Hömma zu.

oder: Vielleicht kann mich datt ja ma wer verklickern wie dat mit die kwiere kommjunity funzen soll, wenn die datt nich ma richtich hinkrijen sich jejenseitich zuzuhöan, ohne dat die nen Lachkrampf kriejen wenn datt nich irjendwie na Uni klingt.

Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Mein Dialekt ist Platt. Ruhrplatt. Oder: Mein Dialekt WAR Ruhrplatt.

Mit dem Erwerb einer so genannten „höheren Bildung“ habe ich mir diesen Dialekt abtrainiert. Nicht bewusst – niemand kam daher und hat mir gesagt, dass ich so nicht sprechen soll. Es war einfach klar, dass eine gebildete Person „Hochdeutsch“ spricht. „Hochdeutsch“ = gebildet, „Plattdeutsch“ = ungebildet. Das sind einfache Gleichungen, die nicht über Ge- und Verbote organisiert werden, die Regeln sind unausgesprochen.

Oder um das noch mal in Unisprache zu zitieren (ich geb mir ja Mühe mich für alle verständlich zu machen):

„Erlangt eine besondere Sprache oder Kultur Allgemeinheit, hat dies zur Folge, daß alle anderen in die Besonderheit zurückverwiesen werden, und leistet außerdem, da die Verallgemeinerung des Zugangs zu den Mitteln einhergeht, ihnen zu genügen, der Monopolisierung des Allgemeinen durch einige wenige und der Enteignung aller anderen Vorschub, die damit in gewisser Weise in ihrem Menschsein versehrt sind.“ (Bourdieu)

In der Uni Ruhrplatt zu sprechen wäre für mich undenkbar gewesen. Ich war viel zu sehr darum bemüht, so „intelligent“ und „gebildet“ – sprich mit einer Menge an Daten und Wissen, die als wissens- und anerkennenswert gelten, ausgestattet – zu erscheinen, wie meine Kommiliton_innen. Viele der WorkingClass/PovertyClass-Studierenden, mit denen ich spreche, haben in der Uni das Gefühl, ständig zu „faken“, am falschen Platz zu sein und irgendwann „enttarnt“ zu werden. Sich dann noch mit einem Dialekt zu entblößen käme für die meisten nicht in Frage.

Eine der häufigsten Reaktionen auf meinen Dialekt ist: Lachen. Unabhängig vom Thema. Irgendwann entgleist meinen Gegenübern immer das Gesicht, wenn sie Platt hören. Sie „meinen das dann nicht böse“ – können sich aber vor lauter Amüsement nicht mehr auf das Gesagte konzentrieren. Bei einer Spoken-Word-Show zu einem völlig anderen Thema sprach eine der Personen kölschen Dialekt. Völlig unvermittelt. In einem Stück, dass sich mit Genderthemen befasste. Großer Lacher. Nun wäre ich eine der letzten Personen, die sich darüber beschweren würde, dass gelacht wird – ich würde mir sogar wünschen, dass öfter, lauter und herzlicher gelacht würde – aber in diesen Situationen geht der gefühlte Witz am Respekt vorbei und ist schlicht nicht lustig.

Ich beziehe mich ja oft und gern auf den Mikrokosmos der queeren Szene in Berlin, der m.E. von vorne bis hinten durchakademisiert ist und die habituellen Gepflogenheiten aus der Uni in die vermeintlich „alternativen“ Räume mit der gleichen Brutalität, Arroganz und Ignoranz hereingetragen werden wie in Seminarräume. Meinem direkten sozialen Umfeld hab ich mittlerweile vermitteln können, das es verletzend und respektlos ist, wegen eines Dialekts die Inhalte von Gesagtem nicht mehr wahr zu nehmen. Wäre schön wenn es auch noch beim Rest ankommt.

Intervention am DT

Nach einigen Monaten (hui… das is ja nu wirklich lange her, dass hier was passiert ist) eine kleine Zwischenmeldung von einer Intervention am Deutschen Theater in Berlin, wo eine „Fachtagung mit dem Titel „MIND THE GAP! – Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten und Konzeptionen niedrigschwelliger Kulturvermittlung“ “ stattfindet – allerdings ohne diejenigen angeblich „Hochkulturfernen“ einzuladen, über die dort gesprochen werden soll…

Schaut´s Euch an:

http://mindthetrapberlin.wordpress.com/

Liebe Wendy,

ich habe Dich gestern gesehen. Nicht zum ersten mal, aber zum ersten mal in einem Raum mit vielen Leuten. Und alle haben über Dich gelacht.
Nicht dass Du das bemerkt hättest – sie sollten ja über Dich lachen. Du warst das Klischee der Arbeiter_innenklassenfrau. Deine Schminke: grell. Deine Kleidung: billig, bunt, sexualisiert. Dein Auto: alt. Dein Verlangen: zugellös. Deine Femininität: überzeichnet, dein Name: mit Vorurteilen belegt. Du warst eine Karikatur. Und Du hast funktioniert.
Nachdem sich das Lachen gelegt hatte und Du von der Leinwand verschwunden warst wurdest Du imitiert. Du warst der perfekte Zerrspiegel für das, was ein_e Queerfeminist_in offenbar nicht zu sein hat. Deine Gesten, Dein Aussehen, Deine Bewegungen, Deine Sprache – ganz einfach Du: Unerwünscht, lächerlich gemacht, entwertet, eine Oberfläche.
Aber Wendy – Dir kann das egal sein.
Denn Du bist wunderbar. Und schlau. Und Du hast ein großes Herz. Du nimmst Dir was Du brauchst – und Du findest Wege es zu bekommen. Du trittst lautstark für Dich ein und lässt Dir nichts gefallen.
Den Macker, den Dir die Drehbuchautor_innen zur Seite gestellt haben, hast Du durchschaut und Du weist genau, wie Du mit ihm umgehen willst.
Und – obwohl Deine Affäre Randy mit Dir Schluss macht und Dir eine reiche, klassische Musik hörende, ein fettes Auto fahrende Upperclass-Lady als neue Freundin vorhält bist Du sofort da, als die beiden in Schwierigkeiten geraten. Du klaust Geld von Deinem Mann, Du nimmst das Risiko in Kauf erwischt zu werden, um ihnen das Geld auch noch vorbei zu bringen – und vor allen Dingen fragst Du nicht, warum die neue, reiche Freundin nicht ihre protzige Karre verkauft oder ob sie nicht viel mehr Kohle zur Verfügung hat als Du.
Denn das gibt es in Deiner sozialen Welt nicht: Sich raus zu halten, wenn Deine Freund_innen in der Klemme sitzen. Oder daran zweifeln, dass Deine Hilfe jetzt gerade benötigt wird. Du bist einfach da. Ohne große Fragen. Ohne Vorwürfe. Ohne moralische Vorhaltungen.
Ich wäre gern mit Dir befreundet. Und ich würde das gern von Dir fern halten – das Lachen. Die Überheblichkeit. Das von-Dir-abgrenzen-müssen. Aber das ist eher mein Problem.
Denn Du würdest das alles wahrscheinlich gar nicht beachten oder Dich darüber aufregen. Wahrscheinlich würdest Du Dir schulterzuckend Deinen Lippenstift nachziehen, eine Grimasse schneiden, auf Deinen 8 Zentimeter High Heels in Dein Auto steigen und die ganze Bande in der von Dir aufgewirbelten Staubwolke stehen lassen.

Dafür – liebe Wendy – liebe ich Dich um so mehr.

Deine
ClaraRosa

P.S.: Wenn Ihr Wendy kennenlernen wollt – schaut „The incredibly true adventures of two girls in love“. Am besten mit Leuten, die Wendy auch lieben würden. Sonst ist es sehr unangenehm – kann ich jetzt aus eigener Erfahrung sagen

Keine Streichung finanzieller Mittel für die Gesundheit von Lesben, Bisexuellen und trans*

Werte Lesende –

an dieser Stelle der Hinweis auf eine Petition der Lesbenberatung in Berlin.

Die Lesbenberatung ist – in my humble opinion – eine der wichtigsten Impulsgeber_innen für queere Diskussionen in Berlin, eine Einrichtung, die intersektional arbeitet und kostenfreie (!) Beratung, Workshops, Empowerment und vieles mehr anbietet.

Das Unterzeichnen der Petition dauert weniger als eine Minute – deshalb statt weiterer Worte – klickt auf den Link und unterschreibt . Bitte!

Wir sind Klasse

Dieser Text ist eine Antwort auf die vielen Reaktionen und Kritiken, die auf die überwiegend biografischen Artikel von Klassismus-Betroffenenen folgten.

Auch wenn wir uns als ein kollektives „Wir“ positionieren möchten, wissen wir, dass das nicht in Gänze funktioniert. Uns eint die Erfahrung von Klassismus betroffen (gewesen) zu sein mit dem Bewusstsein, dass verschiedene Klassismen existieren, die sich in ihrer Wirkung unterscheiden (können). Auch sind wir privat und politisch in unterschiedlicher Weise positioniert und in unterschiedlicher Weise (auch) von anderen Diskriminierungs-Formen betroffen.

Das soll erklären, warum in dem folgenden Text kein konsequentes „Wir“ vorzufinden ist und unterschiedliche Sprache verwendet wird.

Da der Text in erster Linie unserem Empowerment dienen soll, haben die Schreibenden jeweils ihre Sprache benutzt, wohlwissend, dass diese nicht unbedingt leicht zu verstehen ist. Da wir einerseits die Authentizität bewahren möchten, uns aber andererseits wichtig ist, dass der Text von möglichst vielen Menschen verstanden wird, haben wir uns als Kompromiss auf Erklärungen und Übersetzungen bei bestimmten Begriffen und Redewendungen geeinigt, diese sind im Text jeweils verlinkt.

„Die Klasse, in die jemand geboren wird, prägt das Verständnis für die Welt und die Zugehörigkeit. Die Klasse bestimmt die Ideen, das Verhalten, Einstellung, Wertigkeiten und Sprache. Sie bestimmt, wie jemand denkt, fühlt, handelt, aussieht, spricht, sich bewegt, (…) sie bestimmt die Arbeit, die wir als Erwachsene machen (…) Klasse betrifft alle Bereiche unseres Lebens (…) In anderen Worten: Klasse ist ein soziales Konstrukt und allumfassend.“
(Donna Langston)1

Inhaltsverzeichnis

  1. Bullshit-Bingo
  2. Lies doch bitte erstmal [Theorie], dann diskutieren wir weiter
  3. Die ersten Anti-Klassist_innen
  4. Juchu, es geht wieder nur um Sprache, the same procedure as last year, oder?
  5. Das Tone-Argument *gähn*
  6. Ihr denkt alle Rassismus nicht mit/Ihr seid alle weiß
  7. Wer war zuerst da? – Henne oder Ei. Oder auch die Sache mit dem Anti-Kapitalismus

Bullshit-Bingo

  • Lies doch erstmal Theoriiiiiiieeeeee (dann reden wir weiter)
  • Aber bedenke doch, was Bourdieu gesagt hat!
  • Klassismus und Ableismus muss man getrennt betrachten
  • Wir sollten aber auch mal ´n bissel wegkommen von der eigenen Betroffenheit.
  • Wenn wir den Kapitalismus nicht hätten, dann gäbe es ja sowas auch gar nicht!
  • Wir haben in unserem Marx-Lesekreis auch Leute, die kein Abitur haben!!1!
  • Wenn du keine Theorie verstehst, bist du halt zu dumm faul.

Lies doch bitte erstmal [Theorie], dann diskutieren wir weiter

Ich finde den Zeitpunkt interessant, an dem sich bürgerliche Empörung über vermeintliche Geschichts- und Theorielosigkeit laut machen will – nämlich da, wo sich ein paar mehr Leutchen zu Wort melden und nicht mehr darum bitten, nicht ignoriert werden zu wollen, sondern deutlich sagen, dass sie keinen Bock mehr haben, die Wut also nicht mehr in zustimmungsgerechten Häppchen serviert wird.

Dabei ist es nicht wichtig, ob die Personen, die plötzlich auf das „richtige“ Wissen pochen, bürgerlich sozialisiert wurden oder bürgerliches Wissen in bürgerlichen Institutionen gelernt haben und (re-)produzieren und als einzig anerkennenswertes an die Welt heran zu tragen. Wichtig ist der Fakt, dass sie es unhinterfragt tun.

Zum einen denk ich die ganze Zeit über die Aufforderung nach, doch jetzt mal die „richtigen“ Theoretiker_innen zu lesen – und auf so ´ne Aufforderungen reagier ich allergisch.

Aber wie! Genau diese Aufforderungen, sich erst einmal das nach bürgerlichen Maßstäben richtige Wissen anzueignen, ist Teil einer feministischen Wissenschaftskritik, die sich nicht vorschreiben lässt, dass das Herrschaftswissen alter Männer (njeknjeknjek -jaja…Polarisierungen…) mehr Gültigkeit hat als Erfahrenswissen. Qualitative Methoden sind eine Errungenschaft, die feministische Forscher_innen ernst nehmen sollten und nicht nur dann anerkennen sollten, wenn sie es bequem finden.

Überhaupt kommt es mir so vor, als würden sehr feine Distinktionslinien (ha! Ich sprech ja auch akademisch, :P :P :P ) zwischen den Themen gezogen werden, bei denen ich das private als politisch heran ziehen darf und wo nicht. Ich lasse jetzt mal Spekulationen darüber, woran das liegt. Dazu hab ich gerade nur gemeine Unterstellungen parat – und das würde wahrscheinlich da auch wieder Leute treffen, die irgendwie „aufgestiegen“ (was soll eigentlich diese „oben“/“unten“ metaphorik?? = letzter scheiß!!) sind und jetzt schön weiter ins vermeintliche „unten treten“ (ich sag jetzt nicht Arbeiterkind und co. Ups,hab ich doch gesagt, naja…).

„Wir haben die Beobachtung gemacht, daß unterschieden wird in „gute“ und in „böse“ Prolos – die Guten sind die Angepaßten mit höherer Schulbildung, die, die nach oben wollen; die bösen fluchen, saufen, schreien, sind undiplomatisch und dumm. Uns etwas Angepaßteren wird auf diese Weise suggeriert: ‚Du bist doch gar nicht so, Du kannst den Aufstieg doch schaffen.‘“
(Gitti, Lynda, Erna, Gabi)3

A pro pros feministische Wissenschaftskritik und Geschichtsschreibung – ich hab das ja schon mal erwähnt: ich les ja ab und zu ein Buch. Ne, Ironie bei Seite: ich mach seit Jahren nix anderes, als die von bürgerlichen Feministinnen verdrängten, gesilencten und ignorierten Geschichten von proletarischen Feministinnen auszugraben.

Diese Geschichten sind ein Schatz! Denn sie zeigen, wie sich Geschichte wiederholt und wie bürgerliche Ausschlußmechanismen funktionieren. Wie der Kapitalismus angepasste Aufstiegsmythen produziert und Menschen, die Klassenverbündete sein sollten zu Klassenfeind_innen macht. Wie lachen, sich zusammen tun und sich nicht an bürgerlichen Werten zu messen und sich gegenseitig zu versichern, dass mensch „trotzdem“ etwas zu sagen hat. Ich profitiere von dem Mut, dem Humor und dem Wissen dieser Frauen* – dafür bin ich jetzt gerade, in dieser Situation dankbarer denn je (einen herzlichen Dank an dieser Stelle an die Zeitzeug_innen, die sich die Zeit genommen haben mit mir zu reden!).

Aus einem dieser Texte habe ich gelernt, dass die Probleme erst dann entstehen, wenn die Bürgerlichen dazu kommen – Forderungen, sich verständlich zu machen, in einer Sprache zu reden, die sie verstehen, die eigenen Empowermentstrategien offen zu legen, kurz: Für die Bürgerlichen transparent, nachvollziehbar und bequem zu sein. Im gleichen Text schreiben die Protagonist_innen (aus dem Kopf zitiert):

„Wir wollen gar nicht so sein wie ihr, wir finden uns nämlich untereinander ganz prima.“

Damit haben sie verdammt recht.

„(…) Klassismus wird ebenso aufrecht erhalten durch ein Glaubenssystem, in dem Menschen aufgrund ihres ökonomischen Status, ihrer Kinderzahl, ihres Jobs, ihres Bildungsniveaus hierachisiert werden. (…) Es ist eine Art und Weise, Menschen klein zu halten – damit ist gemeint, dass Menschen aus der höheren Klasse und reiche Menschen definieren, was “normal” oder “akzeptiert” ist (…).“
(Handbook of Nonviolent Action)4

Die ersten Anti-Klassist_innen

Die „Anti-Klassist_innen der ersten Stunde“ … das war nicht Bourdieu, das waren Arbeiter*innen, die bis heute unsichtbar gemacht werden. Ich vermute, Bourdieu bleibt bis heute nur deshalb sichtbar, weil er sich innerhalb der bürgerlich anerkannten Diskursart bewegte. Ja, er ist ein Betroffener. Dennoch: wenn Bürgerliche ihn verwenden, um Klassismus auszuüben, ist das ein perfides Mittel des Silencing.

„Es gibt schon sehr lange anti-klassistische Bewegungen und Sprecher_innen und das Thema füllt ganze Bibliotheken in den Sozialwissenschaften.“

An dieser Stelle muss eins sich fragen, wie Wissensschreibung funktioniert und welches Wissen „übrig“ bleibt und dass der_die „Wissens“-Transporteur_in es durch eine privilegierte Position schafft und geschafft hat, dass seine Theorien überhaupt in Wissenschaft Einzug halten. Hinzu kommt, dass anti-klassistische Praxen vor allem und nicht nur im Wissenschafts-Kontext stattfinden und stattgefunden haben, jene Stimmen aber – wie ClaraRosa ja oben auch schreibt – weitgehend ignoriert und gesilenct werden und wurden.

Keine der Autor_innen wird bestreiten (und hat bestritten), dass anti-klassistische Bewegungen bereits existieren und existiert haben, nur lässt sich nicht ausblenden, dass diese Bewegungen in linken Polit-Gruppen und der queer-feministischen (Netz-)Szene quasi konsequenz-los bleiben bzw. ein Bewusstsein wenig „sichtbar“ ist.

Es ist außerdem schwierig, die erschienenen biografischen Artikel aus dem Kontext der netz-feministischen Blogosphäre und der queer-feministischen Szene zu heben, wo anti-klassistische Interventionen de facto Mangelware sind. Es gibt also einen Riesenunterschied zwischen der Verfügbarkeit anti-klassistischer Positionen im gesamt-gesellschaftlichen (bzw. akademischen) und der im queer-feministischen Zusammenhang und linken/autonomen Polit-Gruppen, wo ja ein Defizit an Awareness bzgl. Klasse/materieller Privilegien mehr als offensichtlich ist.

„Alle haben (also) das Wissen um soziale Schichten und Klassenhierarchien, aber dennoch wird dieses Wissen auch in der Frauen- und Lesbenbewegung, die sich als politisch, gesellschaftskritisch etc. versteht vielfach geleugnet. Vor allem dann, wenn es um Klassenunterschiede im eigenen Umfeld geht. Einige Frauen versuchen diesen Unterschieden und der Verantwortung für den Umgang mit den eigenen Privilegien dadurch zu entkommen, indem sie sich nach außen hin so geben, wie sie glauben als nicht zur Mittelschicht gehörend identifiziert zu werden. Auch sogenannte „Prolostereotype“ werden dabei ausgelebt: abgerissene Kleidung, kein sichtbarer Luxus, lässige Sprache (wie z.B. möglichst oft „Scheiße“ sagen, Schimpfwörter verwenden) etc. Meist handelt es sich hier lediglich um das Einnehmen einer Protesthaltung gegenüber den eigenen Eltern. Gleichzeitig wird aber ein klassistisches Bild von „Prolo“ transportiert, das zudem in üblicher Mittelschichtsmanier wieder zur Norm erhoben wird.

Ilona Bubeck beobachtet dieses Phänomen besonders in radikalfeministischen und „autonomen Zusammenhängen“. Sie stellt fest: „Durch die Ablehnung von materiellem Luxus werden zum Beispiel Unterschiede untereinender weggewischt und gleichzeitig die zu anderen Frauen verdeutlicht. Frauen aus der Arbeiterklasse, denen verarmtes Aussehen verhaßt ist, wird ihre gute Kleidung zum Vorwurf gemacht, während Secondhand-Klamotten schon als politische Überzeugung gelten. Mitelschichtsfrauen können sich entscheiden ‚arm‘ zu sein, was in der Regel heißt, sich in bestimmter Weise zu kleiden, kaum Luxusartikel zu besitzen und lange Jahre zu studieren, statt abhängig zu arbeiten. (…) Gerade diejenigen, die sich vom bürgerlichen Elternhaus abgrenzen wollen, werfen den anderen ‚Bürgerlichkeit‘ vor. Freigewählte Armut läßt sich leicht leben – die Erbschaft im Hintergrund als Sicherheit wird vor sich selbst und den anderen verheimlicht.“

So werden „zwei Fliegen auf einen Schlag erledigt“: Die eigene Verantwortung wird durch das scheinbare Distanzieren zur eigenen Mittelschichtsherkunft abgeschoben und gleichzeitig wird die eigene politische und moralische Überlegenheit in Form von „politischer Radikalität“ wieder neu gefestigt. Die eigenen Privilegien können in dieser Weise heimlich weiter genutzt, nach außen der Schein von „nicht-bürgerlich“ erweckt und gerade deshalb der Ton wieder angegeben werden: Eine ziemlich praktische Lösung. Mit Anti-Klassismus hat es aber nichts zu tun.“
(Michi Ebner)5

Ein weiterer Punkt ist, dass nicht alle Menschen Zugang zu akademischen Wissen haben, weswegen mit dem Hinweis auf genau dieses „anerkannte“ Wissen, Bildungsprivilegien eingesetzt werden mit dem Ziel, der Person zu vermitteln, dass sie sich doch bitte mal nicht so wichtig nehmen soll. Was ist das dann bitte anderes als klassistische Machtausübung?

Juchu, es geht wieder nur um Sprache, the same procedure as last year, oder?

Apropos Zugang, weil gerade mal wieder angefangen wird, die Debatte auf die Sprachebene zu derailen. Und weil unsere Kritik darauf reduziert wird, als hätten wir uns an der Sprache gestört, anstatt mal den Kontext zu beleuchten, in dem bürgerliches Wissen (= wissenschaftlich/objektiv/neutral/..) auf Erfahrenenwissen (= nicht-wissenschaftlich/subjektiv/persönlich/..) geschüttet wird und das ganz ekelhaftes Silencing ist.

Also Rücklauftaste, und ab von vorne:

Nein, Poverty/Working-Class-Menschen sind nicht per se d*mm, sie sind auch nicht per se ungebildet. Auch sind nicht alle Middle/Upper-Class-Menschen schlau und wissen ’ne Menge.

Stop-Taste. Null neue Erkenntnis.

Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, wer das behauptet hat. Nur wer mir jetzt ernsthaft weis machen möchte, dass Intelligenz – ähm sorry, das ist ja die allumfassende „Ability“ – alleine ausreicht, um „Schwurbelsprache“ [hey, ich mag das Wort] zu verstehen oder zu studieren oder gar „aufzusteigen“ (gütiger Himmel), der_die hat da irgendwas nicht richtig verstanden.

Bürgerliches Wissen (also known as T.H.E.O.R.I.E !!!!) zu verstehen, ist keine reine Sache des Intellekts. Es ist eine Frage, wie selbstverständlich eins Zugang zu Bildung hat, eine Frage des Settings (Milieu, ups, sorry), in dem du aufwächst. Eine Frage der Sprach- und Szene-Codes. Es ist eine Frage der kulturellen Barierren. Und Geld – huch – spielt auch ’ne Rolle. Komisch, nicht? (Aber gott sei Dank sind wir jetzt auf der rein materiellen Ebene angekommen). Eine Frage der Übung, der Routine, der Geduld, Zeit.

Let’s face it: Es ist ein Handwerk. Es ist eine Frage dessen, ob du und inwieweit du dich für „Schwurbelkram“, der dich interessiert, oder Kultuuuuuur rechtfertigen musst. Nicht, weil das Umfeld, in dem du groß wirst, gemein oder d*mm ist, sondern, weil das Zeug z. B. einfach nie eine Rolle spielt/e oder der kulturelle und sozio-ökonomische Zugang versperrt ist. Ach so, das gehört ja nicht zu Klassismus, pardon. „Fehlende Ability“ oder „D*mmheit“, nicht wahr? Und wenn eins nicht d*mm ist und trotzdem keine Theorie versteht, dann ist das einfach Faulheit! Törööööö! [Faules Arbeiterpack aber auch! Ach von wegen klassistische Stereotype, nicht wahr? „Leistet doch endlich mal was!“, schonmal gehört, nicht?].

„Für meine Arbeit spreche ich zwei Sprachen: eine, die ich für meine Community und Familie benutze und die andere, um mit Mittelklasse-Leuten zu kommunizieren. Bedauerlicherweise wurde meine erste Sprache nicht als “ebenbürtig” angesehen. Ich musste “Zweisprachig” werden, um in der Mittelklasse-Welt akzeptiert zu werden. Wenn ich so rede, wie es mir am leichtesten fällt, beurteilen mich Leute als unintelligent, oder zumindest undeutlich. Diese Beurteilungen akzeptiere ich nicht mehr.“
(Linda Stout)6

Und hey, sollen wir euch mal was sagen: Wir haben eure Texte verstanden, krass, oder? Nur grenzen wir uns von neo-liberalistischen Argumentations-Strukturen wie „jede_r kann alles schaffen, wenn sie_er nur will (und schlau genug ist)“ genauso ab wie von weiteren Derailing-Strategien á la Klassenverrat und … we proudly present:

Das Tone-Argument *gähn*

Merkwürdig, dass das immer noch erwähnt werden muss … Es sollte in der feministischen Szene abgefrühstückt sein, dass das Tone Argument a) eine Derailing-Strategie deluxe b) eine Silencing Methode und c) per se klassistisch ist. Kämpfe wurden noch nie mit freundlichen Worten gefochten. Wenn euch der Ton nicht passt, mit dem Menschen auf ihre Probleme aufmerksam machen (weil sie ansonsten nicht gehört werden) oder damit kontert, doch nochmal zu überlegen, wie eins da grad was gesagt hat … hey, kommt damit klar. Wir tun das auch ;-) Und wenn ihr euch dadurch ausgeladen fühlt: Herzlich Willkommen in unserer Welt! Ihr wisst nun, wie wir uns fühlen.

Ihr denkt alle Rassismus nicht mit/ Ihr seid alle weiß

Mitunter klangen Texte so, als ob hier weiße Antiklassist*innen gegenüber nichtweißen Akademiker*innen stehen und unsere Aussagen nicht die Verschränktheit von Herrschaftsformen mitdenken. Mich nervt dass ich und andere mal gleich wegradiert werden dabei. Im Gegenteil sind gerade rassistisch Betroffene in diesem System Teil der Klassenausbeutung. Dass dann verschiedene Strategien einander gegenüber stehen; zB die nichtweiße Akademikerin gerade deshalb auf eine gewisse Sprache wert legt, weil ihr von Deutschen immer wieder gesagt wurde, dass sie schlecht Deutsch spräche – das ist wichtig mitzureflektieren. Aber es geht für mich als Woman* of Color, die von Klassismus betroffen ist nicht auf, dass dann meine Schwestern mich ausklammern und so tun, als sei dieses Antiklassismus-Ding reine Weißensache.

Wer war zuerst da? – Henne oder Ei. Oder auch die Sache mit dem Anti-Kapitalismus

Dieser Aspekt der Debatte hat uns zugegebenermaßen irritiert, an manchen Stellen aber auch amüsiert, nämlich dort, wo Klassenkampf mit Charity verwechselt wurde (obwohl: wir lieben Süßigkeiten eigentlich ;-) ). Der Vorwurf aus dieser Ecke lautete wohl sinngemäß, dass durch anti-klassistische Interventionen kapitalistische Strukturen (re)produziert und perpetuiert werden. Also, dass wir quasi Anti-Anti-Klassismus machen, oder so ähnlich. Und Marx, ganz viel Marx. Und jetzt Überraschung: Diese und ähnlich geartete Vorwürfe sind uns ganz und garnicht neu und eine Menge toller Menschen haben dazu schon Fantastisches geschrieben (ok, ok, wir wissen nicht, ob z. B. Broschüren wie „Mit geballter Faust in der Tasche“ oder die Texte von Rita Mae Brown als legitimes Wissen anerkannt sind, aber das ist uns auch egal), weswegen wir das nicht selbst tun müssen und wollen:

„Die Unsicherheit der Mittelklasse-Linken drückt sich oft genug darin aus, ArbeiterInnen mit Dampfwalzen von Marx-Zitaten zu überfahren.“
(Kakan Hermansson)7

„Klasse bedeutet weit mehr als die marxistische Definition von Beziehungen im Spiegel der Produktionsverhältnisse. Klasse schließt dein Verhalten, und deine fundamentalen Überzeugungen mit ein; wie du gelernt hast, dich zu verhalten; was du von dir und anderen erwarten darfst; deine Idee von der Zukunft, wie du Probleme verstehst und löst; wie du denkst, fühlst, handelst.“
(Rita Mae Brown)2

Und zuletzt ein Zitat von Samia, wiederverlinkt bei Distelfliege hier:

„Klassismus in revolutionären Gruppen verhindert eine breitere Organisierung. Internalisierter Klassismus verhindert Klassenbewusstsein. Klassismus (innen wie außen) raubt Kraft, die man sonst in den Kampf oder auch in ein schönes Hobby stecken könnte. Und auch wenns dir eh am Arsch vorbeigeht, Klassismus tut weh.“

Chwesta, ClaraRosa, Marlen_e, Samia, Bäumchen



Übersetzungen

  • Let’s face it

    Englisch-sprachige Redewendung, die singemäß bedeutet: „Seien wir doch ehrlich!“ oder „Machen wir uns doch nichts vor!“

  • We proudly present

    Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: wir präsentieren stolz

  • the same procedere as last year

    Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: das gleiche Prozedere (= Vorgehen) wie letztes Jahr



Begriffserklärungen

  • Distinktion

    In der Soziologie wird der Begriff der „Distinktion“ verwendet, um die mehr oder weniger bewusste Abgrenzung von Angehörigen bestimmter sozialer Gruppierungen (z. B. Religionsgemeinschaften, Klassen, aber auch kleinere Einheiten wie etwa Jugendkulturen) zu bezeichnen.

    Quelle: Wikipedia

  • perpetuieren = aufrechterhalten, Perpetuierung

    Als Perpetuierung (lat.: perpetuitas = Fortdauer, Stetigkeit, Zusammenhang) wird die Aufrechterhaltung und Fortdauer einer Situation oder eines faktischen (physikalischen und/oder chemischen), sozialen, emotionalen oder rechtlichen Zustands bezeichnet. […]

    Quelle: Wikipedia



Quellen

1 Donna Langston: „Tired of Playing Monopoly?“ in “Readings for Diversity and Social Justice: An Anthology on Racism, Sexism, Anti-Semitism, Heterosexism, Classism, and Ableism“, Herausgeber_innen: Maurianne Adams et al.
2 Rita Mae Brown: „The Last Straw“, zitiert in „Klassismus – Eine Einführung“, Heike Weinbach, Andreas Kemper
3 Gitti, Linda, Erna, Gabi: „Prololesben“ in „Dokumentation der 2. und 3. Berliner Lesbenwoche 1986 und 1987″, Herausgeber_innen: Monika Burgmüller, Sabine Probst, Evamaria Schmidt
4 Handbook Of Nonviolent Action, zitiert in „Klassismus – Eine Einführung“, Heike Weinbach, Andreas Kemper
5 Michi Ebner: „Unscheinbare Grenzlinien – Klassismus in der Frauen- und Lesbenbewegung“ in „Entscheidend Einschneidend – Mit Gewalt in feministischen und lesbischen Zusammenhängen umgehen“, Herausgeber_innen: Michi Ebner, Claudi Coutre, Maria Newald, et al.
6 Linda Stout: „Bridging the Class Divide“
7 Kakan Hermansson: „Die Verachtung der Mittelklasse hat mich zu dem gemacht, was ich bin“ in „Mit geballter Faust in der Tasche“ – Klassenkonflikte in der Linken, Debatten aus Schweden, Herausgeber_in: Gabriel Kuhn, Broschüre