3 Jahre Class Matters

Ja – auch wenn ich meinen Bloggeburtstag konsequent verpasse fiel mir heute auf, dass es Class Matters jetzt 3 Jahre gibt. Zeit für ein kleines Resümee.

Die Beitragsfrequenz ist seit es die facebook-Seite gibt deutlich zurück gegangen – das hat nicht nur was mit Schreibfaulheit zu tun, sondern auch mit dem einfachen Fakt, dass ich mich gern verstecke. Hinter anderen Blogs, Links und Texten, die nicht von mir sind. Ist weniger Angriffsfläche, lässt sich zwischen Morgenkaffee und Arbeitsbeginn in die Bahnfahrt pressen und kostet mich weniger Kraft. Deshalb hab ich heimlich, still und leise auch eine Seite mit Zitaten hier eingerichtet, wo ich die Dinge, die ich bei facebook zitiere, auch hier poste. Es wird ein ungeordnetes Sammelsurium bleiben – eine kleine Empowerment-Fundgrube. :)

Da Class Matters ein Solo-Projekt ist, deale ich mit den Begleiterscheinungen dieses Blogs auch weitestgehend alleine. Die Reaktionen auf Class Matters sind unterschiedlich – sie reichen von enthusiastischem Zuspruch über paternalisierenden Spott bis hin zum Vorwurf die Konterrevolution in Persona zu sein. Und alles dazwischen. Als Zuspruch getarnten Paternalismus gibt es auch.

Da „Class Matters“ in erster Linie ein Empowerment-Projekt sein soll und ich meine Kraft dafür brauche, antworte ich auf den meisten Schmarrn, der sich unter dem Label „Klassismus“ zurechtphantasiert wird nicht. Auch wenn mich der Vorwurf, dass ich nur möchte, dass alle „nett zu den Armen“ sind, lange beschäftigt hat. Wie um alles in der Welt kann die Forderung danach, die Menschen, die am negativsten von den Auswirkungen von Kapitalismus betroffen sind, in Sprechpositionen bringen zu wollen und die, die eh die ganze Zeit reden zu bitten mal zuzuhören, dazu führen, dass Menschen sich aufführen, als würde ihnen der Revolutions-Definitions-Lolli weggenommen werden? Wie gesagt: Ich diskutiere da(s) nicht. Das ist nicht meine Bühne und auch nicht der Ort, wo ich meine politische Kraft verpulvern will. Vielleicht nach der Revolution mal schauen.

Da ich ja ab und zu ein Buch lese, damit mir nicht vorgeworfen werden kann, ich würde mir hier alles aus den Fingern saugen, sei an der Stelle auf Nancy Fraser und die Debatte um Umverteilung und Anerkennung verwiesen. Falls ich mich hier nicht klar genug ausdrücken sollte: So in etwa ist das gemeint. Nicht als gegeneinander-denken, sondern zusammen.

Ich hab mit 2 Jobs und einer daraus resultierenden 45-Stunden-Woche herzlich wenig Zeit, mich über Giftspritzerei zu ärgern und stundenlang am Rechner rumzuargumentieren. Eine tolle Person aus meinem Umfeld sagte mal: Wenn ich in eine gewaltvolle Situation gerate (und die meisten Internetdebatten sind gewaltvoll), dann gehe ich weg. Wenn es geht. Meine Freund_innen heißen deshalb hier: „ignore“, „delete“ und „block“.

Ich habe keinen Spaß daran, mich unbeliebt zu machen. Klassismus zu thematisieren, heißt auf Unverständnis zu stoßen, gegen Widerstands-Wände zu rennen und lächerlich gemacht zu werden – aber auch: Langsam eine kleine Community von Menschen kennen zu lernen, denen es ähnlich geht – und für die es wichtig ist sich auszutauschen.

Für diese kleine Community wird es Class Matters noch weiter geben. Wahrscheinlich noch mal 3 Jahre. Oder mehr.

Und zum Geburtstag schenk ich mir eine deaktivierte Kommentarfunktion.

Happy Birthday to me!

Wir haben doch alle kein… oder?

Nach langer Zeit mal wieder mein Senf in Comicform. Viel Spaß.

Kein_Geld_1

Kein_Geld_2

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Kein Geld? von Clara Rosa ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Hömma zu.

oder: Vielleicht kann mich datt ja ma wer verklickern wie dat mit die kwiere kommjunity funzen soll, wenn die datt nich ma richtich hinkrijen sich jejenseitich zuzuhöan, ohne dat die nen Lachkrampf kriejen wenn datt nich irjendwie na Uni klingt.

Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Mein Dialekt ist Platt. Ruhrplatt. Oder: Mein Dialekt WAR Ruhrplatt.

Mit dem Erwerb einer so genannten „höheren Bildung“ habe ich mir diesen Dialekt abtrainiert. Nicht bewusst – niemand kam daher und hat mir gesagt, dass ich so nicht sprechen soll. Es war einfach klar, dass eine gebildete Person „Hochdeutsch“ spricht. „Hochdeutsch“ = gebildet, „Plattdeutsch“ = ungebildet. Das sind einfache Gleichungen, die nicht über Ge- und Verbote organisiert werden, die Regeln sind unausgesprochen.

Oder um das noch mal in Unisprache zu zitieren (ich geb mir ja Mühe mich für alle verständlich zu machen):

„Erlangt eine besondere Sprache oder Kultur Allgemeinheit, hat dies zur Folge, daß alle anderen in die Besonderheit zurückverwiesen werden, und leistet außerdem, da die Verallgemeinerung des Zugangs zu den Mitteln einhergeht, ihnen zu genügen, der Monopolisierung des Allgemeinen durch einige wenige und der Enteignung aller anderen Vorschub, die damit in gewisser Weise in ihrem Menschsein versehrt sind.“ (Bourdieu)

In der Uni Ruhrplatt zu sprechen wäre für mich undenkbar gewesen. Ich war viel zu sehr darum bemüht, so „intelligent“ und „gebildet“ – sprich mit einer Menge an Daten und Wissen, die als wissens- und anerkennenswert gelten, ausgestattet – zu erscheinen, wie meine Kommiliton_innen. Viele der WorkingClass/PovertyClass-Studierenden, mit denen ich spreche, haben in der Uni das Gefühl, ständig zu „faken“, am falschen Platz zu sein und irgendwann „enttarnt“ zu werden. Sich dann noch mit einem Dialekt zu entblößen käme für die meisten nicht in Frage.

Eine der häufigsten Reaktionen auf meinen Dialekt ist: Lachen. Unabhängig vom Thema. Irgendwann entgleist meinen Gegenübern immer das Gesicht, wenn sie Platt hören. Sie „meinen das dann nicht böse“ – können sich aber vor lauter Amüsement nicht mehr auf das Gesagte konzentrieren. Bei einer Spoken-Word-Show zu einem völlig anderen Thema sprach eine der Personen kölschen Dialekt. Völlig unvermittelt. In einem Stück, dass sich mit Genderthemen befasste. Großer Lacher. Nun wäre ich eine der letzten Personen, die sich darüber beschweren würde, dass gelacht wird – ich würde mir sogar wünschen, dass öfter, lauter und herzlicher gelacht würde – aber in diesen Situationen geht der gefühlte Witz am Respekt vorbei und ist schlicht nicht lustig.

Ich beziehe mich ja oft und gern auf den Mikrokosmos der queeren Szene in Berlin, der m.E. von vorne bis hinten durchakademisiert ist und die habituellen Gepflogenheiten aus der Uni in die vermeintlich „alternativen“ Räume mit der gleichen Brutalität, Arroganz und Ignoranz hereingetragen werden wie in Seminarräume. Meinem direkten sozialen Umfeld hab ich mittlerweile vermitteln können, das es verletzend und respektlos ist, wegen eines Dialekts die Inhalte von Gesagtem nicht mehr wahr zu nehmen. Wäre schön wenn es auch noch beim Rest ankommt.

Intervention am DT

Nach einigen Monaten (hui… das is ja nu wirklich lange her, dass hier was passiert ist) eine kleine Zwischenmeldung von einer Intervention am Deutschen Theater in Berlin, wo eine „Fachtagung mit dem Titel „MIND THE GAP! – Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten und Konzeptionen niedrigschwelliger Kulturvermittlung“ “ stattfindet – allerdings ohne diejenigen angeblich „Hochkulturfernen“ einzuladen, über die dort gesprochen werden soll…

Schaut´s Euch an:

http://mindthetrapberlin.wordpress.com/

Liebe Wendy,

ich habe Dich gestern gesehen. Nicht zum ersten mal, aber zum ersten mal in einem Raum mit vielen Leuten. Und alle haben über Dich gelacht.
Nicht dass Du das bemerkt hättest – sie sollten ja über Dich lachen. Du warst das Klischee der Arbeiter_innenklassenfrau. Deine Schminke: grell. Deine Kleidung: billig, bunt, sexualisiert. Dein Auto: alt. Dein Verlangen: zugellös. Deine Femininität: überzeichnet, dein Name: mit Vorurteilen belegt. Du warst eine Karikatur. Und Du hast funktioniert.
Nachdem sich das Lachen gelegt hatte und Du von der Leinwand verschwunden warst wurdest Du imitiert. Du warst der perfekte Zerrspiegel für das, was ein_e Queerfeminist_in offenbar nicht zu sein hat. Deine Gesten, Dein Aussehen, Deine Bewegungen, Deine Sprache – ganz einfach Du: Unerwünscht, lächerlich gemacht, entwertet, eine Oberfläche.
Aber Wendy – Dir kann das egal sein.
Denn Du bist wunderbar. Und schlau. Und Du hast ein großes Herz. Du nimmst Dir was Du brauchst – und Du findest Wege es zu bekommen. Du trittst lautstark für Dich ein und lässt Dir nichts gefallen.
Den Macker, den Dir die Drehbuchautor_innen zur Seite gestellt haben, hast Du durchschaut und Du weist genau, wie Du mit ihm umgehen willst.
Und – obwohl Deine Affäre Randy mit Dir Schluss macht und Dir eine reiche, klassische Musik hörende, ein fettes Auto fahrende Upperclass-Lady als neue Freundin vorhält bist Du sofort da, als die beiden in Schwierigkeiten geraten. Du klaust Geld von Deinem Mann, Du nimmst das Risiko in Kauf erwischt zu werden, um ihnen das Geld auch noch vorbei zu bringen – und vor allen Dingen fragst Du nicht, warum die neue, reiche Freundin nicht ihre protzige Karre verkauft oder ob sie nicht viel mehr Kohle zur Verfügung hat als Du.
Denn das gibt es in Deiner sozialen Welt nicht: Sich raus zu halten, wenn Deine Freund_innen in der Klemme sitzen. Oder daran zweifeln, dass Deine Hilfe jetzt gerade benötigt wird. Du bist einfach da. Ohne große Fragen. Ohne Vorwürfe. Ohne moralische Vorhaltungen.
Ich wäre gern mit Dir befreundet. Und ich würde das gern von Dir fern halten – das Lachen. Die Überheblichkeit. Das von-Dir-abgrenzen-müssen. Aber das ist eher mein Problem.
Denn Du würdest das alles wahrscheinlich gar nicht beachten oder Dich darüber aufregen. Wahrscheinlich würdest Du Dir schulterzuckend Deinen Lippenstift nachziehen, eine Grimasse schneiden, auf Deinen 8 Zentimeter High Heels in Dein Auto steigen und die ganze Bande in der von Dir aufgewirbelten Staubwolke stehen lassen.

Dafür – liebe Wendy – liebe ich Dich um so mehr.

Deine
ClaraRosa

P.S.: Wenn Ihr Wendy kennenlernen wollt – schaut „The incredibly true adventures of two girls in love“. Am besten mit Leuten, die Wendy auch lieben würden. Sonst ist es sehr unangenehm – kann ich jetzt aus eigener Erfahrung sagen