Archiv für September 2012

I am not a…

Vorab: Ich zitiere in diesem Text verletzende Zuschreibungen.

Dies wird einer der persönlicheren Texte. Einer, auf den ich nix hören will. Deshalb hab ich die Kommentare gleich mal deaktiviert. Mir ist auch klar, dass das einer der denkbar ungünstigsten Momente ist, diesen Text ´raus zu hauen, aber dieser Text gährt, so holperig, wie er daher kommt, schon seit einem Jahr vor sich hin – und vielleicht kommt es ein wenig unsolidarisch daher, aber je öfter ich „Sl*t“ irgendwo lese, desto dringender wird mein Wunsch, etwas los zu werden.

In Diskussionen um den Sl*tWalk im vergangenen Jahr habe ich gemerkt, dass ich das nicht will. Nicht kann. Mich als „Sl*t“ bezeichnen. Bezeichnen lassen. Es gibt für mich Worte und Beschimpfungen, an denen so viele biographische Verletzungen hängen, dass ich sie mir nicht positiv aneignen will.

Michelle Tea beschreibt im Vorwort zu „Without a net – the female experience of growing up working class“ ein Gespräch mit einem Freund. In diesem Gespräch stellen sie fest, dass weiblich sozialisierte Menschen aus der Working/Poverty-Class anderen Zuschreibungen ausgesetzt waren als männlich sozialisierte; er könne sich wohl nicht vorstellen, wie es sei aufzuwachsen und aufgrund von Armut als dreckig, dumm und promiskuitiv* angesehen zu werden.

Dass Arbeiter_innen eine „abweichende“ Sexualität zugeschrieben wird, stellt auch Heike Weinbach fest. Die Sexualität der Arbeiter_innen gelte als „ „obszön“, „frühreif“, „schmutzig“, „auf Spannungsabfuhr ausgerichtet“ und „auf das Geschlechtliche reduziert““. Einen Höhepunkt an klassistischen Zuschreibung einer – angeblich – ungezügelten Sexualität der so genannten „Unterschicht“ produzierte der Stern 2008. In einer Studie wurde dieser „sexuelle Verwahrlosung“ attestiert.

Diese Studie hat mich schon damals maßlos empört, weil es – klar – DIESE Leute waren, deren Privatleben durch staatliche Abhängigkeitsstrukturen ohnehin schon ständig invasiert werden. Die sich am wenigsten zur Wehr setzen würden, wenn ein Kamerateam in ihre Wohnzimmer latscht und sie zur Belustigung oder zum Entsetzen der pseudo-empörten Bürger_innen zum Pornokonsumverhalten ihrer Kinder befragt – oder diese gleich mit vor die Kamera zerrt. Die gleiche Situation in einem Villenviertel hätte diverse Übergriffsklagen und Gerichtsverfahren zur Folge. Nicht aber hier. Die Grenzverletzungen gelten gegenüber materiell schlecht gestellten Leuten als legitim. Und die Schlüsse, die aus den Beobachtungen gezogen gelten als fix: Arm = „sexuell verwahrlost“. Die Feststellungen darüber, wie „die“ mit ihrer Sexualität umgehen sind endlos.

„Die“ bin in dem Fall auch ich. Und die Ladies, mit denen ich aufgewachsen bin. Die aus dem geschlossenen Heim mussten sich – um überhaupt in ihrer Freizeit aus dem Haus gehen zu dürfen – eine Dreimonatsspritze verpassen lassen. Als könnten sie keine eigene Entscheidung über Verhütung treffen. Oder als würden sie umgehend schwanger werden, sobald sie die Straße vor dem Heim betreten. In dem offenen Heim, in dem ich gelebt habe war das etwas weniger rigoros. Mir wurde immerhin noch zugetraut – die aber trotzdem obligatorische Pille – selbstständig einzunehmen.

Dass sich in einem solchen Klima sexualisierter Zuschreibungen solidarische Strukturen entwickeln könnten – daran war nicht zu denken. Das penible bis panische Beobachten unserer Sexualität übertrug sich auf unseren Umgang miteinander. Endete in Mobbing, Übergriffen und starken Abgrenzungsbedürfnissen gegenüber einem „Schl*mp*“-sein. In den Mädchengruppen, deren Teil ich war oder die ich selber angeleitet habe, gab es darum erbitterte Diskussionen. Ich erinnere mich an erbitterte Diskussionen, in denen ich „Laura Palmer“ (eine damals bekannte Jugendbuchfigur) pädagogisch wertvoll gegen eine Stigmatisierung als „Schl*mp*“ zu verteidigen versuchte. Was darin endete, dass ich – weniger pädagogisch wertvoll – verletzt und wütend meine Pädagog_innenrolle kompetenzbefreit über den Haufen warf – und die Mädchen anschrie, dass ich diese Bezeichnung in dem abwertenden Ton in meiner Nähe nie wieder hören wollte.

Es brauchte ein paar Wochen der Erklärung, persönlichem Geschichten erzählen und emotionaler Aufräumarbeiten, bis wir wieder miteinander reden konnten.

Damals hatte ich kein Wort für kollektive Zuschreibungen oder eine Idee von der Struktur, die diese Zuschreibungen produziert – ich hatte nur Wut. Und Verletzung. Und ich wollte mich und „meine“ Ladies gegen diese Zuschreibungen verteidigen.

Diesen Impuls habe ich immer noch. Ich verstehe die Praxis, in der sich Negativbezeichnungen angeeignet werden, um sie umzukehren. Diese Praxis hat für mich Grenzen. Eine Grenze, an der die Frage aufkommt, wer sich diesen Begriff überhaupt wann und wie positiv aneignet/aneignen kann.

Wie schon oben gesagt: Ich kann es nicht. Und ich werde es nicht. Und die meisten meiner Ladies – wahrscheinlich auch nicht.

*als promiskuitiv werden Menschen – überwiegend weiblich sozialisierte – bezeichnet, die „häufig wechselnde Geschlechtspartner_innen“ haben.