Gebt mir was zu lesen (oder so) – bitte!

Nachdem ich die letzten Tage damit verbracht habe, mich mit der Diskussion um den Sl*twalk zu beschäftigen, ist mir wieder aufgefallen, wie wenig Blogs/Öffentlichkeit/sichtbare Positionierungen es im deutschsprachigen Raum zum Thema Klassismus gibt.
Wie bei so vielen anderen Themen kickt es mich total, wenn ich über Texte/Links/Anmerkungen stolpere, in denen erwähnt wird, dass ich mir das nicht alles ausdenke, sondern dass Klassismus Struktur hat. Dieses „ja-genau-du-hast-so-recht!“-Köpfe-zusammen-stecken, dass von außen wie jammern aussieht, aber diesen tollen, empowernden Effekt hat, sich nicht so wahnsinnig allein zu fühlen.
Das tue ich gerade. Mich allein fühlen. Entkräftet sein. Ich freue mich, dass es Menschen gibt, die diesen Blog lesen und ihn als Informationsquelle für/über Klassismus nutzen. Aber ich wünsche mir mehr. Mehr Blogs. Wortmeldungen. Futter für mein Herz.
Ich bin gerade ausgebrannt und weinerlich und vielleicht liegt es auch am Wetter, dass ich mir gern die Bettdecke über den Kopf ziehen möchte – aber ich würde meinen Winter lieber damit verbringen, Geschichten/Einsprüche/Beschwerden über Klassismus zu lesen, als zu resignieren und mich zurück zu ziehen.
Ich habe diesen Blog aus Wut gestartet. Weil ich dachte ich platz bald, wenn ich nicht meine klassistischen Erlebnisse/Wahrnehmungen aufschreibe und mitteile. Das hat temporär geholfen. Und jetzt brauch ich EUCH. Eure Texte, Eure Wut, Euer Auskotzen.
Wo begegnet Euch Klassismus im Alltag? Wie hat Klassismus Euch geprägt? Was schätzt Du an Deiner Klassenherkunft? …? Bitte schreibt, oder malt oder was Euch sonst einfällt. Sagt mir, dass ich nicht alleine bin. Dass es Euch auch so oder doch ein wenig bis ganz anders geht.
Ich würde mich SO freuen.


27 Antworten auf „Gebt mir was zu lesen (oder so) – bitte!“


  1. 1 Bäumchen 01. Oktober 2012 um 14:16 Uhr

    Ich wollte schon seit längerem wieder darüber schreiben. Ich bin gerade an der Existenzgrenze. Aber das ist auch der Grund, warum ich gerade kaum oder wenig schreiben kann: Ich bin gerade an der Existenzgrenze.
    Wir sehen uns vermutlich und vielleicht schreibe ich davor oder danach noch was :) Lieben Gruß!

  2. 2 viruletta 01. Oktober 2012 um 14:27 Uhr

    Puh, okay, dann schreibe ich dir jetzt mal was. Zum einen wundert es mich ebenso sehr wie dich, dass es nach wie vor so wenig Öffentlichkeit für dieses Thema gibt, wo es doch so unzählig viele Betroffene gibt. Ich denke auf der einen Seite ist das eine Art Teufelskreis; weil es kaum Publikationen zu dem Thema gibt, ist die Bezeichnung auch nur wenigen Menschen ein Begriff, und entsprechend wenige labeln ihre Erfahrungen entsprechend. Auf der anderen Seite… ich glaube es fällt einfach auch schwer, schmerzhafte Erfahrungen zu thematisieren, und die Betroffenheit von Klassismus lässt sich vielleicht besser verstecken als zB die Betroffenheit von Rassismus oder Sexismus (die ja in vielen Fällen schon am Namen abgelesen werden kann). Im Bezug auf Klassismus handelt es sich eher um ein richtiges „Outing“ (blöder Begriff, aber mir fällt gerade kein besserer ein), und das kostet wahrscheinlich immer Überwindung. Ich glaub da herrscht dann teilweise auch die Angst vor, weiteren Diskriminierungen ausgesetzt zu werden… Vorallem wenn Personen ihr bisheriges Leben darauf verwendet haben, diese Betroffenheit zu verstecken. Hmm… Also ich spreche hier gerade auch ein bisschen auch meiner eigenen Perspektive. Vielleicht schreib ich später noch mehr. Wenn ich mich traue. ;)

  3. 3 Zweisatz 01. Oktober 2012 um 14:31 Uhr

    Ich bin echt scheiße darin, Blogposts über eigene Erfahrungen zu schreiben. Aber ich kann hier kurz zusammenfassen, was bei mir abgeht: Ich versuche momentan irgendwie mit der gesellschaftlichen Leistungsethik klarzukommen. Bäumchen hatte mal ’nen coolen Artikel dazu geschrieben, wie das mit der Freizeit, Überstunden, Entspannung im Kapitalismus ist und ich versuche mir irgendwie zu erarbeiten, dass man nicht Leistung erbringen muss, um existieren zu dürfen.
    Auch versuche ich mit meinem internalisierten Klassismus klarzukommen, weil ich was studiere, das ich nicht mag und deswegen die Frage im Raum steht, wie ich versuche mein Geld zu verdienen, wenn das Studium in absehbarer Zeit endet. Und wenn man studiert hat, muss man das ja auch nutzen, ne? *seufz*

    Ach ja, und ich versuche mich gerade in die einschlägige antikapitalistische Literatur einzulesen, zum Teil um mir mit meinen eigenen Problemen zu helfen, zum Teil um ’ne Perspektive zu gewinnen, was man mit dem nervigen Kapitalismus denn machen soll.

  4. 4 nat 01. Oktober 2012 um 15:40 Uhr

    …dann Lieblinsgruppe treffen…:))

  5. 5 Administrator 01. Oktober 2012 um 15:51 Uhr

    oh, nat.
    ich vermiss euch so!

  6. 6 irgendeine Userin 01. Oktober 2012 um 16:27 Uhr

    Hm. Es sind kuriose Wege der Informationsfindung. Hatte mich vorher mit dem Thema „studierte Arbeitertöchter“ auseinandergesetzt. Irgendwie erklärte mir das noch nicht alles, was mir begegnete, wie ich mich fühlte…
    Klassismus bin ich erst vor kurzem darauf gestoßen. Und da gab es Faktoren, bei denen ich mich wiederfand.

    Dieser Kommentar vorab.
    Will mich noch mehr belesen und noch mehr nachempfinden und denken. Dann… mehr. :-)

    (Ich mag dein Blogthema.)

  7. 7 mit-und-ohne-Cash 01. Oktober 2012 um 19:46 Uhr

    hab letzte woche einen rap-text zum thema geschrieben, wenn du magst lese ich ihn dir gerne vor wenn wir uns aufn kaffee treffen! und ich habe mir auch vorgenommen mehr zu schreiben dazu* bin immernoch deeply in trauer deshalb funktionieren bei mir gerade nur auf 20%, aber herz-soli 100% ***

  8. 8 ähdingsbums 03. Oktober 2012 um 18:33 Uhr

    hui!ich stöber mich grade durch deine ganzen einträge von diesem blog und ich hab grad herzklopfen weil ichs toll find und soooviel aus meiner seele spricht und ich bin total dankbar dass du dir die ganze mühe gibts: wow!!!!!!zugabe:)!!
    ja das wollt ich jetzt mal loswerden!!

  9. 9 Administrator 04. Oktober 2012 um 0:19 Uhr

    ihr lieben -
    bis hierher schon mal: vielen dank!

    @Bäumchen: das kenn ich zu gut…ich schlitter immer von relativer sicherheit in prekärbeschäftigungen und wieder von vorne :/. dass da für produktivität nicht besonders viel zeit bleibt is klar (und dann immer noch diese verflixte verwertungslogik…

    @viruletta: dass seh ich ähnlich – klasse ist gerade in der linken eine eher „unsichtbare“ kategorie… eine freundin sagte mal, dass die reichen am besten wissen, ihr geld zu verstecken. das macht es schwierig, verbündete zu finden….das funktioniert in der regel nicht mal im freund_innenkreis. von den wenigsten weiss ich, über welche materiellen ressourcen sie verfügen (geschweige denn kulturelle/soziale/emotionale) – umgekehrt, werde ich immer als mittelklasse gelesen… irgendwann schätzte mich eine bekannte mal als „bestimmt so eine mit professor_inneneltern“ ein – ich hab so gelacht….

    @zweisatz: whoops – als gelegenheits-und-noch-neu-bloggerin fallen mir ja so ´ne sachen wie spam-checken nicht so ein… danke für den hinweis :) welche anitkapitalistische literatur liest du? finde ich spannend.

    @irgendeine Userin: die „arbeitertöchter“ waren/sind für mich ein wichtiger bezugspunkt, allerdings haben eine freundin und ich deneindruck, dass die eigentlich sehr kraftvolle debatte in den 1990er jahren irgendwie „abreißt“… ich empfehle die broschüre „kommen sie auch aus der bildungsferne“ dazu (eine broschüre von einer elbstorgnisierten gruppe von arbeiter_innentöchtern an der uni. :)

    @mit-und-ohne-Cash:oh ja! jetzt am wochenende? ja? bitte? :)

    @ähdingsbums: danke. das is so toll, dass es anknüpfungspunkte für dich gibt. für dich und die anderen, denen es so geht ist dieser blog gedacht. und ich freu mich wie bolle.

    best,
    CR

  10. 10 R. 04. Oktober 2012 um 18:47 Uhr

    Hallo Clara Rosa!

    Ich bin eine der stummen Leser_innen deines Blogs. Ich beschäftige mich grade relativ neu mit Klassismus, theoretisch bisher. Mit den Basics. Das fing mit deinem Blog an. Dafür möchte ich dir erstmal sehr danken. Vielen Dank, dass es deinen Blog gibt! Im Moment lese ich ein tolles Einführungsbuch, das ich sehr spannend finde und das mich irgendwie auch sehr berührt und ich schärfe meine Sinne für (alltäglichen) Klassismus.
    Meine eigene Einordnung in das Sytem aus Dominanz und Unterdrückung steckt noch sehr in den Kinderschuhen und bisher fehlen mir noch Anhaltspunkte, „welche Klassen gibt es und wie sehen diese aus“ und „was sind die relevanten Faktoren für eine solche Einordnung?“. Da geht es bestimmt bald weiter.

    Bei dem q*-flash Festival dieses Wochenende in Bremen ( qflash.blogsport.de ) wird es übrigens auch Workshops zu Klassismus geben. Es kommt also langsam an in den Szenen. Leider werde ich es wohl nicht schaffen rechtzeitig hinzukommen – wegen der Lohnarbeit – ist das ein Paradoxon?

    Außerdem frage ich mich grade spontan ob es ein Zufall ist, dass 3 meiner liebsten Blogautor_innen sich als von Klassismus betroffen einordnen. Ist es ein Zufall, dass ich gerade eure Schreibstile und Themen so gut leiden kann und so bereichernd finde? :-)

    Ich hoffe das füttert dein Herz ein kleines bisschen zu hören, dass es da draußen Menschen gibt die zwar nicht deine Erfahrungen teilen, die aber sehr interessiert an diesen.

    Viele herzliche Grüße,

    R.

  11. 11 »Paula« 05. Oktober 2012 um 20:23 Uhr

    Ich bin auch ein großer Fan deines Blogs, Clara Rosa! :) Ich glaube, ich kommentiere nicht oft, lese aber immer mit und freue mich total über neue Einträge. Auch wenn die Themen ja eigentlich weniger erfreulich sind. :/

    Zu dem, was du an viruletta antwortetest: das ist auch genau mein Problem, dass ich das Thema schon allein im Freund*innenkreis so schwer abschätzen kann und es oft unheimlich schwer finde, ernsthaft darüber zu reden. Wir studieren und haben „natürlich alle kein Geld“, aber es ist immer diese Gratwanderung zwischen „Eltern geben mir nur Summe x“ und „ich habe wirklich kein Geld bzw. muss viel dafür tun, um welches zu haben“, die ich extrem schwierig zu thematisieren finde.

    Mal ein alltägliches Beispiel: Es ist mir extrem unangenehm, zuzugeben, dass ich mir bei einem gemeinsamen Treffen kein zweites Glas Cola für 2,00-2,50 Euro bestellen will, weil schon das erste einfach mal 2-3 Litern Markencola aus der Kaufhalle entsprochen hat und ich das auf meinen Wochenbudget/-verbrauch einfach zu krass finde. Aber einzeln betrachtet wirkt es halt wie eine alberne Kleinigkeit.

    Aber es gibt auch im Studijob-Leben so viele unangenehme Dinge, finde ich… dass ich nicht weiß, wie ich mit mir höher gestellten Kolleg*innen/Chef*innen reden bzw. mich ihnen gegenüber verhalten soll/darf, dass ich bei Gesprächen über Gehälter keinerlei Relationen habe (und deshalb manchmal Dinge sage, für die ich belächelt werden), dass ich mich vor gemeinsamen Essen mit Kolleg*innen drücke, weil sie so andere „Tischsitten“ haben als ich… das alles ist Zeug, was in der Summe genommen schon sehr anstrengend ist.

    Generell habe ich aber das Gefühl, einfach noch zu wenig zum Thema Klassismus gelesen zu haben, um da wirklich Strukturen, Problemfelder etc. zu entdecken, und bin daher bei dem Thema lieber stille Leserin. :)

  12. 12 kham 06. Oktober 2012 um 12:22 Uhr

    „Sozial ungerecht
    Arbeiterkind bleibt zu Hause
    (dgb-jugend, 22. Mai 2012) Internationale Mobilität im Studium ist eine Kostenfrage: Für die Sprößlinge von AkademikerInnen ist sie selbstverständlich, für nichtakademischen Nachwuchs unerschwinglich. Das Studium im Ausland ist geprägt von sozialer Ungleichheit…“

    http://www.dgb-jugend.de/studium/mehr_infos/meldungen/2012-05-22_mobilitaet?rnd=240243.109831

  13. 13 feinfisch 06. Oktober 2012 um 12:37 Uhr

    Also ich lese diesen Blog seit 10 Monaten, oder so. Und interessant ist er wirklich, gut geschrieben und super, dass dir das bloggen ein wenig den Frust von der Seele transportiert hat. Ich verstehe lediglich den politischen Ansatz nicht. Das Problem für Menschen, die aus einer Klassenperspektive ganz unten stehen, ist doch mE nicht, dass zum Beispiel bei Frauentausch Subalterne der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Das Problem für Menschen, die aus einer Klassenperspektive ganz unten stehen, ist, dass sie ganz unten stehen. Weshalb die Klassengesellschaft abgeschafft gehört. Beim Lesen des Blogs habe ich manchmal den Eindruck, dass es dir schon ausreichen würde, wenn der_die Millionär_in einfach nur ab und zu den_die Arbeiter_in nett anlächelt. Ist vielleicht eine Unterstellung, soll keine sein. War nur beim Lesen mein Eindruck.

    Und aus Klassenperspektive stehe ich übrigens ganz unten. Wobei das eigentlich eine für den obigen Teil des Kommentars irrelevante Markierung meiner Sprechposition darstellt.

    Lieber Gruß,
    Fabia

  14. 14 spannend 06. Oktober 2012 um 17:10 Uhr

    hallo,
    ich bin über dein blog heute erst gestolpert. und hab dann gleich mal von vorne nach hinten alles überflogen. und find’s toll. weil: ich hab ständig wut im bauch, oft auf eine queerlinke szene in der ich immer wieder das gefühl hab, nicht reinzupassen. zum beispiel, weil ich es mir (emotional) nicht leisten kann, ohne sicherheiten zu leben. und ’simulierte‘ armut mich ankotzt. und gemeinsame ökonomie mich komplett überfordern würde. und ach, jede menge, mag grad nicht. weil ich armut durch hab, meine ganze kindheit über. und wenn leute selbstverständlich ins museum gehen, neidisch bin, weil ich denke, die haben was gelernt, was ich nicht gelernt hab.
    unsortiertes zeug, das hier. was ich sagen wollte: danke für’s schreiben.

  15. 15 Eva 06. Oktober 2012 um 22:37 Uhr

    Weil ich deinen blog ganz großartig finde, schreibe ich tatsächlich etwas, den Kopf unter die Bettdecke stecken mache ich selbst zu oft und ich will schließlich weiter deinen blog lesen! Dein Eintrag über das „Scheiß Hamsterrad Gefühl“ hat mir damals so sehr geholfen, überhaupt zu sehen, ich bin nicht allein, so wie mir die Beschäftigung mit Rassismus und Sexismus geholfen haben zu erkennen, dass ich oft nicht meine kleinen subjektiven Einzelkämpfe fechte, die mit meiner Person zu tun haben, sondern ich mich einem strukturellen Problem gegenübersehe. Dass ich nicht schuld bin.

    Ich bin sicher, ich habe eine andere Vorgeschichte als deine, andere Probleme, andere Privilegien und doch lese ich deine Texte und finde mich wieder.
    Als ich die Uni frisch abgebrochen hatte war meine Wut am stärksten. Auf das ganze System, das es Menschen mit Arbeiterhintergrund beinahe unmöglich macht, bestimmte Studienfächer zu wählen. Zu sehen, wie die weißen Jungs aus gutbürgerlichen Verhältnissen die größten Erfolge hatten, die meiste Besprechungszeit bekamen, und dabei so arrogant mit allen weniger „glücklichen“ umgingen. Und immer gabs Probleme, eine Gruppe zu finden, die mit mir arbeiten wollte. Vielleicht schätze ich mich völlig falsch ein, aber ich denke von mir, dass ich meistens umgänglich bin und gut in Gruppen arbeiten kann. Aber ich war meinen Mitstudierenden scheinbar so suspekt, wie sie mir. Erst, als eine Aufgabe kam, bei der ich durch meine vorherige Ausbildung offensichtliche Vorteile haben musste, gab es mehr als genug „Bewerber“ für „meine“ Gruppe. Ich fand das nur ekelhaft entlarvend.
    Ich habe das in einem früheren Kommentar bereits geschrieben, damals habe ich nach einem Jahr die Uni geschmissen, mit viel Wut, mit vielen Tränen, aber auch Lust auf Neues und bin wieder da, wo ich meine hinzugehören. Bei den Handwerkerinnen.
    Obwohl ich meine Arbeit liebe (ja, das gibts) und weiß, dass ich mit dem, was ich studierte nie glücklich geworden wäre, flüstert trotzdem manchmal eine leise Stimme, „aber mit deinem Abi hättest du doch alles studieren können…“
    Als ob ich dadurch ein besserer Mensch wäre.
    Ich frage mich sowieso, warum es höher bewertet wird (und auch entlohnt), wenn eine_r ein Haus planen kann, als wenn eine_r es bauen kann. Warum mich Menschen fragen, ob ich nicht lieber was kreativeres machen will. Und ich frage mich, aber warum?
    Mein arbeitsspezifisches Wissen ist teilweise einfach anderer Natur als ein akademisches. Mein Körper hat Dinge gelernt, die Akademiker_innen häufig nicht verstehen können. Die Handbewegungen wenn man Marmor malt oder die beinahe tänzerischen, ganz gleichmäßigen Bewegungen um eine Fläche perfekt zu lackieren.
    Oft habe ich halbe Arbeitstage, an denen mein Körper arbeitet und mein Kopf anderweitig beschäftigt ist, mit Denken und Tagträumen und an denen erst nach einigen Stunden wieder völlige geistige Konzentratin gefragt ist. Ich nenne das Luxus.

    Manchmal bin ich amüsiert, aber oft auch entnervt und häufiger verärgert, wenn aufgrund der Arbeit, die man tut, entsprechende geistige Fähigkeiten erwartet werden. Und umgekehrt.

    In akademischen Zusammenhänge fühle ich mich oft unwohl, als hätte ich mich unerlaubterweise eingeschlichen und insbesondere in linken Räumen bin ich eigentlich immer verunsichert, als würde mich gleich wieder jemand vor die Tür setzen, sobald jemandem auffällt, dass ich da bin. Dort öffentlich etwas sagen? Niemals. Und das, obwohl ich wirklich interessiert bin. Ich denke da überlagern sich diverse *ismen – als Woman of Colour ohne akademischen Hintergrund? Ohne die „richtigen“ Bücher gelesen zu haben? (Die lachen mich doch aus, kommt mir da nur in den Sinn)
    Aber das macht mich auch trotzig und wütend und fuchsteufelswild.
    Ich hab es satt mich klein zu machen, unsichtbar und still.
    Nur – wo fängt man an?

    Um den Bogen zurück zum Anfang zu schlagen, es hilft mir enorm, auch deinen blog zu lesen. Worte für diffuse Gefühle zu bekommen, die Gedanken einer Anderen zu lesen.
    Und ich schließe ich mich ähdingsbums an: Danke! Zugabe!

  16. 16 grün und jung 07. Oktober 2012 um 2:02 Uhr

    Super Idee!!!

    Ich musste allerdings erstmal kurz wikipediaen um mich mit dem Begriff vertraut zu machen (obwohl ich vorher schon so eine Ahnung hatte bzw. nach einem Begriff gesucht habe, der Ausgrenzung aufgrund ökonomischer Unterschiede beschreibt)

    Ich selber kann zu diesem Thema nicht viel mitteilen, gehöre ich als Sohn (!) einer niedergelassenen Ärztin und eines berufserfahrenen Waldorflehrers zu der ökonomisch privilegierteren Schicht. Ich habe nie die Erfahrung gemacht, aufgrund ökonomischer Faktoren ausgegrenzt zu werden (wobei meine einzige Ausgrenzungserfahrung ebenfalls nicht mehr aktuell ist).

    Ich selber neige aber durchaus zur Ausgrenzung durch ökonomische Faktoren, jedenfalls halte ich anderen Menschen immer wieder meine privilegierte Position vor („Ich bezahl das“ etc.). Aufgrund meines politischen Aktivismus habe ich mich allerdings nie in Kreisen aufgehalten, in denen Geld Zugang zu meinen Freizeitbeschäftigungen verleiht. (Ausgrenzung anderer Gruppen innerhalb der „linken“ Szene [Antifa etc.] hängt eher mit anderen, nicht- oder halb-ökonomischen Faktoren zusammen [Bildungsgrad, Bildungsherkunft]).

    Da ich selber verschieden private und staatliche Schulformen besucht habe (immer die privilegierten, also Gymnasium und später Waldorfschule [wobei ich auf letzterer glücklich geworden bin]), habe ich meine ökonomischen Privilegien in diesem Bereich immer genutzt. Wobei das solidarische Finanzierungswesen der Waldorfschulen in Deutschland eigentlich eine antiklassische Maßnahme ist. Leider hat sich das bisher nicht herumgesprochen und wird auch kaum propagiert.

    Ich will noch außerhalb des eigentlichen Klassismusbegriffs hinzufügen, dass ich wahrscheinlich zu einer der privilegiertesten Gruppen überhaupt gehöre, da ich zwar auf der einen Seite ökonomisch privilegiert bin, auf der anderen Seite aber eine gesellschaftlich anerkannte Herkunft habe und nicht mit der „Raffgier“ der Reichsten in Verbindung gebracht werde.

  17. 17 machinelady 08. Oktober 2012 um 14:22 Uhr

    Ich bin zwar gerade eben erst über dein Blog gestolpert, aber ich schreibe dir trotzdem mal etwas – wenn auch ein wenig unsortiert und nicht ganz so eloquent, sorry dafür.

    Ich bin auch eine der studierenden Arbeitertöchter. In meinem Fach (Informatik) erlebe ich zwar eher Sexismus als Klassismus, was aber nicht heißt, dass ich mir nicht manchmal wegen meiner Klassenzugehörigkeit fremd vorkomme.
    Ich fühle mich in akademischen Kreisen immer ein wenig fehl am Platze, weil ich mich nicht so eloquent ausdrücken kann, eben keinen so großen Wortschatz habe und meine Sprache eher restringiert ist. Deshalb traue ich mich auch selten, mich an Diskussionen zu beteiligen, weil sowieso alle das, was ich sagen möchte, besser ausdrücken können und ich nichts Originelles zu sagen habe, meine Diskussionsbeiträge meinen Mangel an Bildung zeigen könnten…
    Andererseits gehöre ich in meinem familiären Umfeld auch nicht mehr so richtig dazu. Die verstehen eben auch nicht, was ich tue, womit ich mich beschäftige (gut, das liegt auch am Fach, theoretische Informatik und Mathematik sind weniger zugänglich für Außenstehende) oder „wozu das gut sein soll“. Ich sehe meine Familie im Moment etwa einmal im Jahr, weil ich mich jedes Mal, wenn ich dort bin, noch mehr entfremdet fühle als in einer Diskussionsrunde von Philosophiestudenten.

    Klassismus habe ich in der Schule mehr erfahren als an der Universität. Ein Großteil meiner Mitschüler (Kleinstadtgymnasium) waren eben Mittelschichtskinder, die recht viel Wert auf Statussymbole gelegt haben, für die meine Eltern wiederum nicht sinnlos Geld ausgeben wollten. Da wurde ich wirklich aktiv ausgegrenzt, weil ich manches einfach nicht hatte. Sogar von Lehrern wurde teilweise aktiv diskriminiert. Wahrscheinlich hat das so sehr an meinem Selbstbewusstsein gezehrt, dass ich jetzt, wo ich eigentlich könnte (weil ich eben hier an meiner Fakultät keinen bzw. kaum offensichtlichen Klassismus erfahre), mich nicht mehr traue, mich quasi selbst diskriminiere, mich selbst von Möglichkeiten ausschließe, die ich eigentlich hätte. Das ist so blöd, weil ich mir selbst alles verbaue – wo fängt man da an?

  18. 18 midnight 08. Oktober 2012 um 22:30 Uhr

    „Was schätzt Du an Deiner Klassenherkunft?“

    Das klingt ein bisschen danach als wäre jede Klassenherkunft von sich aus okay und anerkennenswert.

  19. 19 headless 10. Oktober 2012 um 20:00 Uhr

    Hier gibt es auf jeden Fall Futter zum drüber schreiben. Ballermann, Sonnenbank alles was die ach so dumme „Unterschicht“ so macht. Für mehr als einen Kommentar hat meine Energie leider nicht gereicht. Und der bleibt leider auch noch zu sehr in Klischee verhaftet. Schaut selbst wenn ihr bock habt. http://www.ruhrbarone.de/kernies_wunderland/

  20. 20 Zweisatz 18. Oktober 2012 um 19:03 Uhr

    @clara

    Um auf deine Frage zurückzukommen, was ich lese: Ich habe derzeit „Politisches Ökonomie des Kapitalismus“ von Reiner Eckert
    „Philosophie der Arbeiterklasse“ von u.a. Fred Kohlsdorf (aus der DDR, da werde ich mal gucken müssen, wie ideologisch das ist)
    Ne Textsammlung „Die historischen Anfänge der marxistischen Philosophie“ und
    „23 things they don‘t tell you about capitalism“ von Ha-Joon Chang.

    Vieles davon ist ziemlich schwurbelig geschrieben. Muss mal schauen, ob mir das wirklich nutzt oder das nicht mehr als Gedankengymnastik der jeweiligen Autoren ist. Marx selbst hat ja recht äh, umständlich geschrieben.

  21. 21 Pinkie Liechtenstein 26. Oktober 2012 um 15:42 Uhr

    Ich find’s immer wieder großartig, euch zu lesen. Grade wenn ich wieder das Gefühl habe, nächsten Monat kommt sowieso der Gerichtsvollzieher und mein Studium schmeiß ich hin, und in der WG und sonst versteht mich eigentlich niemand, und ich will nicht schon wieder was leihen und mich aushalten lassen, und wieso bin ich gefühlt weit und breit der einzige, die überlegt, zur Schuldnerberatung zu gehen?, also lieber Fenstersprung und Schluss als ewiges Hamsterrad – dann ist das mein kleines Refugium, um dem Alleinsein wenigstens kurz zu entkommen; und – was ganz wichtig ist – dann auch mal wieder den leider immer noch notwendigen Mut zu finden, die Schwelle zu übertreten und laut zu werden bei meinen Freund_innen. Danke Clara, danke auch den anderen Mitstreiter_innen.

  22. 22 china_bone 29. Oktober 2012 um 22:35 Uhr

    Guten Abend,

    auch ich gehöre zu den stillen Leserinnen, die sich sehr freuen, dass es deinen Blog gibt.
    Ich selbst habe durch meinen Migrationshintergrund aus der sog. „dritten Welt“ oft das Gefühl an Verstehensgrenzen zu geraten und versuche im Alltag sehr mich zu kontrollieren, um nicht „unnötig aufzufallen“. Paradoxerweise halte ich im nächsten Semester ein Seminar über Klassismus an der Uni, an der ich doziere. Vielleicht finde ich danach Worte.
    Wenn jemand uni-Seminar-fähige Literaturtipps hat, immer her damit :-)
    Ganz liebe Grüße
    china_bone

  23. 23 blumseltsam 12. Dezember 2012 um 1:27 Uhr

    Ich wollte es erst wegclicken, aber dann… „Return to me“ höre ich dann jetzt doch. Wie läuft das hier? Soll ich mich vorstellen? Hallo, ich bin blumseltsam, werd seit zwei Jahren nicht älter als 30 und mein Habitat reicht von – ich darf nur eine Messerspitze aus dem Glas mit Nutella – zu – ich darf einmal beim Einkaufen, an der Kasse, in den Kübel mit Matchbox-Autos greifen. Jetzt höre ich „The latin one“. Naja, die Schere geht ja weiter und so reicht mein Fassungsraum heute – ich kann mir 400€ leihen und muss es nicht mit Zinsen und dem ganzen Gedönz und vorallendingen nicht gleich zurückzahlen – zu – Toten. Sufftote. Tote durch andere Drogen. Totgeprügelte. Zwischen all dem ist doch, so kommt es mir vor, viel Unversum. Ich würde mein aufwachsen also leicht schizophren sehen. Einerseits die volle Breitseite Unterschicht und auf der anderen ne Mittelschichts Eruption. Ich lese gern Deinen Blög. Ich glaube, es ist das erste mal, dass ich auf Klassismus, also das lose Wort, gestoßen bin. Seit dem würde ich Dir auch gern schreiben – aber was? Hey, „Hellou“, japp, fühl Dich nich allein…!? Ich gehöre nicht in die Sektion: „Akademisch“, gleichwohl kenne ich die historische Bedeutung von Akademie. Dieser Fakt an sich würde mich im Gespräch ausgrenzen, in gewissen Kreisen. Grade höre ich Diana Krall. Wohlstands Jazz sag ich immer – aber es beruhigt mich. Und wenn ich in Kreisen hänge, in denen Diana Krall ein Begriff ist, dann kann ich mir die Fresse fusselig reden, was leidenschaftliche Hingabe angeht. Da wird mir zuwenig verstanden. Leidenschaftlich… Hellou?! Nun könnte ich behaupten, dass ich Zugang zu unterschiedlichen Richtungen habe, und deshalb froh sein. Aber ich bin es nicht. Ich bin nicht glücklich. Ich bin nicht zufrieden. Um strukturelle Probleme zu erkennen, brauch ich mitlerweile auch keinen Blög wie Deinen mehr.Ich leg jetzt erstmal andere Mucke auf. „Fever Ray – if i had a hart“. Warum lande ich also hier? Soviel ist mal klar. Ich gucke…aber warum? Was hast Du mir zu sagen? Es gibt da den Soundtrack von „Conan – the Barbarian“, „the Kitchen“ und ca. ab Minute 2.30 stell ich mir vor, dass wir diese „Dinge“ vor augen haben. Wie als wäre es Kies und wir nehmen unsere Hände, machen Delphine daraus, tauchen sie einmal durch das Meer aus heißem, sonnengebrannten Sand. Die Nagelbette sind blau, die Haut darum aufgerissen, die Knöchel bluten. Hierbei lächeln wir noch brav, oder sogar stolz, weil wir sowas überhaupt echt können, einfach so… Aber wenn es darum geht, die Gedärme auf den Tisch zu legen, sie präperieren zu lassen, damit sie auch nicht so doll stinken, dann ist es höchste Zeit, dann sorgt der HInweis: „ey, leg das nich weg, das bleibt bei mir – dadurch scheiß ich!“, immerwieder für kleines Aufsehen. „Nick cave – Moving on“. Ich mag, wie Du verdaust.

    Gruzz

  24. 24 Sunny Lemon 22. Dezember 2012 um 17:02 Uhr

    shit, mein kommentar wurde wieder als spam markiert. Sorry!! Ich werd ihn nicht mehr posten!!

  25. 25 Sunny Lemon 28. Dezember 2012 um 16:29 Uhr

    Liebe Clara Rosa,

    bin grade wieder auf deinem Blog gelandet, nachdem ich deinen Post schon vor nem Monat gelesen hatte und damals nicht wusste, was ich beitragen könnte.

    Von mir wie von den Vorgänger_innen das Lob, dass du überhaupt über Klassismus schreibst! Bitte mach weiter damit:-) Deine Ratschläge haben in mir awareness geschaffen – ich benutze den Begriff jetzt in Diskussionen, wenn ich ihn zutreffend finde, und erkläre, was ich darüber (zB dank dir) weiß.

    Nun zu meinen persönlichen Erfahrungen mit Klassismus. Ich würde sagen, dass ich durch meine Herkunft privilegiert bin, also immer genug Geld und Status hatte. In meiner Familie wird nicht wirklich über Geld gesprochen, sondern nur darüber, dass andere zu viel hätten – über diese wird dann gelästert („Diese oberflächlichen, verwöhnten Reichen…“). Mit denen, die weniger haben, wird sich im Geiste solidarisiert, aber mit Unterschicht haben wir im Prinzip gar keine Berührung, sie wird ausgeblendet. Weiß gar nicht, welches die richtige Bezeichnung für meine Klasse ist, vllt Bildungsbürgertum, akademisch, linksorientiert.

    Bis ich viele Jahre in der Schule gewesen war, vielleicht bis zum Gymnasium, war mir nicht wirklich bewusst, dass es eine Unterschicht gibt und dass die was Schlechteres sein soll (vulgär, ungebildet, nur fast food essend… keine Ahnung, die üblichen Vorurteile). Da ich kaum fernsehen durfte, war mir nie eingetrichtert worden, dass Leute in der Unterschicht alle bestimmten Klischees entsprächen. Eher konnte ich vieles in mir wiederfinden, hab aber schnell gelernt, dass das zu unterdrücken ist: wütend und aggressiv sein, rauchen, Kinder kriegen, Bier trinken, streiten, mich aufdonnern, rappen, baggys tragen, mein Ego zur Schau stellen, kämpfen…
    Die Unterdrückung dieser Bedürfnisse (und bestimmt auch anderes) hat mich nicht umgänglicher gemacht, im Gegenteil. Mittlerweile habe ich mich in meinem Milieu und in mir selbst zurecht gefunden, dank rrriot- und queerfeminismus. Aber wenn Leute klassistisch reden, weiß ich nie, was ich erwidern soll. Möchte aus Selbstschutz nicht wieder die Besserwisserin sein, die „die Gerechtigkeit mit Löffeln gefressen hat“ (O-Ton mein Klassenlehrer in der 5. ;) ). Hoffe, dass ich – vllt auch über blogs – Wege finde, damit umzugehen.

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