„Warten auf das Wunderland“ oder: Was ist an einem Plattenbau so lustig?

Irgendein linkes Zentrum, irgendein Event, irgendwo. Wir schauen „Warten auf das Wunderland“ – einen Film über unterschiedliche Utopien zweier und mehr unterschiedlicher Menschen. Empfehlenswert, übrigens.
Die Dokumentation ist in Berlin aufgenommen und längere Sprechpassagen werden mit verschiedenen gefilmten Ecken/Häusern/Projekten unterlegt. Dem Bethanien (einem Hausprojekt). Street-Art. Dem Regierungsviertel. Und auch einem Plattenbau.
Plattenbau. Unterdrücktes Kichern im Publikum. Ein_e vor mir Sitzende_r stupst seine_ihre Sitnachbar_in an. „Ey, biste da aufgewachsen?“. Scheinen beide witzig zu finden. Ich würde gern fragen warum, aber wir sind ja mitten im Film. Wäre irgendwie unhöflich.
Der Film gibt den Witz nicht vor – allein die Reaktion im Publikum macht das Bild eines Plattenbaus zu einem.
Als ehemalige Bewohner_in eines solchen (ein wirklich hübscher, mit langen, offenen Fluren und einzelnen davon abgehenden Appartements, Abenteuerspielplatz in alleine-raus-gehen-dürfen-Nähe, mit einer Nachbarin, von der ich, nicht aus eigener Erinnerung aber aus Erzählungen weiß, dass ich mit meinen 2 Jahren sehr stolz auf die – aus meiner Sicht fehlerfreie – Aussprache ihres 3-silbigen Nachnamens war.. aber das nur am Rande) bin ich irritiert.
Ich möchte gern fragen, was an einem Plattenbau so lustig sein soll. Und warum sich zwischen den vor mir sitzenden ein Witz-Peak dadurch herstellen lässt, sich gegenseitig als „da her“ kommend zu imaginieren.
Was verbinden sie mit einem Plattenbau? Wer wohnt ihrer Vorstellung nach „da drin“ – wenn schon nicht sie selbst? Und warum denken sie, dass sie mit „solchen“ Leuten nichts zu tun haben? So sicher, dass sie in einem Raum, in dem eine Dokumentation über linke Utopien läuft, gegenseitig als nicht „da aufgewachsen“ adressieren können? In der Annahme, die anderen Anwesenden gleich mit belustigen zu können?
Meinereine is auf jeden Fall not amused. Und fürchtet, dass ihr eigenes Wunderland noch ziemlich weit weg ist.

p.s.: „Warten auf das Wunderland“/“Waiting for Wonderland“ ist hier online zu finden.


5 Antworten auf „„Warten auf das Wunderland“ oder: Was ist an einem Plattenbau so lustig?“


  1. 1 Beeke 13. Juni 2011 um 21:30 Uhr

    Wow, vielen Dank, dass du daran erinnerst, wie toll ein Aufwachsen im „sozialen Wohnungsbau“ – Plattenbau gab’s in meinem Kleinstädtchen nicht – sein konnte. Ich erinnere mich an 20 Häuser alle so angelegt, dass die Kinder im Viertel spielen konnten, nicht über große Straßen gehen mussten. Und in der Mitte war ein riesiger Spielplatz. Und ich mit ungefähr 100 anderen Kindern den ganzen Tag draußen. Ohne Erwachsene, ohne Babysitter. Reingehen? Na, nur wenn’s dunkel wird :)

  2. 2 Carl 27. Juli 2011 um 18:42 Uhr

    Ich hätte eine Frage an dich, Beeke: Vermisst du manchmal die Art wie du aufgewachsen bist?
    Ich nehme an deine Kinder, wenn du mal welche hast, werden anders aufwachsen. Wie gehst du damit um?

  3. 3 Carl 27. Juli 2011 um 18:43 Uhr

    Die gleiche Frage auch an dich, Artikelschreiber. Ich kann hier leider nicht editieren.

  4. 4 Beeke 27. Juli 2011 um 19:31 Uhr

    Hallo Carl,

    hm, es ist zwar interessant, dass du automatisch davon ausgehst, ich hätte/möchte Kinder, aber um deine Frage zu beantworten, ja, ich vermisse es und würde tatsächlich sagen, dass Kinder, die in angeblich „besseren Verhältnissen“ aufwachsen, es nicht unbedingt besser haben. Auf eine Art haben bestimmte Freiheiten, nicht nur finanziell, aber auf eine andere Art empfinde ich mein Aufwachsen als sehr viel freier als das von so manchen meiner Mittelklasse-Bekannten.

    Ich bin eine sogenannte „Straddlerin“, sprich, ich bin heute in einer anderen Klassenumgebung als früher, hab studiert, hab inzwischen einiges mehr an Privilegien. Und falls ich Kinder hätte, fände ich es bestimmt schwierig, ihnen das Wissen zu vermitteln, dass ich durch mein Aufwachsen bekommen habe. Aber was man glaub ich weitergeben kann ist ne bestimmte Art Sensibilität und Haltung. Allerdings wohl nur bis zu einem bestimmten Punkt.

  5. 5 peanut 08. September 2012 um 22:02 Uhr

    Ja also ist zwar schon nen Jahr alt hier aber ich muss auch ma meinen Senf dazugeben!^^ Habe bis zum 26. Lebensjahr bei meinen Eltern im Plattenbau gelebt und kann mich nicht beschweren es war immer alles da. Strom,Warm-Wasser-aus-wand usw. . Klar hats mich genervt in meinem kleinen Kinderzimmer und das ich aus finanziellen Gründen solange da wohnen musste! Aber meine Kindheit hätte besser nicht sein können. Mit Trödeln war ich in 5 Minuten in der Grundschule, diese wiederum war gleich vielleicht 30m von meinem Kindergarten entfernt und ein Kondi-Discounter war gleich gegenüber vom Kindergarten! Alle Freunde waren im selben Neubaugebiet. Und die hälfte der Klasse hat dort gewohnt! Haben all die sachen gemacht wie andere Kinder auch. Fußball gespielt auf Müllcontainer rumgeklettert und durchs Neubaugebiet gestreunert. Es gab auch genug Grünanlagen nichts war trist oder so! es war alles da auch Spielplätze usw. Leider wurden einige entfernt oder umgebaut und sehen jetzt total bescheuert aus! Später mit 16 ist man immer noch mit leuten rumgezogen. Haben uns immer an einer Bushaltestelle in der Nähe getroffen und halt geredet und gefeiert. Einfach die beste Zeit meines Lebens! Plattenbau hat nix mit soziale kälte zu tun! Habe auch nie Gewalt erlebt, nagut die meisten Leutchens kannte man eh und die hat man gegrüsst! :D Es kommt immer drauf an was man daraus macht! Ich würde auch immer wieder in nen Plattenbau ziehen. Sowas wie Reihenhäuschen im Grünen *kotz* wäre echt nix für mich! Aber jedem das seine. Mein Schlusswort: Plattenbau ist geil! :D

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