Archiv für April 2012

Meinten Sie „Klassizismus“? – Eine erfreuliche Randnotiz

Ich habe in den letzten Wochen, Monaten, Jahren immer und immer wieder das Wort „Klassismus“ in Google eingegeben – und ich wurde immer und immer wieder auto-korrigiert. Wie im richtigen Leben: Freundlich, aber bestimmt, in der Annahme, dass ich auf der Suche nach einer Kunstepoche bin, die ich wohl weder schreiben noch richtig aussprechen könnte.
Im Buchladen, in Gesprächen in der Uni, auf der Party oder der Diskussionsrunde – autokorrekt: Klassizismus.
Ich habe nicht genau dokumentiert, wann das passiert sein kann – aber heute ist es mir aufgefallen: Google fragt mich nicht mehr, ob ich mich verschrieben habe, sondern gibt mir brav die gesuchte Wikipedia-Definition, Workshopangebote, Informationsseiten, Buchtipps – und nix davon hat mit nach-barocker Kunst zu tun.
Wenn Google das schafft – vielleicht klappt das ja auch demnächst im richtigen Leben.
Würd` mich freuen.

Radiointerview zur Frage „Was ist Klassismus“

Gestern wurde von Radio Corax ein Beitrag zu der Frage „Was ist Klassismus“ gesendet. Zu finden hier.

Zeit für eine kleine, popkulturelle Exkursion: Team Katniss oder Team Bella?

Wenn ich nicht gerade wütend auf die Welt bin, Geld verdiene oder versuche zu studieren widme ich mich unter anderem auch Dingen, die Spaß machen: Popkultur. Feminismus. Hemmungsloses Rumkritisieren. Am liebsten in Verbindung.

Welchen, die eine ähnlich ausgeprägt nerdige Vorliebe für alles das haben, was eigentlich für meine kleinen Geschwister (10, 12 und 14 Jahre jünger als ich) auf den Markt geworfen wurde, wird nicht entgangen sein, dass in den letzten Wochen eine neue Heldin ihren Weg aus der Wunderwelt der Buch-Trilogien auf die Leinwand geschafft hat: Katniss Everdeen aus „The Hunger Games“.

Das wichtigste in Kürze (Wer sich noch erinnert: Das Ganze liegt stimmungsmässig irgendwo zwischen „Running Man“ und „Die dreibeinigen Herrscher“): Katniss lebt in einem Nordamerika der Zukunft – Panem. Panem ist in Distrikte aufgeteilt, von 1 bis 12, grob gesagt mit absteigendem Wohlstand. Katniss lebt in dem ärmsten Distrikt – Nummer12. Jedes Jahr werden von der Hauptstadt – dem Capitol (ich habe mir noch nicht die Mühe gemacht nachzuschauen, wie das übersetzt ist) – so etwas wie Brot und Spiele veranstaltet. Jeder Distrikt – außer die Hauptstadt selbst – müssen zwei Teilnehmende Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren stellen (einen Jungen, ein Mädchen.. so ist das wohl..), die dann in einer Arena gegeneinander antreten müssen. Bis eine_r übrig bleibt. Das ganze, damit sich eine Rebellion – wie vor Jahren schon mal stattgefunden – nicht wiederholt.
Die Teilnehmenden – die „Tribute“ – werden in einer Lotterie gezogen. Wer besonders arm ist, kann sich Grundnahrungsmittel „erkaufen“ indem sein_ihr Name mehrfach in der Lostrommel landet.
Das ist eine der ersten bemerkenswerten Thematisierungen von Armut und Benachteiligung in der Geschichte. Wer arm ist setzt sich, um etwas zu essen zu haben, einem höheren Risiko aus – dem, mit höherer Wahrscheinlichkeit gezogen zu werden und mit hoher Wahrscheinlichkeit zu sterben – denn es ist offiziell verboten, sich auf die Spiele vorzubereiten (was die Jugendlichen in den reicheren Distrikten dennoch tun). Das nur am Rande. Die Thematisierung der Klassengesellschaft in Panem allein hat das Buch für mich schon lesenswert gemacht – aber darum soll es hier nicht gehen.

Was mich gerade interessiert, ist der Effekt, den Katniss Everdeen auf feministische Diskussionen in meinem Umfeld hat. Katniss versorgt seit dem Tod ihres Vaters, zu dem sie eine enge Bindung hatte, die Familie durch illegales Jagen in den Wäldern von Panem. Sie kann ebenso illegalerweise mit Pfeil und Bogen umgehen, hat wichtigere Sorgen als sich zu fragen, ob ihr bester Freund Gale nun mehr als nur das ist und liebt ihre kleine Schwester Prim. Als diese bei den 74. Hunger Games als Tribut gezogen wird, meldet sich Katniss als Freiwillige. Da es noch Buch 2 und 3 gibt, darf an dieser Stelle ruhig verraten werden, dass Katniss die Spiele überlebt und mehr oder weniger zufällig zur Symbolfigur einer neuen Rebellion wird.

Endlich wieder eine Frauenfigur, die stark sein darf, mit Waffen umgehen kann, die wichtigeres als Jungs im Kopf hat und der die ganzen Mädchenrollenzuweisungen piepegal sind. Seufzen und freuen sich meine feministischen Freund_innen.

Dem gegenüber steht Isabella „Bella“ Swan aus der Twilight-Trilogie. Das einzige, was Bella und Katniss auf den ersten Blick verbindet, ist dass sie beide zwischen zwei Lieben stehen. Katniss zwischen dem oben schon erwähnten Gale und Peeta, dem zweiten Tribut aus Distrikt 12, und Bella zwischen dem Vampir Edward und dem Werwolf Jacob. Ansonsten hat Bella ums Materielle nicht zu fürchten, ist Scheidungskind,wird von beiden Elternteilen geliebt, wohnt in einem großen Haus bei ihrem Vater und sie verliebt sich. Unsterblich. In Edward. Und er sich in sie. Girl meets Vampire-Boy. Diese unendlich große Liebe wird über drei Bücher ausgebreitet, bis auch Bella sich opfert – für ihr Kind. Nicht, dass sie nicht eh schon für Edward sterben wollte, aber ihre Schwangerschaft – die niemand für möglich gehalten hätte, sonst wäre Verhütung vielleicht ein Thema gewesen – verschiebt ihre Prioritäten noch mal.

Furchtbar. Seufzen meine Freund_innen. Heterosexuell bis zum geht-nicht-mehr, Emotionaler Overkill am Rande der Autoaggression. Und dieses Leiden. Nicht auszuhalten ist das.

In einem Artikel von Sarah Blackwood, der mir sehr lieb geworden ist („Our Bella, Ourselves“ – angelehnt an den Titel einer Frauengesundheitsbuchreihe aus den 1970er Jahren), schlägt die Autorin eine Bresche für Bella. Oder vielmehr muss sie die Erfahrung machen, dass die „21st century students“, die sie unterrichtet, eine „starke Heldin“ besprechen wollen. Eine, die nicht ´rumsitzt und weint und leidet, sondern die für sich selbst einsteht und aktiv ist. Eine Heldin, die laut Blackwood von der Lebenswelt adoleszenter Teenager_innen nicht weiter entfernt sein könnte. Bella ist in ihren Augen realistischer: Sie weiß noch nicht wer sie ist und was sie will, sie ist ungeschickt und schon fast ärgerlich in ihrer Hilflosigkeit. Ganz im Gegensatz zu starken Heldinnen wie Lisbeth Salander, Juno McGruff, Olive aus „Easy A“ oder auch Katniss Everdeen. Letztere sind alle ein wenig zu lebenserfahren für ihr Alter, entschlossen und wirken „stark“.

Katniss ist das, was im pädagogischen Jargon ein „Elternkind“ genannt wird. Damit ist gemeint, dass sie in früher Jugend Aufgaben in der Familie übernimmt, die eigentlich Eltern übernehmen sollten. Damit ist nicht nur Hausarbeit und Versorgung gemeint, sondern auch emotionale Fürsorge. Für die Menschen die ihr nahe stehen. Für ihre Mutter. Für ihre Schwester – für die sie sich letztendlich opfert. Katniss funktioniert aus Notwendigkeiten heraus. Sie darf emotional sein, in erster Linie aber als Selbstaufgabe.

Das ist eine Struktur, die mir vertraut ist. Und viele der – überwiegend weiblich sozialisierten – Menschen aus meiner frühen Kindheit haben genau das gelernt: Sich um andere kümmern müssen. Nicht an sich denken dürfen. Elternersatz sein müssen für jüngere Geschwister. Abwesende Eltern oder überarbeitete Alleinerziehende ersetzen müssen. Mit Care-Work betraut, die eigentlich die „Erwachsenen“ erledigen sollten. Und das alles nicht, weil irgendwer böse Absichten hatte, sondern aus Notwendigkeit. Die Coping-Strategien, die aus solchen Situationen entwickelt werden sind unterschiedlich. Manche wirken „stark“, manche wirken „zerbrechlich“, manche werden „produktiv“, andere aggressiv oder „passiv“. Manche Strategien gelten als annerkennenswert, sympathisch oder bewundernswert – manche als destruktiv, abstoßend oder bemitleidenswert. „Schwach“ sein ist nach dieser Anerkennungsverteilung unfeministisch und uncool. „Stark“ sein ist mega-riot.

Ich kenne diesen Effekt: Je nachdem, wem ich meine Lebensgeschichte wie erzähle, bekomme ich das auch. Bewunderung. Ganz viel „wow!“ und „krass!“ und „…dass Du DAS geschafft hast!“ – ganz viel Schulterklopfen also. Und vor allem auch: Keinen Raum für (meine) Schwäche. Für die Trauer um Zurückgelassene(s). Das „allein-auf-der-Welt-sein“-Gefühl. Das Drama.

Und da setzt mein Unbehagen an der Bewunderung für Katniss ein. Ihre Geschichte wird erzählt. Die der anderen 145 Jugendlichen, die allein aus Distrikt 12 in den letzten 73 Jahren gestorben sind nicht. Geschweige denn die Geschichte der insgesamt 1702 Tribute, die ihr Leben für einen ideologischen Schaukampf lassen mussten. „Everybody loves an outsider“, sagt eine Figur in den Hunger Games. Und es kann ganz schön nerven.

Ich mag Bella´s eigentlich unproblematisches – und um es an der Stelle noch mal über-zu-strapazieren: Mittelklasse – Leben. Und ich finde die Sturheit, mit der sie ihren Wünschen nachgeht toll. Dass ist genau die Freiheit, um die ich für mich (heute immer noch) hart kämpfen muss(te): Nicht erst zu schauen, dass es allen anderen gut geht, sondern auch mal die eigenen Wünsche voran stellen. Egoistisch sein können. Das fällt mir immer noch schwer.

Wenn ich mich also nun entscheiden müsste, wen ich das „bessere“ Role-Model finde – ich könnte mich nicht entscheiden. Ich identifiziere mich mit Katniss, hätte aber gern Bellas Leben – zumindest in Teilen. Vielleicht würde ich ausweichen und ein neues Team aufmachen. Team Hermione Granger zum Beispiel. Die versucht zumindest – wenn auch zunächst auf etwas bevormundende Art und Weise – ihre Bildungsprivilegien zu nutzen, um die ungerechten Arbeitsverhältnisse in Hogwarts zu thematisieren.

Oder es müsste eine ganz neue Heldin geschaffen werden, die nicht in einem monogam-heterosexuellen Kleinfamilienepilog zurecht gestutzt werden muss.

Da wäre ich mir mit meinen feministischen Freund_innen wahrscheinlich wieder einig.

Der Link zum Artikel von Sarah Blackwood:
http://thehairpin.com/2011/11/our-bella-ourselves