P*b*l und G*s*cks, oder: das diskriminierende Verhalten benennen, statt neue Zuschreibungen zu machen.

Eine Sache, bei der ich mir mit meinen Freund_innen extrem uneinig bin, ist die, ob durch die Einforderung von Sprach-Handlungen auch Strukturen verändert werden. Was ich am ehesten als Gegenargument einsehe, ist das einer Elite-Sprache, die nur Eingeweihte sprechen, die sich darüber moralisch aufwerten. Hat ja auch was mit Zeit, Ressourcen und informiert-sein zu tun, wie up-to-date meine Politsprache ist.

Aaaaaaandererseits: Ich kann es nicht mehr hören! Oder lesen. P*b*l, Pr*ll, p*b*ln, pr*llig, *s*. Ich habe das mit Margret Steenblock in unserem Audiobeitrag schon versucht deutlich zu machen: Alle oben angedeuteten Zuschreibungen sind klassistische Zuschreibungen an bestimmte Gruppen. Verhaltensweisen, die der Arbeiter_innenklasse oder Armutsklasse zugeschrieben werden. (Sich über die Wortherkunft schlau zu machen überlasse ich jetzt mal den Such- und Erklärmaschinen).

Dass sich Linke aus der Mittelschicht/Upper-Class gern als un-bürgerlich inszenieren und eine Karikatur dessen zur Schau tragen, was sie sich als Arbeiter_innen/Arme vorstellen hat Michi Ebner phantastisch formuliert:

„Einige (Frauen) versuchen diesen Unterschieden und der Verantwortung für den Umgang mit den eigenen Privilegien dadurch zu entkommen, indem sie sich nach außen hin so geben, wie sie glauben als nicht zur Mittelschicht gehörend identifiziert zu werden. Auch sogenannte „Prolostereotype“ werden dabei ausgelebt: abgerissene Kleidung, kein sichtbarer Luxus, lässige Sprache (wie z.B. möglichst oft „Scheiße“ sagen, Schimpfwörter verwenden) etc. Meist handelt es sich hier lediglich um das Einnehmen einer Protesthaltung gegenüber den eigenen Eltern. Gleichzeitig wird aber ein klassistisches Bild von „Prolo“ transportiert, das zudem in üblicher Mittelschichtsmanier wieder zur Norm erhoben wird.“

Egal, ob es also ein „positiver“ Bezug auf „pr*ll*g-sein“ oder ein negativer als die „P*b*lnd*n“ – es bleibt eine klassistische Zuschreibung oder Inszenierung.
Da es ja selten funktioniert, auf so etwas hin zu weisen, ohne ein augenrollendes „darf-ich-denn-jetzt-gar-nix-mehr-sagen“ oder andere Genervtheiten oder Abwehr zu produzieren und ich meistens auch keinen Bock habe, eine Diskussion zu führen, die mir a. keinen Spass macht und mich b. in der Regel zu viel Energie kostet, habe ich einen Lösungsvorschlag, der gern verbreitet werden darf: Benennt einfach das diskriminierende Verhalten. Also: „Person xyz hat abc soundso-istisch beleidigt/angegriffen“, „Diese oder jene Gruppe hat sich mackermäßig/dominant verhalten“. Damit wird immer noch das nicht-einverstanden-sein mit dem Verhalten/Gesagten einer Person/Gruppe ausgedrückt – aber nicht gleichzeitig diskriminierende Sprache dazu benutzt.

Es kann sein, dass Sprach-Handlungen nicht die Welt verändern – aber ich würde mir zumindest im queer-feministischen Kontext wünschen, dass es ein Bewusstsein darüber gibt, was damit ausgesagt wird, wenn die oben angedeuteten Zuschreibungen benutzt werden.

Der Text von Michi Ebner heißt „Unscheinbare Grenzlinien, Klassismus in der Frauen- und Lesbenbewegung“ und ist aus „ENTSCHEIDEND EINSCHNEIDEND, Mit Gewalt unter Frauen in lesbischen und feministischen Zusammenhängen umgehen“, Milena Verlag 2001 (tausend, tausend Dank an JR, die mir diesen Text kopiert hat uns auch sonst ganz großartig ist!!)


4 Antworten auf „P*b*l und G*s*cks, oder: das diskriminierende Verhalten benennen, statt neue Zuschreibungen zu machen.“


  1. 1 Tina 06. Juli 2012 um 0:05 Uhr

    Ich finde das Vorgehen, Verhalten zu benennen, statt Personen zu klassifizieren sehr sinnvoll. Ähnliches kann mensch ja auch bei geschützten Räumen mindestens versuchen: alle (z.B. Gender) werden zugelassen, aber bestimmtes (z.B. mackermäßiges) Verhalten wird nicht geduldet.

    Eine Herausforderung dabei ist, dass z.B. Unwohlsein schon passiert, bevor echtes benennbares Verhalten passiert ist. Ich fühle mich manchmal schon in der Gegenwart von machomäßigen Menschen unwohl, ohne dass sie schon etwas konkretes, wie z.B. einen sexistischen Spruch losloassen, gemacht haben müssen. Da ist es eben am einfachsten zu sagen „können wir woanders hingehen, hier sind mir zu viele Machos“, als zu sagen, „die Menschen haben mir zu viel machomäßige Ausstrahlung, ich fühle mich hier nicht wohl“. Zweiteres wäre wohl aber am ehesten eine Beschreibung der Situation, ohne zu viel Zuschreibung, oder?

  2. 2 ClaraRosa 06. Juli 2012 um 16:54 Uhr

    hallo tina,
    ich bin mir nicht sicher, ob du meinen eintrag so gelesen hast, wie ich ihn meinte – nämlich, dass ich nicht möchte, dass die gesternten begriffe benutzt werden, weil diese diskriminierend sind.
    „Macho“ oder „machomäßig“ halte ich in beiden von Dir vorgeschlagenen Fällen eine präzise Beschreibung.
    Es ging mir darum, dass nicht eine Diskriminierung eine andere rechtfertigt.
    LG,
    CR

  3. 3 Zweisatz 29. Juli 2012 um 9:36 Uhr

    Deine Argumentation gegen die Benutzung der Worte könnte man auch noch leicht anders führen. Einerseits ist es in feministischen (linken, queeren, was auch immer deine Geschmagsrichtung) Kreisen völlig selbstverständlich, dass man Frauen* nicht als „Sch*****“ bezeichnet und auch das N-Wort völlig daneben ist, selbst als Zitat. Warum sollen plötzlich klassistische Schimpfwörter keine verletzende und die diskriminierenden Strukturen unterstützende Wirkung mehr haben?
    Mag ja sein, dass durch das Weglassen klassistischer Schimpfwörter die Strukturen nicht verschwinden, durch die Verwendung der Wörter werden sie aber auf jeden Fall unterstützt.

  4. 4 Faye 13. Oktober 2012 um 0:32 Uhr

    Sorry, ich stehe grade aufm Schlauch. Verstehe ich es richtig, dass es um die Benennung von doofem Verhalten durch klassistische Schimpfwörter geht? Also dass sowas regelmäßg passiert? (Entschuldige die blöde Frage, aber ich habe schon seit Jahren keinen richtigen Kontakt zu linken Gruppen mehr.)
    Welche Sprachhandlungen sind genau gemeint, könntest du da ein Beispiel nennen?

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