Archiv für November 2011

Every day I´m straddeling

Manchmal gibt es Worte, die einen komplizierten Zusammenhang auf einen Punkt bringen, der die Kommunikation unglaublich erleichtert oder zumindest einem ganzen schwammigen Gedankengerüst ein Zuhause gibt.

Bei der 15. WorkingClas/PovertyClass-Academics Konferenz in Münster ist so ein Begriff gefallen, der mich seitdem begleitet: „Straddler“. „To straddle“ kommt aus dem englischen und heißt grätschen/spannen – und beschreibt damit das, was Menschen, die eine „Klassenreise“* gemacht haben in ihrem Alltag ständig tun: Sich zwischen den sprichwörtlichen Stühlen zu bewegen – und von genau da auch nicht weg zu kommen.

In Berichten, die ich gelesen habe und auch in Gesprächen mit anderen WorkingClass/PovertyClass Leuten, wurde das abgeschnitten-werden oder die zunehmende Entfernung von der Herkunftsfamilie oder dem sozialen Kindheits-Jugend-Umfeld als Begleiterscheinung bzw. Effekt von „Klassenreisen“ beschrieben. Die Anpassung an oder das Erlernen von den in so genannt „höheren“ Bildungsinstitutionen vorherrschenden Mittelklassenormen** verändert.
Das sind keine bewussten oder gesteuerten Veränderungen – aber Veränderungen, die innerhalb eines Machtverhältnisses passieren, in dem Be-Wertungen von Wissen vorgenommen werden und in dem das Wissen, das an Unis, Gymnasien und Instituten produziert und geteilt wird als „höher“ und „besser“ gilt als das von Arbeiter_innen/Unterschichtler_innen. Oder mehr noch: Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, eine Mittel- bis Oberschichtssozialisation zu haben – über alles „andere“ wird gar nicht erst nachgedacht.

Die wenigsten Studierenden wurden in der Arbeiter_innenklasse oder Unterschicht sozialisiert – wobei Erhebungen zur Unterschicht nicht existieren (weil wohl angenommen wird, dass „die“ eh nicht „da hin“ kommen) und die Definition von „hoher“, „gehobener“, „mittlerer“ und „niedriger“ sozialer Herkunft (wie das HochschulInformationsZentrum es einteilt) sich nach der Berufstätigkeit der Eltern richtet.

Die Anpassung an den Mittelklassehabitus ist wie gesagt kein bewusster Pozess, in dem man sich vornimmt „So! Ich werde jetzt Mittelklasse!“, sondern ein gewaltvoller Lernprozess, in dem immer wieder klar wird, welches Wissen an den jeweiligen Institutionen Wertschätzung erfährt und welches schlicht keinen Wert hat. Das unausprechliche an der ganzen Sache ist, dass einem erst mal mal nicht geglaubt wird, wenn man über diese Machtverhältnisse sprechen will. Wie bei so vielen anderen Dingen auch zeigt sich hier das Machtverhältnis oder das Privileg daran, wem zu – oder was angehört wird. Da es für Klassismus wenig Auseinandersetzung gibt, auf die sich Individuen stützen können, um die Gewaltverhältnisse zu benennen, bleiben die meisten mit der Abwertung ihrer Herkunft – und damit ihrer ganzen bisherigen Lebenserfahrung – allein. Die Effekte sind verschieden und lassen sich nicht verallgemeinern – aber zwischen den Stühlen landen alle.

Die meisten WorkingClass/PovertyClass-Academics, die ich kenne haben ein extrem gutes Bildungs-Passing in Bildungsinstitutionen. Das heißt, dass sie sich so weit angepasst haben, dass man ihnen ihre „Klassenreise“ nicht anmerkt. Gleichzeitig wissen sie genau, wann und wie sie sich wem gegenüber wie äußern können – oder auch wollen. Wann sie sich „outen“ können, ohne eine Abwertung zu erfahren (und auch ein: „Oh, das hätte ich von DIR aber nicht gedacht!“ ist eine Abwertung!) und wie sie sich wo bewegen, kleiden oder was sie sagen (können).

Eine Interviewpartnerin aus der Arbeiter_innentöchterbewegung hat dieses ständige Grätschen in einem mehrstündigen Gespräch einmal von einer Seite beschrieben, die ich in meiner eigenen erlernten Defizitorientierung so noch gar nicht gesehen hatte, indem sie sagte: „Arm? Was heißt hier arm?? Ich kenne ZWEI Welten! Wer ist jetzt hier arm??“

Solche Gespräche machen mir wieder klar, wie unglaublich wichtig und empowernd es ist, sich auszutauschen und eben solche Begriffe zu finden, die Erfahrungen ein Wort geben und sie zu verbreiten. „Straddler“ ist für mich ein Wort wird, dass genau die Kompetenz beschreibt, die WorkingClass/PovertyClass-Academics erwerben – und beschreibt gleichzeitig, wie anstrengend und ermüdend das ständige Grätschen ist.

*den Begriff „Klassenreise“ habe ich aus der aus dem Schwedischen übersetzten Broschüre „Mit geballter Faust in der Tasche“ übernommen. Ich finde das bisher einen der treffendsten,
unhierachischen Begriffe, die mir in diesem Kontext untergekommen sind – im Gegensatz wie zum Beispiel Klassenauf- oder Abstieg.

** Ich verwende den Begriff „Mittelklasse“ inkonsistent. Ich könnte auch „bürgerlich“ schreiben, aber es ist mir wichtig, an einem EIGENEN Klassenbegriff zu arbeiten, der nicht aus der Akademia oder von Upper-Class Denker_innen vorgegeben wird/wurde bzw. nicht den Arbeiter_innen weg genommen wurde.