Archiv für Juli 2012

Olle Comics endlich mal online

… ich verspreche ja nun schon seit quasi Jahren, dass ich nicht nur schreibe, sondern auch mal Comics hochlade…
Wie so viele Dinge im Leben schaffe ich es gerade nicht, neues zu produzieren – aber die, die schon fertig sind und auf meinem Desktop ´rumliegen kann ich ja langsam mal online stellen.

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Class Matters von ClaraRosa steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz

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P*b*l und G*s*cks, oder: das diskriminierende Verhalten benennen, statt neue Zuschreibungen zu machen.

Eine Sache, bei der ich mir mit meinen Freund_innen extrem uneinig bin, ist die, ob durch die Einforderung von Sprach-Handlungen auch Strukturen verändert werden. Was ich am ehesten als Gegenargument einsehe, ist das einer Elite-Sprache, die nur Eingeweihte sprechen, die sich darüber moralisch aufwerten. Hat ja auch was mit Zeit, Ressourcen und informiert-sein zu tun, wie up-to-date meine Politsprache ist.

Aaaaaaandererseits: Ich kann es nicht mehr hören! Oder lesen. P*b*l, Pr*ll, p*b*ln, pr*llig, *s*. Ich habe das mit Margret Steenblock in unserem Audiobeitrag schon versucht deutlich zu machen: Alle oben angedeuteten Zuschreibungen sind klassistische Zuschreibungen an bestimmte Gruppen. Verhaltensweisen, die der Arbeiter_innenklasse oder Armutsklasse zugeschrieben werden. (Sich über die Wortherkunft schlau zu machen überlasse ich jetzt mal den Such- und Erklärmaschinen).

Dass sich Linke aus der Mittelschicht/Upper-Class gern als un-bürgerlich inszenieren und eine Karikatur dessen zur Schau tragen, was sie sich als Arbeiter_innen/Arme vorstellen hat Michi Ebner phantastisch formuliert:

„Einige (Frauen) versuchen diesen Unterschieden und der Verantwortung für den Umgang mit den eigenen Privilegien dadurch zu entkommen, indem sie sich nach außen hin so geben, wie sie glauben als nicht zur Mittelschicht gehörend identifiziert zu werden. Auch sogenannte „Prolostereotype“ werden dabei ausgelebt: abgerissene Kleidung, kein sichtbarer Luxus, lässige Sprache (wie z.B. möglichst oft „Scheiße“ sagen, Schimpfwörter verwenden) etc. Meist handelt es sich hier lediglich um das Einnehmen einer Protesthaltung gegenüber den eigenen Eltern. Gleichzeitig wird aber ein klassistisches Bild von „Prolo“ transportiert, das zudem in üblicher Mittelschichtsmanier wieder zur Norm erhoben wird.“

Egal, ob es also ein „positiver“ Bezug auf „pr*ll*g-sein“ oder ein negativer als die „P*b*lnd*n“ – es bleibt eine klassistische Zuschreibung oder Inszenierung.
Da es ja selten funktioniert, auf so etwas hin zu weisen, ohne ein augenrollendes „darf-ich-denn-jetzt-gar-nix-mehr-sagen“ oder andere Genervtheiten oder Abwehr zu produzieren und ich meistens auch keinen Bock habe, eine Diskussion zu führen, die mir a. keinen Spass macht und mich b. in der Regel zu viel Energie kostet, habe ich einen Lösungsvorschlag, der gern verbreitet werden darf: Benennt einfach das diskriminierende Verhalten. Also: „Person xyz hat abc soundso-istisch beleidigt/angegriffen“, „Diese oder jene Gruppe hat sich mackermäßig/dominant verhalten“. Damit wird immer noch das nicht-einverstanden-sein mit dem Verhalten/Gesagten einer Person/Gruppe ausgedrückt – aber nicht gleichzeitig diskriminierende Sprache dazu benutzt.

Es kann sein, dass Sprach-Handlungen nicht die Welt verändern – aber ich würde mir zumindest im queer-feministischen Kontext wünschen, dass es ein Bewusstsein darüber gibt, was damit ausgesagt wird, wenn die oben angedeuteten Zuschreibungen benutzt werden.

Der Text von Michi Ebner heißt „Unscheinbare Grenzlinien, Klassismus in der Frauen- und Lesbenbewegung“ und ist aus „ENTSCHEIDEND EINSCHNEIDEND, Mit Gewalt unter Frauen in lesbischen und feministischen Zusammenhängen umgehen“, Milena Verlag 2001 (tausend, tausend Dank an JR, die mir diesen Text kopiert hat uns auch sonst ganz großartig ist!!)

Das leidige „etc.“, oder: Danke – ich will (lieber) nicht bei Euch wohnen!

So wie bei Google mittlerweile angekommen ist, dass es sich bei der Suchanfrage nach Klassismus nicht um einen Schreibfehler handelt, lese ich immer öfter in links-queeren Wohnungsanzeigen dass das ausformulierte: „gegen -ismen und Diskriminierungen“ um Klassismus ergänzt wird. Das ist schön. Zeigt es doch, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass es Klassismus gibt. Oder wenigstens eine Diskussion darum.
Da ich Wohnungsanzeigen und das darüber transportierte Selbstbild der Schreibenden sehr spannend finde, frage ich mich aber oft, wie der Klassismus da zwischen die anderen -ismen gerutscht ist.
In meinen alten WG´s war das Formulieren dieser Anzeigen ein Prozess, der dem des Verfassens politisch-theoretischer Texte nahe kommt. Jede_r wollte/sollte/musste sich darin wieder finden können und nicht selten wurden darüber Diskussionen angestoßen, die Zerwürfnisse innerhalb der WG zur Folge hatten, nach denen gleich weitere auszogen.
Überhaupt habe ich dieses System, Mitbewohner_innen über Anzeigen zu suchen, erst in der Großstadt kennen gelernt. In den kleinen Städten, in denen ich vorher gewohnt habe, wurde das in der Regel weiter erzählt und meistens hatten sich alle so weit auf dem Schirm, dass immer wer wen wusste, die_der gerade was sucht.
Aber das nur am Rande – zurück zu den kleinen Manifesten, die sich Wohnungsanzeigen nennen und meiner Phantasie dazu, wie der Klassismus da ´rein kommt. Irgendwie kann ich nicht glauben, dass sich das, was ich mir unter Klassismus-bewusstem-Wohnen vorstellen würde hinter der -ismen-Aufzählung verbirgt. Ich habe zum Beispiel noch nicht gelesen: „Da wir contra-klassistisch leben möchten, staffelt sich unsere Miete nach dem Einkommen der einzelnen“. Ganz zu Schweigen von der Verhandlung darüber, ob Kohle von Eltern, Verwandten und Bekannten zu diesem Einkommen zählt. Und ganz, ganz ehrlich: Diese Auseinandersetzung stelle ich mir aus unterschiedlichen Klassenperspektiven schwierig bis unmöglich vor.
Vielleicht ist es auch die (Großstadt-)WG-Erfahrung, die mich misstrauisch werden lässt. Ich wohne jetzt seit 6 Jahren alleine und halte das im Moment für mich für den besten Kompromiss. Zuletzt habe ich in einer größeren WG gewohnt, in der die finanziellen Ressourcen höchst unterschiedlich waren:
Während ich in einem – miserabel bezahlten – 45-50 Stunden-Job in einem Callcenter meine Miete verdiente, lebte die Hälfte der WG in „gemeinsamer Ökonomie“ – während die Finanzsituationen der einzelnen in der WG wenig bis gar nicht offen besprochen wurden. Nicht dass ich Teil dieser „Ökonomie“ hätte werden wollen – ich habe ein großes Problem damit, um Kohle zu verhandeln, bzw. einzufordern, dass mir etwas zusteht (und mittlerweile weiß ich, dass das strukturell ist und kein persönliches Problem). Genau genommen hab ich immer abgewehrt, dass es so was für mich geben könnte: Gemeinschaftskassen, in die alle einzahlen, wo ich dann über das Geld verfügen darf. Vor allem mit der Info, dass es einzahlende Leute gibt, die in der Hälfte der Zeit, die ich arbeite das Doppelte verdienen. Ich hätte – damals wie heute – das Gefühl gehabt, dass ich mir noch einen Zusatzjob suchen muss, um das überhaupt annehmen zu können. Ich habe daraus eine „ich-bin-stolz-dass-ich-mein-eigenes-Geld-verdiene-und-will-das-nicht-mit-anderen-verhandeln“-Haltung entwickelt (die habe ich bis heute).
Auch wenn das für mich hieß: Meinen von der Bank gekündigten Dispo in 50 Euro-Schritten abstottern und während alle anderen sich Auslandsaufenthalte, Gesangsstunden, Politgruppen und andere spannende Dinge leisten konnten. Da ich zu der Zeit weder Zeit noch Vertrauen noch Energie noch Kopf dafür hatte, meine Lage innerhalb der WG zu besprechen begleiteten die unterschiedlichen ökonomischen Verhältnisse unsere Alltage eher unausgesprochen.
Dinge nicht auszusprechen macht vieles nicht besser – und auch, wenn es nicht die Diskussion um den unterschiedlichen Zugriff auf Geld war, der mich dazu bewegt hat alleine wohnen zu wollen – es ist für mich entspannender und ehrlicher, auf diese Art auf mich selbst angewiesen zu sein, als mir Klassenprivilegien jeden Tag vorleben zu lassen und das Gefühl gemacht zu bekommen, dass ich defizitär bin, weil ich lohnarbeite.
Das alles schreibe ich mit der Grundhaltung, dass Klassenverhältnisse diese unterschiedlichen Positionen produzieren – und wie bei so vielen anderen Machtverhältnissen auch unterstelle ich keine grundlegend bösen Absichten. Aber in dem Moment, wo eine Grundhaltung quasi Marketing-mäßig für den Wohnungsmarkt formuliert wird, kann ich nicht anders, als mich zu fragen:
Wie kommt Klassismus in diese Wohnungsanzeigen?
Sind es diejenigen in den WG´s, die eine Diskussion um das Thema in ihren WG´s einfordern? Ist es guter Wille? Oder ein Trend ohne Inhalt, bei dem die Ausformulierung des etc., das oft an die -ismen-Liste angehängt wird, ein politsches Up-to-Date suggerieren soll? Ersteren wünsche ich viel Kraft. Bis es ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle gibt würde ich aber vorsichtshalber sagen: Danke, ich möchte lieber nicht bei Euch wohnen.