Das leidige „etc.“, oder: Danke – ich will (lieber) nicht bei Euch wohnen!

So wie bei Google mittlerweile angekommen ist, dass es sich bei der Suchanfrage nach Klassismus nicht um einen Schreibfehler handelt, lese ich immer öfter in links-queeren Wohnungsanzeigen dass das ausformulierte: „gegen -ismen und Diskriminierungen“ um Klassismus ergänzt wird. Das ist schön. Zeigt es doch, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass es Klassismus gibt. Oder wenigstens eine Diskussion darum.
Da ich Wohnungsanzeigen und das darüber transportierte Selbstbild der Schreibenden sehr spannend finde, frage ich mich aber oft, wie der Klassismus da zwischen die anderen -ismen gerutscht ist.
In meinen alten WG´s war das Formulieren dieser Anzeigen ein Prozess, der dem des Verfassens politisch-theoretischer Texte nahe kommt. Jede_r wollte/sollte/musste sich darin wieder finden können und nicht selten wurden darüber Diskussionen angestoßen, die Zerwürfnisse innerhalb der WG zur Folge hatten, nach denen gleich weitere auszogen.
Überhaupt habe ich dieses System, Mitbewohner_innen über Anzeigen zu suchen, erst in der Großstadt kennen gelernt. In den kleinen Städten, in denen ich vorher gewohnt habe, wurde das in der Regel weiter erzählt und meistens hatten sich alle so weit auf dem Schirm, dass immer wer wen wusste, die_der gerade was sucht.
Aber das nur am Rande – zurück zu den kleinen Manifesten, die sich Wohnungsanzeigen nennen und meiner Phantasie dazu, wie der Klassismus da ´rein kommt. Irgendwie kann ich nicht glauben, dass sich das, was ich mir unter Klassismus-bewusstem-Wohnen vorstellen würde hinter der -ismen-Aufzählung verbirgt. Ich habe zum Beispiel noch nicht gelesen: „Da wir contra-klassistisch leben möchten, staffelt sich unsere Miete nach dem Einkommen der einzelnen“. Ganz zu Schweigen von der Verhandlung darüber, ob Kohle von Eltern, Verwandten und Bekannten zu diesem Einkommen zählt. Und ganz, ganz ehrlich: Diese Auseinandersetzung stelle ich mir aus unterschiedlichen Klassenperspektiven schwierig bis unmöglich vor.
Vielleicht ist es auch die (Großstadt-)WG-Erfahrung, die mich misstrauisch werden lässt. Ich wohne jetzt seit 6 Jahren alleine und halte das im Moment für mich für den besten Kompromiss. Zuletzt habe ich in einer größeren WG gewohnt, in der die finanziellen Ressourcen höchst unterschiedlich waren:
Während ich in einem – miserabel bezahlten – 45-50 Stunden-Job in einem Callcenter meine Miete verdiente, lebte die Hälfte der WG in „gemeinsamer Ökonomie“ – während die Finanzsituationen der einzelnen in der WG wenig bis gar nicht offen besprochen wurden. Nicht dass ich Teil dieser „Ökonomie“ hätte werden wollen – ich habe ein großes Problem damit, um Kohle zu verhandeln, bzw. einzufordern, dass mir etwas zusteht (und mittlerweile weiß ich, dass das strukturell ist und kein persönliches Problem). Genau genommen hab ich immer abgewehrt, dass es so was für mich geben könnte: Gemeinschaftskassen, in die alle einzahlen, wo ich dann über das Geld verfügen darf. Vor allem mit der Info, dass es einzahlende Leute gibt, die in der Hälfte der Zeit, die ich arbeite das Doppelte verdienen. Ich hätte – damals wie heute – das Gefühl gehabt, dass ich mir noch einen Zusatzjob suchen muss, um das überhaupt annehmen zu können. Ich habe daraus eine „ich-bin-stolz-dass-ich-mein-eigenes-Geld-verdiene-und-will-das-nicht-mit-anderen-verhandeln“-Haltung entwickelt (die habe ich bis heute).
Auch wenn das für mich hieß: Meinen von der Bank gekündigten Dispo in 50 Euro-Schritten abstottern und während alle anderen sich Auslandsaufenthalte, Gesangsstunden, Politgruppen und andere spannende Dinge leisten konnten. Da ich zu der Zeit weder Zeit noch Vertrauen noch Energie noch Kopf dafür hatte, meine Lage innerhalb der WG zu besprechen begleiteten die unterschiedlichen ökonomischen Verhältnisse unsere Alltage eher unausgesprochen.
Dinge nicht auszusprechen macht vieles nicht besser – und auch, wenn es nicht die Diskussion um den unterschiedlichen Zugriff auf Geld war, der mich dazu bewegt hat alleine wohnen zu wollen – es ist für mich entspannender und ehrlicher, auf diese Art auf mich selbst angewiesen zu sein, als mir Klassenprivilegien jeden Tag vorleben zu lassen und das Gefühl gemacht zu bekommen, dass ich defizitär bin, weil ich lohnarbeite.
Das alles schreibe ich mit der Grundhaltung, dass Klassenverhältnisse diese unterschiedlichen Positionen produzieren – und wie bei so vielen anderen Machtverhältnissen auch unterstelle ich keine grundlegend bösen Absichten. Aber in dem Moment, wo eine Grundhaltung quasi Marketing-mäßig für den Wohnungsmarkt formuliert wird, kann ich nicht anders, als mich zu fragen:
Wie kommt Klassismus in diese Wohnungsanzeigen?
Sind es diejenigen in den WG´s, die eine Diskussion um das Thema in ihren WG´s einfordern? Ist es guter Wille? Oder ein Trend ohne Inhalt, bei dem die Ausformulierung des etc., das oft an die -ismen-Liste angehängt wird, ein politsches Up-to-Date suggerieren soll? Ersteren wünsche ich viel Kraft. Bis es ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle gibt würde ich aber vorsichtshalber sagen: Danke, ich möchte lieber nicht bei Euch wohnen.


7 Antworten auf „Das leidige „etc.“, oder: Danke – ich will (lieber) nicht bei Euch wohnen!“


  1. 1 Bäumchen 01. Juli 2012 um 15:11 Uhr

    Auch aus einer Kleinstadt, dennoch erfahren darin, Mietanzeigen in Manifestform zu schreiben :-) . Klassismus haben wir nicht als -ismus mitreingeschrieben, aber klargemacht, dass wir gerade auch Lohnarbeiter*innen (unser Haus dominiert von Studis) und Menschen mit weniger Einkommen begrüßen. Da wir sehr unterschiedliche Menschen sind, muss vieles bei uns ausgehandelt und diskutiert werden. Eine gemeinsame Kasse mit fester monatlicher Grundgebühr gibt es nicht. Wir haben schon verschiedenes ausprobiert, damit es nicht wenigen Menschen überlassen bleibt, den Kühlschrank zu füllen (wir haben eine ,,Alle kaufen ein für alle“-Abmachung). Einmal hatten wir eine Liste, wo Leute eintragen, wenn sie etwas besorgt haben. Das hatte den Vorteil, dass Essen nicht in Form von Geld erworben sein musste sondern zum Beispiel auch durch Containern. Das hat sichtbar gemacht, dass alle irgendwie mitdenken und sich jemand nicht alleinfühlt im Tragen der Miternährung aller. Das scheiterte daran, dass es viel zu aufwendig war, immer aufzuschreiben, was wer besorgt hatte. Jetzt haben wir gerade eine gemeinsame Kasse mit einer Liste, bei der Leute dann abhaken, wenn sie entweder was in die Kasse gefüllt haben oder eingekauft haben. Das läuft auf Vertrauensbasis: Jede*r, die*der gerade weiß, dass sie*er sich das leisten kann, gibt mehr Geld in die Kasse/kauft mehr ein; die die weniger haben, tuen entweder weniger Geld rein oder lassen es ganz aus, bis sie wieder für sich selber das Gefühl haben, so, jetzt kann ich Geld ausgeben. Das klappt glaub ich auch deshalb, weil wir alle eher an der prekären Grenze stehen und alle mal ein bisschen mehr, ein bisschen weniger Geld haben. Weswegen es auch gefühlt kein Problem ist, anzusprechen, dass mensch gerade eher weniger reintun kann.
    Perfekt ist es nicht. Manchmal funktionierts nicht, manchmal bleibt es wieder an wenigen hängen. Aber ich bin sehr dankbar, dass wir hier über Geld kommunizieren.

  2. 2 kiturak 01. Juli 2012 um 20:37 Uhr

    Ich habe zum Beispiel noch nicht gelesen: „Da wir contra-klassistisch leben möchten, staffelt sich unsere Miete nach dem Einkommen der einzelnen“. Ganz zu Schweigen von der Verhandlung darüber, ob Kohle von Eltern, Verwandten und Bekannten zu diesem Einkommen zählt.

    Das ist perfekt.

    Ich sortiere diesen Kram immer zu „Menschen, die an Schilder glauben“ – z.B. bei ner Party hängt draußen das Schild „hier kein [blabla-Liste]*ismus“, und … was genau soll jetzt *Euer Schild* bewirken?! Wenn schon von vornherein nur Weiße kommen, weil das gesamte Umfeld weiß/rassistisch ist, wenn zur Clique *natürlich* ganz normal Typen mit (sexualisiert) gewalttätigem Verhalten gehören, wenn die Party im 4. Stock ohne Aufzug ist, wenn Kinder eh nicht als Menschen mitgedacht sind, …?
    Ne Absichtsbekundung ist ja nett, aber kann halt nicht mehr sein als ne Dokumentation von tatsächlich anti-*istischem Verhalten.

  3. 3 kea 31. Oktober 2012 um 22:20 Uhr

    danke fürs perspektive-teilen. dein blog hat mir in letzter zeit bei jedem lesen neue denk- und handlungsanstöße gegeben, besonders dieser artikel.

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