Archiv für Dezember 2011

Lesetipps

Gegen die Sprachlosigkeit….

Auf deutsch (teilweise schon sehr alt – lohnt sich aber trotzdem):

Kemper, Andreas / Weinbach, Heike (2009): Klassismus, Eine Einführung, Unrast Verlag, Münster

Auch maßgeblich von Andreas Kemper: http://dishwasher.blogsport.de/

Theling, Gabriele (1986): Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden: Arbeitertöchter & Hochschule, Westfälisches Dampfboot, Münster

Meulenbelt, Anja (1988): Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus,

Kuhn, Gabriel (2009): Mit geballter Faust in der Tasche http://zuchthaus.free.de/syndikat-a/?p=productsMore&iProduct=1863&sName=V-051-G.-Kuhn-(Hg.)--Mit-geballter-Faust-in-der-Tasche

Ayim, May / Bubeck, Ilona / Aktas Gülsen et. al. (1999): Entfernte Verbindungen: Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung

Bublitz, Hannelore (1980): Ich gehörte irgendwie so nirgends hin.‘Arbeitertöchter an der Hochschule

Ein paar Texte der Spoken-Word-Künstlerin Margret Steenblock beschäftigen sich mit Klassismus – lesens- und hörenswert sind alle: http://www.margretsteenblock.com/

Auf englisch:

hooks, bell (2000): Where we stand: Class Matters

Tea, Michelle (2004): Without a net: The female experience of growing up Working Class

Jones, Owen (2011): Chavs: The demonizaion of the Working Class

Leondar-Wright, Betsy (2005): Class Matters: Cross-Class Alliance Building for Middle-Class Activists

Betsy Leondar Wright hat auch eine homepage: http://www.classmatters.org/bios/leondar-wright.php

Class Action (unbedingt in die Resources schauen!) http://www.classism.org/

Naples, Nancy (Hrsg.) (1997): Community Activism and Feminist Politics: Organizing Across Race, Class and Gender

Russ, Joanna (1998): What Are We Fighting For?: Sex, Race, Class, and the Future of Feminism

to be continued!

Wer oder was ist hier eigentlich….Müll?

Das ist eine der Fragen, die ich mir immer wieder stellen muss. Nicht, weil ich denke, dass irgendwer Müll sein kann – sondern weil es offenbar normal ist, Leute als Müll wahrzunehmen, zu bezeichnen, sich über sie lustig zu machen und die darüber vorgenommene eigene Aufwertung schamlos zu präsentieren.

„Geiler Trash!“ Das ist einer der Zweiwortsätze, die mir den Unterschied zwischen „denen“ und „mir“ oft schneller deutlich machen als mir lieb ist – gerade, wenn es sich um Freund_innen, Politgruppenmitglieder, Mitbewohner_innen oder Liebste geht.

Wenn ich in meinem Umfeld fragen würde: „Sag mal, findest du Leute, die weniger materielle Mittel als Du zur Verfügung haben scheiße oder verachtenswert?“, würde ich wahrscheinlich angeschaut werden, als hätte ich gefragt, ob sie Sexismus, Rassismus oder ein anderes Herrschaftsverhältnis toll fänden. So gedreht wird eigentlich klar, dass das niemand sein kann – „Trash“. Und trotzdem ist es auch und gerade in (queeren) linken Szenen Normalität, dass das, was bei anderen Diskriminierungen – wenn schon nicht verstanden dann wenigstens – als No-Go gelten würde, für Klasse nicht gilt.

Dabei wird Klassenhass so eindeutig über Kultur transportiert, dass ich mich immer wundere, warum – verdammte Scheiße noch mal – das so wenig Leuten auffällt. Dass ein Wort wie „Unterschichtsfernsehen“ so gar nicht in die Kritik, sondern als real existierendes Phänomen, mit der unhinterfragten Annahme, dass das das ist, „was die sehen wollen“ oder „wie die sind“, in linken Kreisen übernommen wird, macht mich fassungslos.

Das Feixen, die unverhohlene Arroganz und der Spaß auf Kosten anderer wird hier im großen Stil gefeiert. Nicht nur als zuschauende Konsument_innen, sondern auf der „Trash-Party“ mit der „Trash-Musik“ und dem „trashigen Outfit“. Ein Freund von mir (der es jetzt nicht mehr ist), fand es mal für eine Zeit superwitzig, sich in Trainingshose, weißem Feinrippunterhemd, Aldi-Tüte, aufgemaltem Oberlippenbart, VoKuHiLa-Perrücke und Dosenbier in der Hand als das zu inszenieren, was er sich als „Unterschicht“ oder „wie die leben“ vorstellte.

Dass diese und weitere Situationen nicht darin enden, dass der Person gesagt wird, dass das extrem unwitzig, diskriminierend und arrogante Kackscheiße ist, sondern darin, dass meinereine sich meistens entweder sehr unbeliebt macht, weil sie den Spaß unterbricht und auf die Privilegien verweist, die mit einer solchen Inszenierung stabilisiert werden muss an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.

Das ist das perfide an einer legitimierten Diskriminierung – jede_r darf sich zur_m Expert_in_en darüber machen, wie „die“ leben, in ihre Leben eindringen und sich darüber lustig machen. Die Abwertung und das sich-abgrenzen von „Trash“ wird zur Rückversicherung der Upper- und MiddleClass für ihre eigene kulturelle und intellektuelle Überlegenheit.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der der strukturelle, systematische Zugriff auf Leute, denen materielle Mittel fehlen, legitimiert und moralisch salonfähig ist. Das fängt bei einer Gesetzgebung an, nach der zum Beispiel für alleinerziehende Mütter grundsätzlich (!) vorgesehen ist, einen Besuch vom Jugendamt zu bekommen. (Dass diese Praxis nicht in den reichen Stadtteilen umgesetzt wird ist wahrscheinlich schwer zu raten.) Zudem werden Mittel nicht zur freien Verfügung, sondern zweckgebunden vergeben – für Möbel, für Kleider, die Miete etc. Leuten ohne Geld wird nicht zugetraut, dass sie mit Geld umgehen können – deshalb muss es rationiert werden. Der staatliche Erziehungsauftrag greift auf die Art zu leben, einzukaufen, sich zu kleiden, zu essen, zu wohnen etc. ungeniert zu und meint das zu dürfen.

Diese direkte Erfahrung von Zugriff kenne ich nur aus Erzählungen von WorkingClass oder PovertyClass-Leuten – oder von mir selbst. Ich nenne diese Form von aufwachsen „im System“ sein. Damit meine ich keine große, verschwörerische Maschinerie, die einen Orwell-mäßig überwacht – aber ein Aufwachsen in Abhängigkeit von dem Gutdünken, der guten oder schlechten Laune, der Empathie oder Gesetzesauslegungen derjenigen, die einem Mittel zur Verfügung stellen – oder auch nicht. Ein Aufwachsen, dass dir nicht beibringt, dass dir etwas zusteht.

In meinem Fall spreche ich von dem Aufwachsen mit einer alleinerziehenden Mutter, ein paar Geschwistern und der ewigen Abhängigkeit von Ämtern. Dass diese Mutter – also meine – auch innerhalb der Klassen, die wenig zur Verfügung haben als Angriffsfläche herhalten muss ist ein anderes Thema. (Warum sollte der Klassenhass nach unten vor der WorkingClass halt machen?)

In einem Artikel über das Buch „Chavs: The Demonisation of the Working Class“* schreibt Linsey Hanley:

„Middle-class hatred of working-class people – or, rather, a particular image of working-class people which some hold in their minds – is a different beast, saying more about the way in which the education system, especially, is structured to prevent most privileged students from ever having to confront their own averageness.“**

Dass es wenig witzig ist, sich mit der eigenen Durchschnittlichkeit zu beschäftigen leuchtet mir ein, es wäre mir aber meistens um einiges lieber.

*“Chavs“ ist ein Begriff aus dem britischen Englisch, der übersetzbar ist mit „Proll“

**“Der Hass der Mittelklasse gegen die Arbeiter_innenklasse – oder besser eines bestimmten Bildes der Arbeiter_innnenklasse, das manche in ihren Köpfen haben – ist ein anderes Untier, das viel über die Art der Struktur eines Bidungssystems aussagt, das, im Besonderen, so strukturiert ist, dass es die am meisten privilegierten Studierenden davor bewahrt, sich mit ihrer eigenen Durchschnittlichkeit zu beschäftigen.“
Der ganze Artikel ist – auf englisch – nachzulesen unter:
http://www.guardian.co.uk/books/2011/jun/08/chavs-demonization-owen-jones-review

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„Dieses Scheiß Hamsterrad-Gefühl“

Der folgende Text- wie auch der Titel – sind aus einem Gespräch mit einem Freund entstanden. Wir haben Gemeinsamkeiten nicht gesucht, aber gefunden und wir waren wütend – und gleichzeitig froh, einander als Austauschpartner_innen gefunden zu haben. Der folgende Text ist direkt nach diesem Gespräch entstanden und kreiert ein – eigentlich unzulässiges, da viel zu kleines – „wir“ und „uns“. Einzelne Statements habe ich aus anderen Gesprächen eingestreut, manches trifft auf viele WorkingClass-PovertyClass-Leute zu, manches gar nicht, vieles auf alle und dann wieder doch nicht. Diese Ungenauigkeit bitte ich beim Lesen im Kopf zu behalten.

Es sieht von außen so toll aus: Eine Person aus Deinem Umfeld ist WorkingClass- oder PovertyClass-sozialisiert und schafft einfach alles: Studium, Politarbeit, Job zur Finanzierung des Ganzen, kleinere und größere Projekte… Wie der_die das alles nur macht? Nur manchmal sagt er_sie, dass das gerade alles zu viel wird und dass sie_er sich Sorgen um die Finanzierung des nächsten halben Jahres macht, aber die Sorge haben wir ja alle, oder?
Nun könnte es sein, dass Du das genau richtig siehst und Dein_e Freund_in/Bekannte_r einfach der_die absolute Überfliegerin ist, der_dem das alles leicht von der Hand geht – es könnte aber auch sein, dass Du nicht wirklich genau hingeschaut hast….

Wir haben das gelernt – uns selbst zu versorgen, uns durch zu boxen und wir wirken nach außen stark. So als könnten wir alles, dabei fallen wir so oft so tief, dass wir denken, wir kommen da nicht mehr raus. Das Gefühl, auf uns selbst angewiesen zu sein macht es uns schwer zu sagen: „Ich kann nicht mehr!“, verbietet uns, Hilfe für uns zu holen.

Die einzige Struktur, auf die wir uns beziehen können ist die, die uns sagt, dass wir damit selbst klar kommen müssen – zum Einfordern von Solidarität fehlt die politische Selbstverständlichkeit und meistens auch die mangelnde Kraft und zu wenig sichtbare Ansprechpartner_innen.

Ich trenne an der Stelle ganz gerne das Selbstbewusstsein vom Selbstwert: Ich bin mir meiner Selbst, der Situation, in der ich mich befinde und meinen Ressourcen meistens ziemlich gut bewusst – das wirkt nach außen ganz stark und cool und toll – aber das mit dem Selbstwert ist so ´ne Sache. Der ist nämlich der erste, der abhanden kommt, wenn etwas schief geht. Und „schief“ heißt in dem Fall ganz oft, dass etwas so durcheinander gerät, dass wir nicht wissen, wie wir im nächsten Monat unsere Miete, die krasse Nachzahlungsforderung oder den kaputt gegangenen Computer, den wir zum arbeiten brauchen, bezahlen sollen.

Der Selbstwert hängt dann plötzlich ganz arg am Kontostand, ist Indikator für die eigene Unabhängigkeit – oder eben nicht. Diese Unabhängigkeit hat keinen doppelten Boden und in den seltensten Fällen Netze in Form von Geld überweisenden (Bio-)Verwandten, Kontakten zu gut bezahlten Jobs und Projekten etc.. Sie ist erkämpft und erkauft, mit Überstunden in unterschiedlichen Jobs und prekärer (Selbst-)Beschäftigung, einem schier unbezahlbaren Studium, den zukünftigen Schuldenberg schon vor Augen und dem Wissen, dass in den Jahren nach dem Studium – wenn es denn „gut“ laufen sollte – nichts von diesem „gut“ übrig bleibt und erst einmal ein paar Jahre der Luxus der nicht bezahlten Ausbildung abbezahlt wird (warum kostet ein Studium eigentlich Geld, während es bei einer Lehre wenigstens eine Ausbildungsvergütung gibt?).

Uns wurde schon sehr früh klar gemacht, dass wir „was Praktisches“ lernen sollen, etwas, womit sich auch „Geld verdienen lässt“. Je weiter wir uns von diesem Ratschlag entfernen, desto mehr sind wir und halten wir uns für selbst verantwortlich für unsere Misere.

Beim Geld hört – sprichwörtlich – nicht nur die Freundschaft auf, sondern auch die politische Formulierbarkeit, Handlungsfähigkeit und persönliche Reflektion – bell hooks schrieb einmal: „Class is the elephant in the room“ – und damit hat sie verdammt recht.

Über Geld zu sprechen wird dann schwer, wenn Privilegien (extrem) ungleich verteilt sind. Es ist schon schwierig genug darüber zu schreiben… wie schaffen die anderen es, sich Dinge wie Urlaube, neue Rechner, teure Fitnesscenter-Abos und Zeit zu leisten und dabei zu signalisieren, dass sie genau so wenig Ressourcen zur Verfügung haben wie wir? (Und dabei wollen wir nicht moralisieren oder etwas für richtig oder falsch befinden – wir wundern uns aber sehr…) Diese Ressourcen erscheinen als mystisch und persönliches Glück oder Unglück, etwas was einzelne haben – oder eben nicht. Dass materielle Ressourcen und Reichtum darüber – systematisch – verschleiert werden, dass „über Geld nicht gesprochen wird“ wird zum unan- und aussprechbaren Tabu. Ein „Ja, ja, prekäre Zeiten, da haben wir es ALLE schwer“ hält offenbar dann doch besser zusammen als ein offener Austausch darüber, wer was zur Verfügung hat und wie solidarisch umverteilt werden kann.
Eine solidarische Mietzahlung zum Beispiel ließe sich mal ausprobieren: Miete orientiert am Einkommen der Leute – wobei hier klar sein muss, dass alle diese Regelung tragen und das keine Sonderregelung für jemand ist, sonst wird es schnell paternalistisch; oder: Eine_r sagt an, dass er_sie in den nächsten Monaten keine Miete zahlen kann, wenn noch was zum Leben übrig sein soll. Dann könnten alle zusammen überlegen, wie sie das Loch stopfen, ohne dass das Problem bei einer einzelnen Person hängen bleibt.

Dass es bei der ganzen Geschichte nicht nur um Geld geht könnte eigentlich klar sein. Wir wurden nicht auf dieses Leben los gelassen mit Sicherheiten und dem schon angesprochenen doppelten Boden unter den Füssen – wir sind meistens ziemlich allein und fühlen uns nie gut genug.

Wenn wir etwas erreicht haben – dann war das Glück! In der Uni gute Noten? Wir sind doch nur Fake! Eine schlechte Note? Der Beweis dafür, dass wir hier doch eigentlich gar nicht hingehören – bei dem gleichzeitigen Anlegen der höchsten Messlatte an uns selbst – denn unser Bildungspassing (wie es ein_e Freund_in mal treffend formulierte) ist uns wichtig! Dass wir nicht hier hin gehören soll uns ja schließlich niemand anmerken. wenn wir dann doch einmal sagen, dass wir Unterschichts- oder Arbeiter_innenklassen- sozialisiert sind , werden wir ungläubig angeschaut: „DU? Das hätte ich nicht von Dir gedacht!“, so – um es mit den Worten einer Prololesbengruppe aus den 1980er Jahren zu sagen: „als müssten wir stinken oder sowas….“.
Den Klassismus, der in dieser Ungläubigkeit steckt möchte ich jetzt hier nicht weiter ausführen – aber er macht uns immer wieder klar, wo unser Platz ist: Eigentlich nicht hier! Und damit meine ich nicht nur die Universität, sondern auch die Politgruppe, die linke WG, den Soli-Tresen und den Kollektivbetrieb.

Dass es ganz oft – VIEL zu oft – dann wirklich am Geld und den Sicherheiten liegt, wie wir zu unseren erreichten Dingen und unseren Möglichkeiten stehen kotzt uns selbst an. Aber genau das Abstrampeln in diesem geldorientierten System hält uns an einem Platz, an dem die Kreativität und die Kraft zu oft verloren geht und der Wunsch – um es mit den Worten meines wundervollen Gesprächspartners zu sagen – „endlich mal ´raus zu kommen, aus diesem Scheiß Hamsterrad-Gefühl“ oberste Priorität bekommt.