Erste. ?

Scusa vorab für ein wenig interne Verweise. (….)

Eine Sache, die mir schon länger auf die Nerven geht, ist das ständige appellieren an den Leistungswillen sozial marginalisierter Gruppen. Nicht nur, dass immer wieder suggeriert wird: Strengt Euch doch mal ein wenig an; — es gibt auch noch Organisationen, die sich als „von unten“ verkaufen (!) und in´s gleiche Horn tuten.
Gerade wieder erlebt bei einer Comic-Ausstellung, die eigentlich empowernd sein soll und am End größtenteils bei der Mär vom AusnahmeKIND an der ach so tollen und erstrebenswerten Uni landet. Mit anwesend: Eine Organisation von und für ArbeiterKINDER (ich HASSE! HASSE! HASSE! es derart paternalistisch [bevormundend] angeredet zu werden!), im hauseigenen Merchandise (in diesem Fall: ein T-Shirt).
Dazu dacht ich mir: Comics kann ich auch – mach ich ´nen eigenen.
(Hab ich auch J. versprochen – Grüße und Küsse.)

erste


7 Antworten auf „Erste. ?“


  1. 1 Rabenbaer 29. Oktober 2012 um 13:15 Uhr

    hui, vielen Dank! Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es nicht automatisch bedeutet, dass du „dazu gehörst“, wenn du dich anstrengst, um es „zu schaffen“. Auf der Ärztekinder-Grundschule, auf die ich leider gehen musste, wurde ich total gemobbt, nicht allein weil ich arm war, sondern weil ich die Todessünde begangen hatte: ich war arm UND Klassenbeste. Du darfst also gar nicht unbedingt „Erste!“ sein. Interessanterweise sind danach meine Noten immer weiter in den Keller gerutscht. Was, wie ich finde, wunderbar zeigt, dass das Ganze sowieso nicht nur mit Leistung zu tun hat, sondern mit Macht und Privilegien. Und mit einem sozialen Umfeld, das mich nicht in Ruhe das machen lässt, was ICH machen will. In diesem Sinne: Fuck off, yep :)

  2. 2 nixistgut 29. Oktober 2012 um 23:16 Uhr

    Ich hasse es wie die Pest, wenn sie von ‚bildungsfernen Schichten‘ sprechen.
    Beim Ruhrgebiet tun einige Leute gern so, als wären dort alle Studierenden aus ‚bildungsfernen Schichten‘. Meines Wissens nach gibt es da kaum mehr ‚Arbeiterkinder‘ an den Unis, als in anderen Teilen des Landes. Aber damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: das Ruhrgebiet und arme Menschen gleichzeitig abwerten: Allesamt bildungsfern. Igitt!
    Wer hat sich eigentlich überlegt, dass ‚bildungsfern‘ jetzt die politisch korrekte Umschreibung für ‚arm‘ sein soll?

  3. 3 irgendeine Userin 30. Oktober 2012 um 8:57 Uhr

    Hm. Seit geraumer Zeit störe ich mich an dem Begriff „Arbeiter“.
    Meine Mutter war den größten Teil ihren Lebens Putzfrau. Mein Vater meist arbeitslos oder krank.
    Hätte es meine Mutter nicht gegeben, wären wir Kinder nicht so gut geraten wie wir sind. Also ist schon allein die Unterstellung des Arbeiter(sic!)versorgerprinzips eine Zumutung.

    Dann, ich war immer gut. Ich bin wissbegierig und neugierig. Aber ich war nie die Beste in der Klasse. Ich war immer gut.

    Was mir bei diesem Leistungsprinzip auffällt ist die Tatsache, als Kind der Unterschicht hast du nicht das Recht einfach nur gut zu sein. Du MUSST spitze sein, damit du weiterkommst. Immer spitze! Ein Anrecht auf Faulsein und einfach so sein gibt es nicht. Diese Richtung ist immer schlimmer geworden in der Bildungspolitik.

    Ich habe das Glück, in den 70igern meine Grundschulzeit erlebt zu haben. Damals – so meine Erinnerung – war der Druck noch nicht so hoch auf die Kinder. Ich war gut, ich war klug. Ich hätte schon nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gedurft.
    Hm. Weiß nicht, ob ich leider schreiben soll, aber meine Eltern überließen mir die Wahl. Und da ich so häufig umzugsbedingt meine Freundschaften verlor, bin ich an der Schule geblieben, wo ich gerade war und machte das hessische Schulsystem mit Förderstufe, Integrierter Gesamtschule und Gymnasiale Oberstufe durch.

    Ich kann nicht anders als lernen. Ich bin immer wissbegierig.
    Aber was mir langsam klar wird ist, dass ich natürlich nie einen Weg in der Bildung gezeigt bekam. Mein Weg verlief chaotisch.
    Woher hätte ich auch den Wegweiser bekommen sollen? Meine Eltern waren teils ohne Hauptschulabschluss. Die konnten keine Richtschnur sein.

    Hm. Dieses ERSTE! suggeriert ja, dass danach noch mehr kommen. Ich erlebe es eher so, dass es die EINZIGE bleibt. Und es ist kein leichter Weg.
    Das Schlimme ist dann, dass du irgendwann feststellst, dass es ein Mythos ist, dass du durch Bildung alles erreichen kannst. Wir leben immer noch in einer KLassengesellschaft. Und während du aus der Unterschicht ständig Leistung zeigen musst, um dort zu bleiben wo du bist, reicht es den anderen das berühmte Vitamin B zu besitzen.

    Erste! soll stolz machen. Aber es ist eher Hohn. Weil, du kannst dir davon nichts kaufen. Es macht eher atemlos, weil du IMMER Erste bleiben musst. Immer. Ausruhen ist selten drin. Zumindest erlebe ich unsere Gesellschaft nun genau so.

  4. 4 Rabenbaer 30. Oktober 2012 um 14:56 Uhr

    Schade, dass man hier nicht liken kann :) Deshalb auf diesem Weg ein riesengroßes LIKE an deinen Kommentar, irgendeine Userin.

  5. 5 Rabenbaer 30. Oktober 2012 um 14:58 Uhr

    Und ich bin mir übrigens sicher, dass ein großer Teil meines Workaholic-Daseins damit zu tun hat, dass mir immer wieder gesagt wurde „du kannst es schaffen“. Heute klingt das in meinen Ohren eher nach einem „du MUSST es schaffen“. Für wen, frag ich mich? Und zu welchem Preis? Hui, und wie gern würd ich mir mal eine Auszeit nehmen können für ein paar Monate. Was nicht nur am fehlenden finanziellen Polster im Rücken scheitert, sondern an meinem eigenen schlechten Gewissen. Denn eins haben sie mir nicht beigebracht, mich zu entspannen. Grmhpf.

  1. 1 "Nur ein Blog!" Trackback am 11. November 2012 um 11:06 Uhr
  2. 2 "Nur ein Blog!" Trackback am 11. November 2012 um 11:06 Uhr
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