Sprachlos

Leipzig, Ladyfest.

Ein Treffen mit eine_m_r alten Bekannten. Wir haben uns schon mal über Klassismus unterhalten und ohne zu fragen, ob ich gerade Bock darauf habe, landen wir auch wieder dort. Ich würde behaupten: nicht zufällig. Weil ich eine Auseinandersetzung einfordere, werde ich automatisch Adressatin für Überlegungen um Effekte von Klassismus. Diese Überlegungen werden unaufgefordert und vor allem: ungefiltert an mich heran getragen.

Ich darf mir anhören, dass er_sie sich Gedanken gemacht hat, weil ihre_seine Mitbewohner_in aus der Unterschicht ist und er_sie über eine verletzende Bemerkung gegen diese_n Mitbewohner_in gemerkt hat, welche Vorurteile sie_er hat.

Dass es mich verletzen könnte, dass eine Situation beschrieben wird, in der a. Kompetenz-Referenzen über ein „ich kenne da eine_n der_die“ hergestellt werden (von dem_der ich nicht weis, ob er_sie mit seiner_ihrer Geschichte als Beispiel her halten will) und ich b. verletzende Situationen mit Vorurteilen gegenüber Unterschichtsleuten nur zu gut kenne wird nicht thematisiert, abgefragt oder in Erwägung gezogen.

Am nächsten Tag erzählt mir der_die Bekannte noch, was er_sie und ein_e weitere Person sich überlegt haben, um Leuten, die weniger klassenprivilegiert sind unter die Arme zu greifen, wieder in Referenz auf Leute aus dem Bekanntenkreis, wieder mit sehr privaten Details aus dem Leben von anderen Leuten.

Nachdem ich es am Tag vorher nicht geschafft habe, darauf hinzuweisen, dass ich eigentlich nicht hören will, dass eine Person Lernprozesse auf Kosten einer anderen Person gemacht hat – um sich (mir) dann als reflektiert zu präsentieren, versuche ich darauf hinzuweisen, dass ich es paternalistisch finde, wenn privilegierte Personen sich ein Konzept FÜR Leute mit weniger Privilegien ausdenken, ohne sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen – und dass ich nicht finde, dass Charity-Aktionen eine Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien ersetzen können/sollten.

An dieser Stelle versuche ich einen Vergleich mit anderen -ismen und schlage vor, anstatt „Klasse“ eine andere Kategorie in die Überlegungen und Ausführungen einzusetzen. So wird relativ schnell klar, dass beide beschriebenen Gespräche verletzend und grenzüberschreitend mir gegenüber waren.

Ich habe mittlerweile Übung mit Argumenten – aber mir wird auch immer wieder bewusst (gemacht) dass es eine Auseinandersetzung und damit auch eine entsprechende Sprache um Klassismus wenig oder nicht gibt. Während bei anderen Kategorien, die Grenzen schneller klar sind, müssen sie hier erst gesetzt werden.

Das heisst: Doppelte Arbeit. Zum einen: Eigene Grenzen zu ziehen und überhaupt erst zu merken, weil sie wegen fehlender Sensibilisierung permanent überschritten werden. Zum anderen: Eine Sprache zu finden, mit der ich mich überhaupt erst vermitteln kann.

Ich fordere Auseinandersetzung um Klassenposition_en einerseits massiv ein, andererseits wird mir dabei immer wieder klar, wie wenige Leute aus meinem Umfeld eine Unterschichtssozialisation teilen und wie selten ich es erleben werde, dass ich einen Ort zum Austausch finden werde, der mir die Bestätigung und Kraft gibt, die sich über Austausch aus ähnlichen Perspektiven ergibt.

Ich würde so gern auf Auseinandersetzungen zurück greifen können. Sagen können: „Da gibt es genug Texte/Comics/Bücher! Die kannst du lesen – aber benutze mich gerade bitte nicht als Quelle für Infos oder als Abgleich, weil ich dir eine Information über mich gegeben habe!“

Ich möchte diese Gespräche nicht ständig führen, weil sie Arbeit für mich bedeuten. Arbeit, die ich nicht immer leisten kann und will.

Also schreibe ich das auf. Um vielleicht – langsam – eine Sprache zu finden.