Archiv für Juli 2011

Das Leben der „Anderen“*

„Die hat ganz offen über ihren Klassenhintergrund gesprochen, also dass sie so ´ne schwierige Familie hatte, mit Sozialamt und Besuchen vom Jugendamt und so… die hatte da kein Problem mit!“, sagt sie.
Interessant ist, dass ich nicht gefragt habe: „Wer weicht in der Gruppe von dem ab, was die meisten erlebt haben?“, sondern „Wie ist der Klassenhintergrund in Eurer Politgruppe?“ Nach einem ersten „gemischt“ wird eine Einzelerfahrung heraus gegriffen, die meiner Gesprächspartnerin als „besonders“ im Kopf geblieben ist. Als: abweichend.

Das ist auf mehreren Ebenen problematisch. Zum einen erfahre ich persönliche Details aus dem Leben einer Person, von der ich nicht weiß, ob sie ihr Einverständnis dazu gegeben hat. Das kann ich noch unterbrechen.

Nicht unterbrechen kann ich die Bewertung – eine Machtgeste, nach der Mittelklasse-Normal-Lebensentwürfe als Maßstab angelegt werden. Ein Bewertungsmaßstab, nach dem eine Person, die aus dem Leben berichtet, dass für sie „normal“ war, dafür nun als besonders „offen“ gilt.

Es ist aus meiner Sicht schwer genug, für das eigene Leben einen Narrativ zu erfinden, der einer_m kein mitleidiges „Krass, Du Arme!!“ oder „Das hätte ich bei Dir gar nicht gedacht!?!“ einbringt. Das ganze in bürgerlichen Kontexten auf eine Art zu servieren, die suggeriert „Hey, das ist kein Problem für mich!“ ist unter den working-class und poverty-class Aktivist_innen mit denen ich im Austausch stehe keine Seltenheit.

Mit den Machtgesten umzugehen, die auf ein Outing als working oder poverty-class Person folgen ist schwieriger. Das paternalistische Schulterklopfen, mit dem sich middleclass-Leute ganz easy ihrer eigenen Position rückversichern und klar stellen, dass sie über die Anerkennungsmacht verfügen und das Aneignen der Erzählungen für die eigene Selbstdarstellung.

Mittelklasse-Lifestyle steht auf die Erzählungen von Außenseiter_innen, die es „geschafft“ haben. Auf die, die fast ein bisschen so geworden sind wie sie selbst. Es sind die Geschichten, die die Leistungsgesellschaft hören will – von den angepassten, netten Prolls, die einen Schwank aus ihrer schlimmen Vergangenheit erzählen.

Spaß am Dialog geht irgendwie anders….

*ja…ich habe eine Schwäche für catchy Headlines, und: nein, ich habe den Film nicht gesehen….