Archiv für Mai 2011

Das bisschen (Polit-)Arbeit macht sich von allein…?

Wenn in (links-)politisch arbeitenden Kontexten über „Arbeit“ gesprochen wird, dann ist meist der erklärte Gegenentwurf zum „freien Leben“ gemeint: die Lohnarbeit. Der 9to5-Alptraum der um die 40 Stunden in der Woche klaut und in dem keine_r landen möchte.
Was ist aber mit der ganzen Arbeit, die in Gruppen, Plena, VoKü´s, Orga-Teams, auf Bühnen und dahinter, in Lautis, hinter Tresen, an Mischpulten und vielem mehr geleistet wird? Dieser Text möchte die Sinnhaftigkeit dieser Arbeit gar nicht anzweifeln oder in Frage stellen, dass Polit-Arbeit auch konkrete Umverteilung von Privilegien bedeuten kann, aber aufzeigen, dass die Selbstverständlichkeit, mit der unbezahlte Arbeit in Polit-Gruppen vorausgesetzt wird problematisch ist.
Betsy Leondar Wright ist Autorin von „Class Matters, Cross-Class alliance building for Middle-Class Activists“. Für sie ist ein Selbstverständnis, das Bereitschaft zu ehrenamtlicher Arbeit voraussetzt und auch für alle Mitglieder einer Community für möglich hält, Teil einer „middle-class progressive culture“. Demnach ist die oben beschriebene, nicht bezahlte Arbeit an das Selbstverständnis, den Möglichkeiten und den Grundwerten von Mittelklasseaktivist_innen angepasst. Für sie ist diese Haltung resultierend aus einer (progressiven) Mittelklasse-Sozialisation, in der ehrenamtliche Arbeit zum „guten Ton“ gehört und auch dementsprechend mit sozialer Anerkennung – innerhalb der eigenen Klasse – honoriert wird.
Nicht bezahlte Arbeit leisten zu können soll hier nicht problematisiert werden – das Problem ist die Selbstverständlichkeit, mit der vorausgesetzt wird, dass sich alle Mitglieder einer Community diese Arbeit – im wahrsten Sinne des Wortes – leisten können. In den wenigsten Gruppen werden die materiellen Möglichkeiten der einzelnen Gruppenmitglieder reflektiert oder Umverteilungen in Erwägung gezogen. Im Gegenteil müssen sich Gruppenmitglieder, die auf Lohn-Arbeit angewiesen sind, rechtfertigen, dass sie sich von dieser Form von Arbeit die Zeit klauen lassen. In den wenigsten Fällen wird darüber geredet, wer sich über welche Kanäle finanziert und dadurch mehr oder weniger Möglichkeiten hat Zeit aufzubringen.
In der Abwertung von Lohn-Arbeit gibt es Abstufungen. Die_der Grafiker_in mit Szene-Anbindung wird wahrscheinlich noch öfter in ihrer_seiner Rolle als Arbeitende_r adressiert werden, um Plakate, Flyer und Broschüren – selbstverständlich günstiger oder kostenfrei – zu entwerfen als Arbeiter_innen, die in weniger (szene-)verwertbaren Berufsgruppen ihren Lebensunterhalt verdienen.
Angemessene Bezahlungen auch für Szene-Arbeit zu fordern würde wahrscheinlich höchste Irritationen auslösen. Stellen wir uns vor, beim nächsten Plenum würde bei der Diskussion um die unterbesetzten VoKü-Tresenschichten eine_r fordern, für die Anwesenheit äquivalent zu seinem_ihrem Job nach Stunden bezahlt zu werden, weil sie_er sie sich unbezahlte Tresenarbeit nicht leisten kann. Eine solche Forderung würde mehreres bedeuten.
Zum einen würde sie auf provokante Art und Weise das oben beschriebene dominante Mittelklasse-Selbstverständnis angreifen. Einen gesellschaftlich unausgesprochenen Konsens aufbrechen, der sich auch in Polit-Gruppen fortsetzt: Dass über Geld nicht gesprochen wird. Wer wie viel hat, wer sich was leisten kann, wer sich gerade so finanzieren kann und wer welche Jobs machen muss – oder sich aussuchen kann.
Zum Anderen würde eine Praxis in Frage gestellt, in der meist weit mehr als in der Horror-Vision der 40-Stunden-Woche gearbeitet wird (oft in einem Klima gegenseitiger Erwartungshaltungen statt positiver Anerkennung von Leistungen) und eine – wenigstens materielle – Wertschätzung dieser Arbeit gefordert wird.
Dass solche Forderungen nicht gestellt werden hat viele Gründe – einer der entscheidensten ist wohl der oben schon erwähnte: Dass über Geld und vor allem die damit verbundenen Privilegien nicht gesprochen wird. Dass Polit-Arbeit grundsätzlich als unbezahlte Arbeit vorausgesetzt wird und daraus strukturelle Ausschlüsse für Leute entstehen, die nicht über ausreichende materielle Ressourcen verfügen, um diese Arbeit überhaupt machen zu können – oder zu wollen.
Dass heißt nicht, dass es nicht Working-Class oder Poverty-Class Aktivist_innen gibt. Der schweigende Konsens, nach dem sich das bisschen Polit-Arbeit – wie der auf im Titel angespielte und von Johanna von Koczian besungene Haushalt – von alleine macht, schafft aber ein Klima, das eine Kritik an klassistischen Praxen erschwert bis verunmöglicht.
Dass „Klasse“ als Diskriminierungskategorie – also Klassismus – so gut wie gar nicht thematisiert wird ist erstaunlich. Die Effekte dieser Diskriminierung werden – anders als bei anderen -ismen – im deutschsprachigen Raum kaum diskutiert. Während eine Suche nach „classism“ eine Fülle an englischen Informationen und Plattformen ergibt, scheint die Auseinandersetzung im deutschsprachigen Raum Ende der 1980er Jahre abzureißen.
Während Hannelore Bublitz und Gabriele Theling Anfang/Mitte der 1980er Jahre noch wütende Statements über ihre Erfahrungen als Arbeiter_innentöchter an Universitäten und den damit verbundenen Diskriminierungserfahrungen verfassten und diese auch in Form ihrer Abschlussarbeiten veröffentlichten, scheint diese Perspektive in den bewegten Folgejahren trotz starker politischer Bewegungen wenig bis gar nicht konsequent weiter thematisiert und ausgearbeitet worden zu sein1.
So erstaunt es nicht, dass sich klassistische Vorurteile, Praxen und Sprache auch in linkspolitisch arbeitenden Gruppen wieder finden. Wer denkt schon darüber nach, dass Zuschreibungen wie „prollig“ oder „Prolo“ eine Abwertung von Angehörigen der Arbeiter_innenklasse oder Unterschicht ist? Dass oft eine universitäre Bildung voraus gesetzt wird? Dass diese Bildung als „höhere Bildung“ bezeichnet wird? Dass es bei den wenigsten Events, Fortbildungen, etc. eine Outing-freie Staffelung in der Bezahlung gibt? Dass klassenspezifischer Habitus nicht ausreichend thematisiert wird? Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Die Aufforderung darüber nachzudenken, dass es ein Privileg sein kann, unbezahlte Arbeit zu leisten ist als Impuls gedacht, diese Überlegungen (wieder) stärker in politische Praxen einzubinden und Mittelklasse-Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen.

Sprachlos

Leipzig, Ladyfest.

Ein Treffen mit eine_m_r alten Bekannten. Wir haben uns schon mal über Klassismus unterhalten und ohne zu fragen, ob ich gerade Bock darauf habe, landen wir auch wieder dort. Ich würde behaupten: nicht zufällig. Weil ich eine Auseinandersetzung einfordere, werde ich automatisch Adressatin für Überlegungen um Effekte von Klassismus. Diese Überlegungen werden unaufgefordert und vor allem: ungefiltert an mich heran getragen.

Ich darf mir anhören, dass er_sie sich Gedanken gemacht hat, weil ihre_seine Mitbewohner_in aus der Unterschicht ist und er_sie über eine verletzende Bemerkung gegen diese_n Mitbewohner_in gemerkt hat, welche Vorurteile sie_er hat.

Dass es mich verletzen könnte, dass eine Situation beschrieben wird, in der a. Kompetenz-Referenzen über ein „ich kenne da eine_n der_die“ hergestellt werden (von dem_der ich nicht weis, ob er_sie mit seiner_ihrer Geschichte als Beispiel her halten will) und ich b. verletzende Situationen mit Vorurteilen gegenüber Unterschichtsleuten nur zu gut kenne wird nicht thematisiert, abgefragt oder in Erwägung gezogen.

Am nächsten Tag erzählt mir der_die Bekannte noch, was er_sie und ein_e weitere Person sich überlegt haben, um Leuten, die weniger klassenprivilegiert sind unter die Arme zu greifen, wieder in Referenz auf Leute aus dem Bekanntenkreis, wieder mit sehr privaten Details aus dem Leben von anderen Leuten.

Nachdem ich es am Tag vorher nicht geschafft habe, darauf hinzuweisen, dass ich eigentlich nicht hören will, dass eine Person Lernprozesse auf Kosten einer anderen Person gemacht hat – um sich (mir) dann als reflektiert zu präsentieren, versuche ich darauf hinzuweisen, dass ich es paternalistisch finde, wenn privilegierte Personen sich ein Konzept FÜR Leute mit weniger Privilegien ausdenken, ohne sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen – und dass ich nicht finde, dass Charity-Aktionen eine Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien ersetzen können/sollten.

An dieser Stelle versuche ich einen Vergleich mit anderen -ismen und schlage vor, anstatt „Klasse“ eine andere Kategorie in die Überlegungen und Ausführungen einzusetzen. So wird relativ schnell klar, dass beide beschriebenen Gespräche verletzend und grenzüberschreitend mir gegenüber waren.

Ich habe mittlerweile Übung mit Argumenten – aber mir wird auch immer wieder bewusst (gemacht) dass es eine Auseinandersetzung und damit auch eine entsprechende Sprache um Klassismus wenig oder nicht gibt. Während bei anderen Kategorien, die Grenzen schneller klar sind, müssen sie hier erst gesetzt werden.

Das heisst: Doppelte Arbeit. Zum einen: Eigene Grenzen zu ziehen und überhaupt erst zu merken, weil sie wegen fehlender Sensibilisierung permanent überschritten werden. Zum anderen: Eine Sprache zu finden, mit der ich mich überhaupt erst vermitteln kann.

Ich fordere Auseinandersetzung um Klassenposition_en einerseits massiv ein, andererseits wird mir dabei immer wieder klar, wie wenige Leute aus meinem Umfeld eine Unterschichtssozialisation teilen und wie selten ich es erleben werde, dass ich einen Ort zum Austausch finden werde, der mir die Bestätigung und Kraft gibt, die sich über Austausch aus ähnlichen Perspektiven ergibt.

Ich würde so gern auf Auseinandersetzungen zurück greifen können. Sagen können: „Da gibt es genug Texte/Comics/Bücher! Die kannst du lesen – aber benutze mich gerade bitte nicht als Quelle für Infos oder als Abgleich, weil ich dir eine Information über mich gegeben habe!“

Ich möchte diese Gespräche nicht ständig führen, weil sie Arbeit für mich bedeuten. Arbeit, die ich nicht immer leisten kann und will.

Also schreibe ich das auf. Um vielleicht – langsam – eine Sprache zu finden.