprache – ausschließend ist und schon ganz schön viel mit Klassismus zu tun hat, ist aber eine Kritik, die schon die Feminist_innen in den 1980er Jahren an den Universitäten geübt haben. Sie merkten an, dass eine bestimmte Sprache, die mit einer bestimmten Art zu sprechen vorgetragen wird – leise aber bestimmt, ohne zu stammeln und selbstbewusst, mit vielen komplizierten Wörten gespickt – mehr Gehör findet als andere und auch als „besser“ bewertet wird.

Für mich gibt es unterschiedliche Sprachen, die ich spreche. Sprache ist für mich Strategie – in einer Hausarbeit verwende ich Schwurbelsprache – weil es mir manchmal auch zu mühsam ist, das zu übersetzen. Ich passe mich dem Kontext an. Das das nötig ist, um sich nicht lächerlich zu machen oder überhaupt gehört zu werden oder anerkannt zu werden ist doof genug – aber diese Sprachen sprechen zu können ist für mich ein großer Vorteil. Ein „Vorteil“ den ich mir aneignet habe, der aber auch mit Verlust – zum Beispiel dem Verlernen meines Dialekts – einhergeht.

Der Grat zwischen dem Benennen von Strukturen, dem Aneignen und Bestimmen von Sprache und dem Produzieren von Ausschlüssen ist ziemlich schmal (RW) – ich würde aber sagen, dass universitäre Sprache privilegiertere Sprache ist – sie wird mit mehr Anerkennung verbunden und wird eher gehört. Wenn ich diese Sprache benutze, sollte klar sein, dass damit auch Ausschlüsse produziert werden können.

In Gesprächen mit ebenso theorieverliebten (RW) Freund_innen, haben wir versucht eine Lösung für dieses Dilemma zu finden. Eine Idee war, einen Hinweis zu setzen, welche Sprache in dem Text verwendet wird und für welches Publikum er gedacht ist. Das ist nicht die glücklichste Lösung – weil Annahmen über das, was ein Publikum versteht oder nicht auch wieder heikel werden können – aber es wäre ein Versuch, die eigene Sprache zu verorten.

Das wären einerseits ein paar Gedanken zur Theorie(sprache). Dann habe ich ein Unwohlsein mit Sprachinterventionen – oder der Art, wie damit umgegangen wird.

Ich habe schon ein paar mal meine Unsicherheiten zu Sprachinterventionen erwähnt – einerseits finde ich sensible Sprache als Anerkennungsinstrument wichtig und fordere das Überdenken des eigenen Sprachgebrauchs auch ein. Andererseits habe ich den Eindruck, dass es manchmal nicht um die Auseinandersetzung mit der Diskriminierung geht, sondern um ein moralisch aufgeladenes Kämpfen zwischen denen, die die „richtige Sprache“ benutzen und einem „jetzt-darf-ich-ja-gar-nix-mehr-sagen“-eingeschnappt-sein. Ich habe ein Unbehagen mit einer Sprache, die ein Up-to-date mit „besser“ und noch-nicht-gehört-haben mit „schlechter“ verbindet und ein genau so großes mit Kritikabwehr, weil eine_r der Meinung ist, nicht freundlich genug adressiert worden zu sein oder versucht mit political-correctness-Vorwürfen vom Thema abzulenken.

Noch so ein Dilemma, das mich schon seit Jahren – nicht nur bezogen auf Klassismus – begleitet. Wenn ich das lösen könnte oder einen Vorschlag hätte, wie sich damit umgehen lässt, wäre ich sowas wie ein Genie. Oder ich hätte endlich Superkräfte. Eine meiner Super-Bekannten merkte an, dass es hier vielleicht noch mal Sinn macht, sich ein paar Grundlagen zu gewaltfreier Kommunikation anzusehen – was ich einen genialen Hinweis finde.

Denn das macht mein Unbehagen aus: Dass es bei vielen Diskussionen eine Reproduktion von Gewalt gibt und diese Diskussionen auch gewalttätig geführt werden. Von allen Beteiligten. Das wundert nicht – denn Verhältnisse sind gewaltvoll – aber da muss es doch einen Zwischenweg zwischen Konfliktkultur und gleichzeitiger Anerkennung und Achtung geben – für weitere geniale Hinweise wäre ich hier dankbar.

Ein weiterer Punkt, der mich wurmt (RW), ist, dass mir Leute bezogen auf Klassismus relativ detailliert erzählen können, wie sie materiell deprivilegiert aufgewachsen sind, wie schwierig es war an die Uni zu kommen, wie komisch das Verhältnis zum Herkunftszusammenhang ist und von dort eine Mischung aus Ablehnung und Bewunderung zu erfahren oder in 4 niedrig bezahlten Jobs arbeiten zu müssen und trotzdem gerade so über die Runden zu kommen – und im nächsten Atemzug zu sagen: „Ich bin aber nicht von Klassismus betroffen“. Diesen Turn kenne ich bisher nur bezogen auf Sexismus – und es macht mich hier genau so ratlos wie dort. Vielleicht sollte ich noch mal von vorn erklären, was ich mit Klassismus meine – das kommt in meine Vorsätze für´s neue Jahr.

Mein vorerst letzter Punkt wird kurz und knackig:

Die Auseinandersetzung mit Klassimus ist keine – reine – Sprachsache. Anerkennung ist keine Sprachsache. Anerkennung gibt es nicht ohne Umverteilung von Ressourcen und die Veränderung von Strukturen – und auch nicht ohne Solidarität.

Dass die Diskussion um Klassismus sich nicht in Mikrokämpfen verliert und nicht stehenbleibt, wo sie in den 1980er Jahren schon mal liegen gelassen wurde ist mein Wunsch für 2013.

Und dann hätte ich gern noch – endlich – dieses schöne Leben…..