Archiv für August 2012

Klassenverbündete*

In den letzten Wochen habe ich immer wieder Anfragen erhalten, Workshops zum Thema Klassismus zu geben. Das freut mich, weil ich es super finde, dass es Interesse an dem Thema gibt. Leider habe ich nur begrenzte Ressourcen (Zeit, Geld, Nerven), um solche Workshops zu geben. Deshalb habe ich mich mal daran gesetzt, eine Übersetzung einer angefangenen Liste von Überlegungen/Handlungsmöglichkeiten für Klassenverbündete von classism.org zu übersetzen. Ich denke, dass sich diese Liste sowohl eignet, um sie alleine durch zu gehen oder auch mit anderen zu diskutieren.

Da ich das möglichst nah am Original übersetzt hab klingt manches vielleicht ein wenig holprig, aber ich denke, dass die Kernpunkte klar werden:

- Schließe und pflege klassenübergreifende (kategorienübergreifende) Freund_innenschaften

- Nutze die Worte „Klasse“ und „Klassismus“ in Deinen Unterhaltungen

- Sei Dir über die klassenbezogenen Auswirkungen jeder Deiner Entscheidungen bewusst

- Nehme nicht an, dass andere die gleiche Menge an Ressourcen haben wie Du

- Nehme nicht an, dass andere „sich das leisten können“

- Beführworte/Unterstütze das Besetzen von Führungspositionen mit Leuten aus der Armuts- / Arbeiter_innenklasse

- Mache keine Annahmen über die Intelligenz von Leuten, basierend auf Ihrem Aussehen

- Wenn du „nett/freundlich“ immer als positive Eigenschaft wertest und „wütend“ immer als negativ: Frage Dich warum!

- Sei offen über Deine Klassensituation und/oder Herkunftsklasse zu sprechen

- Nimm wahr wen Du warum – und wie – beurteilst. Nimm wahr, welche Urteile Du über Dich selbst befürchtest

- Überlege welche Kleidung Du trägst und warum

- Brich das Tabu und frage andere Leute nach ihrer finanziellen Situation und Klassengeschichte

- Gehe zu Aktivitäten und Veranstaltungen, die außerhalb Deiner „gewohnten/bequemen“ Bereiche liegen

- Sei Dir über Deine Klasse im globalen Kontext bewusst, in Bezug auf wie viel „genug“ ist

- Unterstütze Boykotte und Streiks

- Ermutige jüngere Menschen außerhalb ihrer Klassenschranken zu träumen/denken

- Bewahre eine Grundhaltung, gegen Klassismus und andere Herrschaftsformen zu arbeiten, was sowohl dringend als auch notwendig für eine langfristige Perspektive für Veränderung ist

- Schreibe Leser_innenbriefe

- Sieh Dir Zahlen/Statistiken an, die Ungleichheit beschreiben und behalte sie im Auge

- Wenn Du mehr als genug Geld hast, teile es mit Organisationen, die für Gerechtigkeit arbeiten

- Unterbreche höflich klassistische Witze, Verunglimpfungen oder Vorannahmen

- Biete Alternativen oder korrekte Informationen an, wenn Du klassistische Stereotype oder Mythen hörst (zum Beispiel Hartz IV-Bashing)

Das ist keine „vollständige“ Liste und an manchen Punkten finde ich es notwendig, ausführlicher zu diskutieren (welche Boykotte zum Beispiel unterstützt werden oder das mit den Freund_innenschaften zum Beispiel…) – aber dafür soll sie da sein.

Ich hätte noch eine ergänzende Liste für Aktivist_innen, die Events planen, die ich in den Gruppen, in denen ich arbeite für sinnvoll halte:

- Mache Dir und innerhalb der Gruppe klar, welche Ressourcen Du hast und wie viel Du einbringen kannst/wirst

- Höre anderen zu, wenn Ressourcen geklärt werden

- Achtet darauf, wenn Leute die Ansagen zu ihren Ressourcen überschreiten und fragt warum (gibt es zu wenig Leute? Haben wir falsch geplant?)

- Plant früh (!) und überlegt, welche Ressourcen ihr braucht

- Überlegt, wofür Ihr Geld organisieren könnt/wollt – und warum.

- Überlegt, wofür Ihr kein Geld ausgeben könnt/wollt – und warum.

- Macht diese Überlegungen gegenüber Leuten transparent, die Ihr für Euer Event gewinnen wollt

- Überlegt, wer Eure Zielgruppe ist, wer nicht – und warum

- Überlegt, wie viel szeneinterne Codes Ihr verwendet und wer davon automatisch eingeladen und ausgeladen wird

Auch diese Liste ist endlos erweiterbar und ein Anfangspunkt.

Freue mich über Vorschläge/Ergänzungen/Kritik oder Erlebnisberichte zu Diskussionen.

*Das Konzept „Verbündete“ habe ich über das Institut „Social Justice“ von Leah Carola Czollek, Heike Weinbach und Gudrun Perko kennen gelernt. Es bezeichnet die Möglichkeit, eigene Privilegien zu reflektieren und zu teilen.