Das Leben der „Anderen“*

„Die hat ganz offen über ihren Klassenhintergrund gesprochen, also dass sie so ´ne schwierige Familie hatte, mit Sozialamt und Besuchen vom Jugendamt und so… die hatte da kein Problem mit!“, sagt sie.
Interessant ist, dass ich nicht gefragt habe: „Wer weicht in der Gruppe von dem ab, was die meisten erlebt haben?“, sondern „Wie ist der Klassenhintergrund in Eurer Politgruppe?“ Nach einem ersten „gemischt“ wird eine Einzelerfahrung heraus gegriffen, die meiner Gesprächspartnerin als „besonders“ im Kopf geblieben ist. Als: abweichend.

Das ist auf mehreren Ebenen problematisch. Zum einen erfahre ich persönliche Details aus dem Leben einer Person, von der ich nicht weiß, ob sie ihr Einverständnis dazu gegeben hat. Das kann ich noch unterbrechen.

Nicht unterbrechen kann ich die Bewertung – eine Machtgeste, nach der Mittelklasse-Normal-Lebensentwürfe als Maßstab angelegt werden. Ein Bewertungsmaßstab, nach dem eine Person, die aus dem Leben berichtet, dass für sie „normal“ war, dafür nun als besonders „offen“ gilt.

Es ist aus meiner Sicht schwer genug, für das eigene Leben einen Narrativ zu erfinden, der einer_m kein mitleidiges „Krass, Du Arme!!“ oder „Das hätte ich bei Dir gar nicht gedacht!?!“ einbringt. Das ganze in bürgerlichen Kontexten auf eine Art zu servieren, die suggeriert „Hey, das ist kein Problem für mich!“ ist unter den working-class und poverty-class Aktivist_innen mit denen ich im Austausch stehe keine Seltenheit.

Mit den Machtgesten umzugehen, die auf ein Outing als working oder poverty-class Person folgen ist schwieriger. Das paternalistische Schulterklopfen, mit dem sich middleclass-Leute ganz easy ihrer eigenen Position rückversichern und klar stellen, dass sie über die Anerkennungsmacht verfügen und das Aneignen der Erzählungen für die eigene Selbstdarstellung.

Mittelklasse-Lifestyle steht auf die Erzählungen von Außenseiter_innen, die es „geschafft“ haben. Auf die, die fast ein bisschen so geworden sind wie sie selbst. Es sind die Geschichten, die die Leistungsgesellschaft hören will – von den angepassten, netten Prolls, die einen Schwank aus ihrer schlimmen Vergangenheit erzählen.

Spaß am Dialog geht irgendwie anders….

*ja…ich habe eine Schwäche für catchy Headlines, und: nein, ich habe den Film nicht gesehen….


5 Antworten auf „Das Leben der „Anderen“*“


  1. 1 Eingeschränkte 24. Juli 2011 um 22:37 Uhr

    Eine Folge von Klassismus ist auch, dass „Linke“ nichts wie z.B. MoPo produzieren. Die MoPo kann ich lesen, wenn drum herum das Leben tobt und meine Konzentration geteilt ist: in der Frühstückspause, Zuhause mit Kindern … Aber für fast alle „linken“ Texte (auch den hier) braucht es geeignete Umweltbedingungen.

    Dabei wäre es möglich, Zeitungen wie die MoPo mal daraufhin zu analysieren, welchen lesepraktischen, emotionalen etc. Nutzen sie bieten und den dann auch umzusetzen. Aber das wird nicht gemacht, weil: Leute, die MoPo lesen, sind ja doof. Wir könnten vielleicht eine schöne, lustige, spannende, gut zu lesende revolutionäre Zeitung mit einigermaßen hoher Auflage haben …

  2. 2 Carl 27. Juli 2011 um 17:32 Uhr

    @ „Eingeschränkte“: Das sehe ich ähnlich. Ich will Linke nicht als bewusst klassistisch bezeichnen – ganz im Gegenteil…. aber irgendwie sind es viele doch.

    Zum Beispiel: Diese Texte sind so lang, mit so vielen Fremdwörtern, ohne Bilder. Muss das denn sein? Ich oute mich jetzt einfach auch mal als einer der Doofen, dem das nicht gefällt. Auch die Tatsache, dass viele Linke keinen Fernseher besitzen. Ich habe oft das Gefühl, dass man entweder zwanghaft niveauvoll ist oder *schluchz* das man tatsächlich einfach intelligenter ist als ich. Ich schnwanke zwischen „Ach, bin ja nur zu dumm das zu verstehen“ und „Meine Fresse, wie abgehoben“.

    Und zu den Lebenserfahrungen. Einiges erzähle ich nicht, weil ich sicher bin, dass mir keiner glauben wird.
    Ich verfüge über ein Diplom, spreche einigermaßen Hochdeutsch und so weiter und dann gibt es einige Dinge, die würde denke ich keiner glauben.

    Akademiker teilen die Welt ja gerne ein in sich selbst und „diese Leute“… und „diese Leute“, man weiss im Grunde ganz genau wie sie sind…. Wenn aber einer so lebt wie die Menschen in der Kategorie „wir“, aber enige Erfahrungen hat, die ihn in die Kategorie „diese Leute“ stecken würden, würde man ihm wohl glauben?

  3. 3 Administrator 27. Juli 2011 um 17:44 Uhr

    @eingeschränkte und carl: vielen dank für die anregungen – gerade weil ich eigentlich dachte, dass meine texte leicht lesbar geschrieben wären. gerade arbeite ich an comics, die dann demnächst auch hier zu lesen sind. freue mich auf weiteres feedback.

  4. 4 Carl 27. Juli 2011 um 18:30 Uhr

    Hallo,
    ich meinte das eigentlich nicht als Kritik an deinen Texten, sondern ich dachte, dass „Eingeschränkte“ auf ein generelles Problem hinweist. Generell empfinde ich persönlich viele Texte von Linken als

    1. extrem lang, tut mir Leid, so viel Zeit habe ich oft nicht
    2. als sehr schwer lesbar

    Ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob es an den Texten liegt oder an mir. Kann ja auch sein, dass ich einfach deppert bin.

  5. 5 Carl 27. Juli 2011 um 18:31 Uhr

    Freue mich auf deine Comics.

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