Das ist eine der Fragen, die ich mir immer wieder stellen muss. Nicht, weil ich denke, dass irgendwer Müll sein kann – sondern weil es offenbar normal ist, Leute als Müll wahrzunehmen, zu bezeichnen, sich über sie lustig zu machen und die darüber vorgenommene eigene Aufwertung schamlos zu präsentieren.
„Geiler Trash!“ Das ist einer der Zweiwortsätze, die mir den Unterschied zwischen „denen“ und „mir“ oft schneller deutlich machen als mir lieb ist – gerade, wenn es sich um Freund_innen, Politgruppenmitglieder, Mitbewohner_innen oder Liebste geht.
Wenn ich in meinem Umfeld fragen würde: „Sag mal, findest du Leute, die weniger materielle Mittel als Du zur Verfügung haben scheiße oder verachtenswert?“, würde ich wahrscheinlich angeschaut werden, als hätte ich gefragt, ob sie Sexismus, Rassismus oder ein anderes Herrschaftsverhältnis toll fänden. So gedreht wird eigentlich klar, dass das niemand sein kann – „Trash“. Und trotzdem ist es auch und gerade in (queeren) linken Szenen Normalität, dass das, was bei anderen Diskriminierungen – wenn schon nicht verstanden dann wenigstens – als No-Go gelten würde, für Klasse nicht gilt.
Dabei wird Klassenhass so eindeutig über Kultur transportiert, dass ich mich immer wundere, warum – verdammte Scheiße noch mal – das so wenig Leuten auffällt. Dass ein Wort wie „Unterschichtsfernsehen“ so gar nicht in die Kritik, sondern als real existierendes Phänomen, mit der unhinterfragten Annahme, dass das das ist, „was die sehen wollen“ oder „wie die sind“, in linken Kreisen übernommen wird, macht mich fassungslos.
Das Feixen, die unverhohlene Arroganz und der Spaß auf Kosten anderer wird hier im großen Stil gefeiert. Nicht nur als zuschauende Konsument_innen, sondern auf der „Trash-Party“ mit der „Trash-Musik“ und dem „trashigen Outfit“. Ein Freund von mir (der es jetzt nicht mehr ist), fand es mal für eine Zeit superwitzig, sich in Trainingshose, weißem Feinrippunterhemd, Aldi-Tüte, aufgemaltem Oberlippenbart, VoKuHiLa-Perrücke und Dosenbier in der Hand als das zu inszenieren, was er sich als „Unterschicht“ oder „wie die leben“ vorstellte.
Dass diese und weitere Situationen nicht darin enden, dass der Person gesagt wird, dass das extrem unwitzig, diskriminierend und arrogante Kackscheiße ist, sondern darin, dass meinereine sich meistens entweder sehr unbeliebt macht, weil sie den Spaß unterbricht und auf die Privilegien verweist, die mit einer solchen Inszenierung stabilisiert werden muss an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.
Das ist das perfide an einer legitimierten Diskriminierung – jede_r darf sich zur_m Expert_in_en darüber machen, wie „die“ leben, in ihre Leben eindringen und sich darüber lustig machen. Die Abwertung und das sich-abgrenzen von „Trash“ wird zur Rückversicherung der Upper- und MiddleClass für ihre eigene kulturelle und intellektuelle Überlegenheit.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der der strukturelle, systematische Zugriff auf Leute, denen materielle Mittel fehlen, legitimiert und moralisch salonfähig ist. Das fängt bei einer Gesetzgebung an, nach der zum Beispiel für alleinerziehende Mütter grundsätzlich (!) vorgesehen ist, einen Besuch vom Jugendamt zu bekommen. (Dass diese Praxis nicht in den reichen Stadtteilen umgesetzt wird ist wahrscheinlich schwer zu raten.) Zudem werden Mittel nicht zur freien Verfügung, sondern zweckgebunden vergeben – für Möbel, für Kleider, die Miete etc. Leuten ohne Geld wird nicht zugetraut, dass sie mit Geld umgehen können – deshalb muss es rationiert werden. Der staatliche Erziehungsauftrag greift auf die Art zu leben, einzukaufen, sich zu kleiden, zu essen, zu wohnen etc. ungeniert zu und meint das zu dürfen.
Diese direkte Erfahrung von Zugriff kenne ich nur aus Erzählungen von WorkingClass oder PovertyClass-Leuten – oder von mir selbst. Ich nenne diese Form von aufwachsen „im System“ sein. Damit meine ich keine große, verschwörerische Maschinerie, die einen Orwell-mäßig überwacht – aber ein Aufwachsen in Abhängigkeit von dem Gutdünken, der guten oder schlechten Laune, der Empathie oder Gesetzesauslegungen derjenigen, die einem Mittel zur Verfügung stellen – oder auch nicht. Ein Aufwachsen, dass dir nicht beibringt, dass dir etwas zusteht.
In meinem Fall spreche ich von dem Aufwachsen mit einer alleinerziehenden Mutter, ein paar Geschwistern und der ewigen Abhängigkeit von Ämtern. Dass diese Mutter – also meine – auch innerhalb der Klassen, die wenig zur Verfügung haben als Angriffsfläche herhalten muss ist ein anderes Thema. (Warum sollte der Klassenhass nach unten vor der WorkingClass halt machen?)
In einem Artikel über das Buch „Chavs: The Demonisation of the Working Class“* schreibt Linsey Hanley:
„Middle-class hatred of working-class people – or, rather, a particular image of working-class people which some hold in their minds – is a different beast, saying more about the way in which the education system, especially, is structured to prevent most privileged students from ever having to confront their own averageness.“**
Dass es wenig witzig ist, sich mit der eigenen Durchschnittlichkeit zu beschäftigen leuchtet mir ein, es wäre mir aber meistens um einiges lieber.
*“Chavs“ ist ein Begriff aus dem britischen Englisch, der übersetzbar ist mit „Proll“
**“Der Hass der Mittelklasse gegen die Arbeiter_innenklasse – oder besser eines bestimmten Bildes der Arbeiter_innnenklasse, das manche in ihren Köpfen haben – ist ein anderes Untier, das viel über die Art der Struktur eines Bidungssystems aussagt, das, im Besonderen, so strukturiert ist, dass es die am meisten privilegierten Studierenden davor bewahrt, sich mit ihrer eigenen Durchschnittlichkeit zu beschäftigen.“
Der ganze Artikel ist – auf englisch – nachzulesen unter:
http://www.guardian.co.uk/books/2011/jun/08/chavs-demonization-owen-jones-review
Toll. Ich bin mir manchmal gar nicht in Klaren darüber, dass ich selber selbst mitmache. Und dann kommt man sich womöglich noch uncool vor, weil da dieses leise Gefühl mitschwingt, dass die Leute (und in dem Moment man selbst) sich über die eigene Familie, die eigene Herkunft lustig macht und man sich dabei erwischt, sich selber zu bashen.