Klassenverbündete*

In den letzten Wochen habe ich immer wieder Anfragen erhalten, Workshops zum Thema Klassismus zu geben. Das freut mich, weil ich es super finde, dass es Interesse an dem Thema gibt. Leider habe ich nur begrenzte Ressourcen (Zeit, Geld, Nerven), um solche Workshops zu geben. Deshalb habe ich mich mal daran gesetzt, eine Übersetzung einer angefangenen Liste von Überlegungen/Handlungsmöglichkeiten für Klassenverbündete von classism.org zu übersetzen. Ich denke, dass sich diese Liste sowohl eignet, um sie alleine durch zu gehen oder auch mit anderen zu diskutieren.

Da ich das möglichst nah am Original übersetzt hab klingt manches vielleicht ein wenig holprig, aber ich denke, dass die Kernpunkte klar werden:

- Schließe und pflege klassenübergreifende (kategorienübergreifende) Freund_innenschaften

- Nutze die Worte „Klasse“ und „Klassismus“ in Deinen Unterhaltungen

- Sei Dir über die klassenbezogenen Auswirkungen jeder Deiner Entscheidungen bewusst

- Nehme nicht an, dass andere die gleiche Menge an Ressourcen haben wie Du

- Nehme nicht an, dass andere „sich das leisten können“

- Beführworte/Unterstütze das Besetzen von Führungspositionen mit Leuten aus der Armuts- / Arbeiter_innenklasse

- Mache keine Annahmen über die Intelligenz von Leuten, basierend auf Ihrem Aussehen

- Wenn du „nett/freundlich“ immer als positive Eigenschaft wertest und „wütend“ immer als negativ: Frage Dich warum!

- Sei offen über Deine Klassensituation und/oder Herkunftsklasse zu sprechen

- Nimm wahr wen Du warum – und wie – beurteilst. Nimm wahr, welche Urteile Du über Dich selbst befürchtest

- Überlege welche Kleidung Du trägst und warum

- Brich das Tabu und frage andere Leute nach ihrer finanziellen Situation und Klassengeschichte

- Gehe zu Aktivitäten und Veranstaltungen, die außerhalb Deiner „gewohnten/bequemen“ Bereiche liegen

- Sei Dir über Deine Klasse im globalen Kontext bewusst, in Bezug auf wie viel „genug“ ist

- Unterstütze Boykotte und Streiks

- Ermutige jüngere Menschen außerhalb ihrer Klassenschranken zu träumen/denken

- Bewahre eine Grundhaltung, gegen Klassismus und andere Herrschaftsformen zu arbeiten, was sowohl dringend als auch notwendig für eine langfristige Perspektive für Veränderung ist

- Schreibe Leser_innenbriefe

- Sieh Dir Zahlen/Statistiken an, die Ungleichheit beschreiben und behalte sie im Auge

- Wenn Du mehr als genug Geld hast, teile es mit Organisationen, die für Gerechtigkeit arbeiten

- Unterbreche höflich klassistische Witze, Verunglimpfungen oder Vorannahmen

- Biete Alternativen oder korrekte Informationen an, wenn Du klassistische Stereotype oder Mythen hörst (zum Beispiel Hartz IV-Bashing)

Das ist keine „vollständige“ Liste und an manchen Punkten finde ich es notwendig, ausführlicher zu diskutieren (welche Boykotte zum Beispiel unterstützt werden oder das mit den Freund_innenschaften zum Beispiel…) – aber dafür soll sie da sein.

Ich hätte noch eine ergänzende Liste für Aktivist_innen, die Events planen, die ich in den Gruppen, in denen ich arbeite für sinnvoll halte:

- Mache Dir und innerhalb der Gruppe klar, welche Ressourcen Du hast und wie viel Du einbringen kannst/wirst

- Höre anderen zu, wenn Ressourcen geklärt werden

- Achtet darauf, wenn Leute die Ansagen zu ihren Ressourcen überschreiten und fragt warum (gibt es zu wenig Leute? Haben wir falsch geplant?)

- Plant früh (!) und überlegt, welche Ressourcen ihr braucht

- Überlegt, wofür Ihr Geld organisieren könnt/wollt – und warum.

- Überlegt, wofür Ihr kein Geld ausgeben könnt/wollt – und warum.

- Macht diese Überlegungen gegenüber Leuten transparent, die Ihr für Euer Event gewinnen wollt

- Überlegt, wer Eure Zielgruppe ist, wer nicht – und warum

- Überlegt, wie viel szeneinterne Codes Ihr verwendet und wer davon automatisch eingeladen und ausgeladen wird

Auch diese Liste ist endlos erweiterbar und ein Anfangspunkt.

Freue mich über Vorschläge/Ergänzungen/Kritik oder Erlebnisberichte zu Diskussionen.

*Das Konzept „Verbündete“ habe ich über das Institut „Social Justice“ von Leah Carola Czollek, Heike Weinbach und Gudrun Perko kennen gelernt. Es bezeichnet die Möglichkeit, eigene Privilegien zu reflektieren und zu teilen.


8 Antworten auf „Klassenverbündete*“


  1. 1 Administrator 02. August 2012 um 17:33 Uhr

    kurze erläuterung zu einer frage von leah auf facebook:

    L: danke für die übersetzung / bereitstellung der listen!
    ich habe eine verständnisfrage: „Achtet darauf, wenn Leute die Ansagen zu ihren Ressourcen überschreiten und fragt warum“
    kannst du mir sagen was das heißt? ich kanns mir einfach nicht erklären egal wie oft ich es lese :)

    CR: damit meine ich zum beispiel, wenn leute gesagt haben: „ich werde in dem projekt nur die PR machen können“ und dann aber anfangen aus pflichtgefühl dinge zu tun, die liegen geblieben sind. meistens brennen sich einzelne in eventvorbereitungen total aus, ohne dass es anderen auffällt.

  2. 2 Irgendjemand 03. August 2012 um 14:23 Uhr

    Ich bin Akademiker mit einer niedrigen Herkunft und finde es sehr gut, dass es eine solche Liste gibt. Sie wird sicherlich für viele Verbündete hilfreich sein.

    Ich hätte noch einige Ergänzungen:

    - Mache dir bewusst, dass es keine Schande ist der Mittelschicht oder Oberschicht anzugehören. Mache dir bewusst, dass du dich für deinen Habitus nicht schämen musst. Mache dir bewusst, dass Arbeiter_innen-Kinder besseres zu tun haben, als dich deswegen zu hassen.
    -- Beispiel: Eine Bekannte trank ihre Cafe nur schwarz. Sie kam mich besuchen, sah die Tassimo und guckte leicht schockiert. Als ich ihr meine Cafevariationen anbot, wirkte sie noch schockierter „du trinkst Latte Machiatto? W..w..wie reagieren denn deine Eltern darauf“. Um ehrlich zu sein musste ich mich zurückhalten um nicht laut loszulachen. Meine Eltern haben andere Probleme als Leute wegen ihres Cafegeschmacks zu diskriminieren.
    Es stellte sich heraus, dass sie schwarzen Cafe nicht besonders mochte, aber keine von diesen Machiatto-Linken sein wollte, auch weil sie glaubte, dass dieses unter anderem mich abschrecken würde. Warum sollte es mich abschrecken? Ich gebe zu, der Machiatto – inbesondere der Decaf Soy Machiatto – hat ein Imageproblem. Ich bin aber durchaus in der Lage zwischen der Person und dem Getränk zu unterscheiden. Das unterstellt mir Dummheit, Ignoranz und Vorurteile. Deswegen ist kein Kompliment für mich, in meiner Gegenwart schwarzen Cafe zu trinken, obwohl man ihn nicht mag.

    - Mache dir bewusst, dass es keine Schande ist, reich zu sein. Tatsächlich ist es eher eine Schande Reichtum zu verbergen, denn es ist unsolidarisch.
    --Beispiel: Wir hatten einen Komilitonen, dessen Vater Unternehmer war. Der Vater hatte seinem Sohn jeden monatlichen Geldbetrag für die Zeit seines Studiums angeboten. Der Sohn beschränkte sich auf 500 Euro pro Monat und lebte bescheiden. Dagegen ist nichts einzuwenden. Gegen etwas anderes aber schon: wir haben uns in Studienzeiten gegenseitig in die Mensa eingeladen. Mal bezahlte einer, mal der andere. Wir wussten damals nicht, dass sein Vater reich ist und haben uns nichts dabei gedacht. Das haben die Kommilitonen und ich im Nachhinein als grob unfair empfunden. Für uns war es nämlich zum Teil eine echte finanzielle Belastung. Daher: Wenn du das Geld deines Vaters nicht für dich willst, ist es trotzdem klug so viel zu nehmen, dass du dich nicht von ärmeren Leuten aushalten lassen musst. Das kommt nicht besonders gut an bei den ärmeren Leuten Du könntest es auch verschenken oder spenden.

    - Teile auch dein Wissen, statt es zu verbergen.

    „– Ermutige jüngere Menschen außerhalb ihrer Klassenschranken zu träumen/denken“
    -- Dieser Punkt ist diskssionswürdig. Ermutigen: ja, ihnen ihre eigene Sichtweise ausreden: nein. Überlege immer gut, warum eine Person diese Sichtweise hat. Versuche es aus ihrer Perspektive zu sehen, versuche eine andere Sichtweise nicht Defizit zu sehen.
    Nach meinen Studienabschluss hätte ich die Möglichkeit gehabt mit einem Stipendium zu promovieren. Ich habe lange überlegt und mich letzendlich gegen dieses Stipendium entschieden. Das hatte verschiedene Gründe. Ich wollte eine Familie gründen. Das wäre unter diesen Umständen finanziell nicht drin gewesen. Ich hatte keine Lust auf eine Fernbeziehung, die dann nötig gewesen wäre, und weitere Gründe. Einer meiner Profs wollte mich überreden, das Stipendium unbedingt anzunehmen. Es kam zu einem Streit auf dessen Höhenpunkt er mir ungefähr Folgendes an den Kopf warf: „Ich kann nicht glauben, dass jemand der fachlich so gut ist, ansonsten so dumm ist“. Das traf einen wunden Punkt bei mir, da ich der Meinung war, eigentlich dumm nur durch einen seltsamen Zufall fachlich gut zu sein. Zeitweise überlegte ich gar, doch auf den Prof zu hören. Heute – gar nicht so viel später – bin ich froh es nicht getan zu haben.

  3. 3 frage 03. August 2012 um 22:49 Uhr

    ich verstehe leider überhaupt nicht, was du mit klasse meinst. wo sind die grenzen. ab wann ist man welche „klasse“. vielleicht bin ich da zu traditionsmarxistisch, für mich gibt es ersteinmal nur 2 „klassen“. über eine verdeutlichung der kategorien, von denen du sprichst, würde ich micht freuen.

  4. 4 Johanna (hl.) 24. August 2012 um 9:19 Uhr

    Wie wärs als Ergänzung mit:

    Organisiere dich. Findet gemeinsam heraus, wie ihr erst einmal euren Zugang zu Ressourcen und eure Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern könnt. Nutzt diese Erfahrungen und Verbesserungen, um weiter zu gehen und die Mittel der Produktion zu vergesellschaften. Überlegt euch, wie ihr euch gegen die dann höchstwahrscheinlich massiv startende Gewalt der BesitzerInnen der Produktionsmittel schützen könnt.
    Probiert aus, wie ihr eure Fähigkeiten zwecks Arbeitsteilung koordinieren könnt, ohne dass ein Mensch einen anderen besitzt. Koordiniert euch so, dass es keine Klassen mehr gibt. Startet ein großes Fest.

  5. 5 ekmek 04. Oktober 2012 um 15:46 Uhr

    Ich habe das Gefühl, dass dieser Eintrag eine ganz gute Übersicht bietet über das was du hier im Blog rüberbringen willst und schreib das deswegen hier rein.

    Ich habe nämlich das Gefühl, dass es hier fast nur um Umgangsformen geht und dass wenn alle oben genannten Punkte eingehalten werden, sich überhaupt nichts geändert hat.
    Klassen existieren ja nicht aus lauter „Unhöflichkeiten“ heraus sondern aus ökonomischen Verhältnissen.

    Bei einigen Punkten kann man finde ich echt nur den Kopf schütteln weil sie eigentlich nur Aussagen: „Sei kein Arschloch.“

    Um das deutlicher zu machen: Ich stelle mir vor wie derartige Vorschläge zu Rassismus und ähnlichem gemacht werden – „Knüpfe Freundschaften mit Migranten / Behinderten“

    Das halte ich doch für sehr problematisch, wenn Freundschaften bisher bewusst nur mit weißen, männlichen, heterosexuellen, upperclass-Fußgängern geschlossen wurden, dann ist diese Person wahrscheinlich ohnehin kein/e wünschenswerte/r Freund_In und wenn dieser Person das bisher nicht aufgefallen ist, dann ist es doch sehr merkwürdig von ihr einen solchen Freundschaftsschluss zu verlangen.

    Es geht doch nicht darum mit Menschen die von Diskriminierung betroffen sind Freundschaft zu schließen – nicht weil sie tolle Menschen sind sondern – wegen ihres Status als Diskriminierte.

    Auf der anderen Seite sollte es auch überhaupt nicht darum gehen weniger Arschlochverhalten gegenüber solchen Menschen einzufordern, sondern die Ursachen der strukturellen diskriminierung abzuschaffen.

    Dazu auch noch ein wenig polemischere Gedanken hier:

    http://jungle-world.com/jungleblog/1807/

    Das von mir so betitelte „Arschlochverhalten“ hat ja Ursachen und die sind es die angesprochen werden – und natürlich radikal verändert – werden müssen. Davon sehe ich hier leider sehr wenig.

    Aber ich will ja hier nicht nur rummeckern, sondern auch sagen was ich hier gut finde und woran meiener Meinung nach so ein Bewusstmachen der Ursachen und deren Bekämpfung anknüpfen kann.

    Es gibt im Alltag wirklich viel Hartz4-Bashing und ähnliches. Asozial wird nicht als Wort benutzt, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu beschreiben (die sind im wahrsten Sinne des Wortes a-sozial)sondern um Menschen mit wenig Geld zu diskreditieren und sich von ihnen abzugrenzen.

    Es ist absolut richtig im Alltag gegen sowas anzugehen, dabei sollte aber auch darauf hingewiesen werden, dass dieses von ihnen als „asozial“ bezeichnete Leben am Existenzminimum politisch und wirtschaftlich gewollt ist und welchen Zweck es erfüllt. Dass obwohl immer darüber gejammert wird wie „bildungsfern“ „die Unterschicht“ ist es überhaupt kein Interesse gibt daran etwas zu ändern, bzw. dieses Vorurteil ja auch noch 24/7 fleißig reproduziert wird.

    Es gehören keine Arbeiter_Innen in Führungspositionen, sondern diese Hierachien gehören abgeschafft.

    Das Bewusstmachen von Klassenunterschieden ist denke ich ziemlich wichtig, allerdings nur wenn sich mit diesem Bewusstsein auch ein Bewusstsein der Ursachen dieser Unterschiede verknüpft.

    Insbesondere wo doch immer allen erzählt wird alle wären gleich und alle haben die selben Möglichkeiten, was ganz konkret einfach nicht wahr ist, halte ich es jedoch für sehr problematisch den Menschen zu sagen, sie sollen „Außerhalb ihrer Klassengrenzen denken“ denn damit verbinde ich zumindest Gedanken wie: vom Tellerwäscher zum Millionär, du kannst alles erreichen was du willst, du musst dich nur anstrengen, es liegt an dir, etc.

    Es muss danach gefragt werden warum diese Unterschiede bestehen und welchen Zweck sie erfüllen, ansonsten hilft das ganze aufzeigen dieser Unterschiede herzlich wenig.
    Es geht nicht darum auf die Aussage „Unterschichten-Kinder gehen alle auf die Hauptschule“ o.ä. mit Statistiken zu wiederlegen und Beispiele von ArbeiterInnenkindern anzuführen die Studienabschlüsse machen, sondern es geht darum zu fragen warum tatsächlich ein Großteil von ArbeiterInnenkindern keinen Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen hat (ohne dabei zu glauben, dass man mit solchen etwas besseres ist).

  1. 1 Klassenverbündete « Rummotzen Pingback am 06. August 2012 um 1:28 Uhr
  2. 2 Die Sache mit der politischen Unverständlichkeit « kiturak Pingback am 11. Oktober 2012 um 14:39 Uhr
  3. 3 Die Sache mit der politischen Unverständlichkeit » takeover.beta Pingback am 05. Januar 2013 um 14:46 Uhr
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