Geige spielen mit Cheyenne

Es gibt gerade einen Post auf facebook, in dem die verschiedenen Berliner Bezirke in Ihren – angenommenen – Weihnachtsgebräuchlichkeiten auf die Schippe genommen werden. Kreuzberg wird zum Beispiel das „cosy x-mas dinner with friends“ zugeordnet, Friedrichshain das „erst mal Geschenke holen“ und so weiter. Wedding bekommt „Döner holen“ (!?) und Marzahn: Zoff mit Cheyenne. Cheyenne – wie: Cindy, Mandy, Justin oder Kevin. Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass Namen ein Stigma sein können, das einem Zuschreibungen wie „verhaltensauffällig“ und „weniger leistungsfähig“ einhandeln können (die Studie, die das belegt könnt Ihr selber googlen. Kein Bock gerade).
Dass es sich nicht schickt und irgendwie nicht politisch korrekt ist, sich offen über Namen lustig zu machen, die „nicht-deutsch“ klingen ist bei den meisten meiner bürgerlich-linken Freund*innen mittlerweile angekommen. Geht es aber um „Chantal“, „Kevin“, „Justin“, „Cindy“ oder eben „Cheyenne“ – dann gibt es kein halten. Alleine die Namen auszusprechen, am liebsten mit einem möglichst dümmlichen Gesichtsausdruck und lang gezogenen Vokalen („Keeeeviiiin“) kann in der entsprechenden linken Wohlfühl-WG Lachsalven und gesteigerte Heiterkeit auslösen – vielleicht ein bisschen hinter vorgehaltener Hand – weil eigentlich ist einem ja bewusst, dass das gerade ein wenig fies ist, aber da man statistisch sicher gehen kann, dass keines dieser bildungsfernen Blagen im Raum ist oder mitliest… da kann man untereinander schon mal einen vom Stapel lassen. Ist ja nicht so gemeint – wie immer, wenn der Stock im Arsch kurz raus gezogen wird, um damit nach unten zu schlagen.
Natürlich haben die Prolos in Marzahn dann auch noch Zoff, weil: was sollen die schon anderes machen an Weihnachten, als sich gegenseitig auf´s Maul zu hauen und sich anzuschreien. Ich hab gerade nicht den Nerv, das für Euch auseinander zu nehmen. Könnt Ihr auch nachlesen. Zum Beispiel in Owen Jones` „Chavs – the demonization of the Working Class“. Ihr seid doch so schlau. So viel schlauer als Cheyenne.
Ich hab keine Geduld für versöhnliche Worte, das ist ein anger-post, für den ich mich nicht entschuldigen will. So wenig wie für das nicht-mitlachen, das party-poopen und die Spaßbremse-sein. Ich geh jetzt Geige spielen mit Cheyenne.

Nächste Runde

naechste_runde

#MachMaPlatzMädchenUndStellEndlichDieSystemfrage #DasSeinBestimmtDasBewusstsein #IchUndKalleWirSindBuddies #ClassMatters #DasPrivateIstImmerNochPolitisch

So klücklich! Ein unfertiger Text zum Aufstiegsmythos.

Anschließend an den letzten Text, bei dem es um Careleaver ging, soll es in diesem Text um ein nicht neues – aber immer stärker werdendes Phänomen gehen: Die Idealisierung von so genannten „Bildungsaufstiegen“. Um nicht falsch verstanden zu werden: Zugang zu formeller Bildung zu bekommen ist nichts schlechtes. Was ich wirklich problematisch finde ist die Tendenz einen Aufsteiger_innenmythos zu kreieren, der sagt: Jede_r kann es schaffen! Auch Du!

Ob „Arbeiterkind“, „First Generation“ – oder der neueste Clou für Heimkinder: „Klückskind“ – sie alle zielen auf den „Aufstieg“ nach „oben“. Du musst nur Dein Image ändern – den vermeintlichen Makel als verwertbare Ressource präsentieren, dann klappt das schon! Auch Du kannst erste_r sein!

Wer den Bildungstrichter kennt, der wird wissen, dass nur ein Bruchteil der Studierenden einer so genannten „niedrigen sozialen Herkunft“ zugeordnet werden kann. Hierbei wird als Maßstab die formelle Bildung der Eltern – und nicht die ökonomischen Ressourcen angelegt. Primärstufenlehrer_innen sprechen herkunftsklassenbezogene Empfehlungen aus – bei gleicher Leistung werden Akademiker_innenkinder eher für das Gymnasium empfohlen. Und Akademiker_inneneltern schicken ihre Kinder auch bei einer gegenteiligen Empfehlung auf´s Gymnasium, während WorkingClass/PovertyClass-Familien auch bei einer Gymnasialempfehlung zögern ihre Kinder dort hin zu schicken (siehe hier).

Ein weiterer Punkt ist Bildungsfinanzierung: Wer denkt, dass BAFöG eine tolle Möglichkeit ist, den gewünschten Studienabschluss zu bekommen, halte sich bitte kurz vor Augen, dass es einen Riesenunterschied macht, von den Eltern finanziert zu werden und nach dem Studium schuldenfrei zu sein – oder sich direkt danach überlegen zu dürfen, wie man die Kohle zurück zahlen will. Wer jetzt die Idee hat, dass es doch Stipendien gibt: Macht Euch mal den Spaß, bei den Stiftungen nachzuhaken, wie die Verteilung der sozialen Herkunft bei ihren Stipendiat_innen ist. (Ich verrat Euch schon mal: Grund für Optimismus ist das nicht!).

Es gibt also einige – nicht unerhebliche – strukturelle Faktoren, die dafür sorgen, dass kräftig ausgesiebt wird. Die Studien, die ich kenne beziehen sich auf „soziale Herkunft“ und ich möchte wetten, dass eine Studie, die Mehrfachdiskriminierungen und die damit einhergehenden Verstärkungen von Ausschlüssen mitdenken würde, zu noch schärferen Ergebnissen kommen würde.

Zurück zu den Aktivierungsprogrammen. Die wenigsten dort aktiven Menschen bezeichnen sich als „politisch“. Politisch ist „pfui“, Kritik an bestehenden Strukturen ist kontra-produktiv (!), wer sich beschwert stört den Aufstieg auf der engen Sprossenleiter und den geplanten Ablauf. In den Programmen und Events, die ich mir so angetan habe, wurde Kritik am Aufstiegsmythos keinen Raum gegeben. Daran erinnert werden, wo wir her kamen und wen wir auf der Strecke gelassen haben wollte keine_r. Und vor allem nicht dabei gestört werden, wie sich Scheiße schön reden lässt.

Das „Klückskinder“-Programm hat mich dabei zuletzt am meisten schockiert. Hier sollen Heimkinder eben solche Heimkinder vorgesetzt bekommen, die es „geschafft“ haben. Ich schäme mich selten. Aber diese Idee friert mir das Herz zu. Im Leben nicht werde ich mich vor eine Gruppe von mir nicht bekannten Heimkindern setzen, die alle ihre Pakete und Päckchen zu tragen haben und ihnen erzählen, dass auch sie es „schaffen“ können. Wenn sie es nur stark genug wollen. Wobei ich wahrscheinlich gar nicht durch´s Casting käme: Als Leistungs-Vorbild tauge ich nicht wirklich, mein Lebenslauf ist so krumm, dass man darin locker ein paar Runden Achterbahn fahren kann und erzählen kann ich eher von Entfremdung, alleine-sein, unsichtbaren Wänden und Schrammen, die ich mir geholt habe.

Ich bin wieder bei dem Beitrag von Lemn Sissay – was diese Kids und Teens brauchen ist erst mal was anderes, als noch mehr Anforderungen, noch mehr Druck und noch mehr Erwartungshaltung. Ganz irgendwo verstehe ich, dass es einen Bedarf gibt, beweisen zu wollen ,dass wir nicht „dumm“ oder „faul“ sind – aber ich möchte nicht auf eine derart unsolidarische Art gegen meine Leute ausgespielt werden.

***Dank an Bäumchen für den Hinweis auf Klückskind***

Staatskinder

An der einen oder anderen Stelle habe ich ja schon mal erwähnt, dass ich einen nicht unerheblichen Teil meiner Jugend in einem Heim verbracht habe. Das gehört zu den Dingen, die ich in Alltagsgesprächen gern auslasse (siehe hier warum). Ein Vortrag von Lemn Sissay „A child of the state“ („Ein Kind des Staates“) lässt mich nun aber seit einigen Wochen nicht mehr los. Viele der Dinge, die er sagt treffen mich direkt ins Herz.

18 Jahre hat er in „Care“ (ich benutze den Begriff als umfassenden Begriff für alle möglichen Formen der Jugendhilfe, von Heimunterbringungen über Pflegefamilien bis hin zu betreutem Einzelwohnen) verbracht. „I´m reporting back“ — sagt er. „Ich erstatte Bericht“, wie er das Care-System sieht. Seiner Auffassung nach tritt der Staat an Stelle der Familie, als Fürsorgetragender. Er beschreibt Kinder im Care-System als Kinder, die besondere Fürsorge brauchen, die es verdient haben – gerade wegen der besonderen Verletzbarkeit, der sie ausgesetzt sind – in dem Moment, in dem sie in das System kommen sicher zu sein, sich sicher und geliebt zu fühlen – und nicht wie eine besondere Bedrohung. Lemn Sissay schlägt vor, Kinder in Care so zu behandeln, als wären es unsere eigenen Kinder, das beste für sie zu fordern – die beste Ausbildung, die beste Therapie und die besten Möglichkeiten.

Wie viele Kinder in Care hat Lemn Sissay den Satz „You are a great survivor“ („Du bist ein großartiger Überlebender“) bis zum Erbrechen gehört. Er erwidert darauf: „Ich möchte nicht überleben – ich möchte leben!“. Am liebsten würde ich hier den ganzen Text transkribieren und übersetzen, weil er so toll ist. Das Care-System umwerfen will er, die Perspektive auf Heim-/Pflegekinder verändern – von bemitleidendem von oben herab zu einer Kultur des Respekts. „Diese Kinder sind Stars!“ sagt er. Auch wenn – oder gerade wenn – sie ihr Trauma wegtreten, wüten, schreien und boxen.

Realitätscheck: In den meisten Fällen ist das nicht so. Als Kind in das Care-System geworfen zu werden kann eine Reihe von weiteren Traumatisierungen nach sich ziehen. Molly McGrath Tierney beschreibt in einem Vortrag das staatliche Wirtschaftssystem, das hinter Pflegefamilien steht und wie in vielen Fällen eine Kindesentnahme (ja, so heißt das) verhindert werden könnte, wenn auf die Probleme in der Herkunftsfamilie früher und anders regiert werden würde. Ich möchte keine Diskussion darüber führen, ob und wann es sinnvoll wäre, ein Kind aus der Familie zu nehmen – ich möchte aber den Punkt von Molly McGrath Tierney stärken, dass ein Umdenken weg von einer Pflegekinderindustrie die Zahl der Kindesentnahmen drastisch senken könnte.

Die Gratwanderung zwischen Lemn Sissay und Molly McGrath Tierney ist, dass Lemn Sissay ein Care-System vorschlägt, in dem Care-Gebende – Erzieher_innen, Sozialarbeiter_innen, Jungendamtmitarbeiter_innen – hemmungslos und grenzenlos parteilich und empathisch mit den Ihnen Anvertrauten Kindern und Jugendlichen sind, während Molly McGrath Tierney das Care-System am liebsten abschaffen – oder über einen Perspektivwechsel radikal verändern möchte.

Ich stimme beiden zu. Wenn es unbedingt notwendig erscheint, ein Kind aus seinem gewohnten Lebensumfeld heraus nehmen zu müssen, wenn alles versucht wurde, dieses Lebensumfeld zu unterstützen, ein sicheres Zuhause zu bieten- dann sollte dieses Kind – oder dieser Jugendliche – ein Umfeld vorfinden, das ihn mit offenen Armen empfängt. Spätestens dann sagt: Ab jetzt bist Du sicher! Lass uns mit Deinem Heilungsprozess beginnen! Wir sind für Dich da!

Was nach einer Kindesentnahme folgt, ist meistens ein herum-gereicht-werden von einer Institution in die nächste, von Notaufnahmen über Pflegefamilien/Heimgruppen bis zu Therapieeinrichtungen und Kliniken. In einem Twitter-Chat mit Bäumchen stellten wir fest, dass es Kinder und Jugendliche in unseren Heimen gab, die als besonders erziehungsbedürftig galten und die dann für immer aus unseren Einrichtungen verschwanden. In unserem Heim gab es ein Geschwistertrio, von denen alle in unterschiedliche Einrichtungen und Kliniken gebracht wurden, weil sie als „schwer erziehbar“ galten. „Schwer erziehbar“ war das Label, das es zu umgehen galt, wenn man nicht noch kontrollierter weggesperrt werden wollte. Gut im Heim zu funktionieren hieß, die eigenen Traumata möglichst unbemerkbar zu machen und nach außen stark zu wirken. (Damit wären wir wieder bei der dauernden Bewunderung für die „survivor“ – siehe oben, you get the Kreislauf…).

Im Care-System sein heißt auf vielen Ebenen stärker sein müssen, als es von anderen in Deiner Altersgruppe – oder überhaupt je von irgendjemandem – verlangt wird. Im Care-System sein heißt einen Platz zum leben für einen Bewilligungszeitraum zu bekommen, der weiter genehmigt werden muss. Dafür wird ein „Hilfeplan“ erstellt. In einem Hilfeplangespräch. Dort sitzt Du mit dem Jugendamt, deiner Erziehungsberechtigten Person (meistens Eltern), Bezugsbetreuern und gegebenenfalls noch einer Leitungsperson (also 3-4 Erwachsenen), die Hilfeplanziele entwickeln – Ziele, die so ins persönliche formuliert sind, dass Menschen ohne diesen Staatszugriff empört nach ihrer Privatsphäre schnappatmen würden. (Das mit der Privatsphäre hatte ich nicht gelernt – meistens waren wir Kinder aus Familien, auf die der Staat aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage schon Zugriff genommen hatte – Kinder aus armen Stadtvierteln oder Sozialhilfefamilien (Hartz IV gab es damals noch nicht). Du warst es gewohnt, dass Du Deine privatesten Gewohnheiten offen legen musstest, um Deine Grundbedürfnisse decken zu können).

Diese Verwirtschaftlichung vom sozialen Bereich, in dem zwischenmenschliche Arbeit messbar gemacht werden muss und hilfebedürftige Menschen zu Kunden werden, denen eine Dienstleistung angeboten wird, ist eine der unmenschlichsten Entwicklungen, die es gibt. Wenn Ziele zwischen Care-Gebenden und Jugendlichen nach dem SMART-Modell formuliert werden müssen, als ginge es hier um Projektmanagement.

Im Care-System heißt auch, dass Deine Hilfe mit 18 Jahren, oder auf von Dir selbst formulierten Antrag vielleicht ein paar Jahre darüber hinaus, endet. Dass Du Dich um Deine Finanzierung, Dein Wohnen, Deine Ausbildung selbst kümmern musst. (Schon mal eine Wohnung in dem Alter ohne Bürgen gesucht? Viel Glück! Oder eine Ausbildung, die bezahlt werden müsste? Eine (selbstverwaltete!) Schule in Berlin wollte mich trotz Offenlegung meiner „besonderen“ Situation (oder deswegen) nicht nehmen – das müsste dann die ganze Schule (inklusive Schüler_innen) gemeinsam in einer Abstimmung entscheiden, ob ich mein Abitur ohne Bürgen dort machen könnte..das würde ich ja sicher nicht wollen…Bonusfrage: Schon mal nen BAFöG-Antrag gestellt, wenn beide Eltern unbekannt oder unbekannt verzogen sind?) Kinder und Jugendliche aus armen Familien haben schon beschissene Startbedingungen – arm, ohne Eltern und als Careleaver verschlechtern sich Deine Chancen noch mal erheblich.

Zu meinem Glück gibt es Personen wie Lemn Sissay. Oder Bäumchen. Und es gibt sogar ein Careleaver-Netzwerk (von denen ich inständig hoffe, dass sie nicht wie Arbeiterkind in einem Leistungs-auch-Du-kannst-was-werden-Chakka verbleiben), die mir die Wut geben, diesen Text zu schreiben.

Lemn Sissay fordert sein Publikum dazu auf, sich vorzustellen, dass ihre eigenen Kinder, oder die Kinder ihrer Kinder, im Care-System landen – und sich davon ausgehend zu überlegen, welche Fürsorge sie sich für diese jungen Menschen wünschen. Das müsste der Maßstab für jegliche Care-Arbeit sein.

We are reporting back!

Und wir fordern, dass sich etwas ändert.

(Ergänzend sei Euch noch dieser Text ans Herz gelegt.)

Because – you know – it´s all about that space, ´bout that space….*

Ich habe in den letzten Wochen viel zu „manspreading“ gelesen – zu dem Phänomen, dass sich Männer* selbstverständlich öffentlichen Raum nehmen, also zum Beispiel in der voll besetzten Bahn gern mal 3 Sitzplätze mit einer Sporttaschengrätsche belegen. Das Problem: Weil sie es gewohnt sind Raum zu bekommen, fühlen sie sich auch berechtigt, diesen einzunehmen. In einem Video zum Phänomen versuchte eine Frau* den gleichen Raum einzunehmen, wie sie es bei Typen gesehen hatte, mit dem Ergebnis, dass sie sich bescheuert und angegafft vorkam – teilweise sogar gefilmt und fotografiert wurde. Das perfide: Sie war es nicht gewohnt, sich Raum zu nehmen, deshalb fühlte es sich für sie falsch und komisch an.

Was auch immer von solchen vereinfachten Videoexperimenten zu halten ist: Es bringt eine wichtige Sache auf den Punkt: Wer privilegiert ist, fühlt sich berechtigt, einen Raum einzunehmen, Privilegien zu nutzen und dass nicht mal zu bemerken. Auf Spiegelungen oder bewusst-machen wird mit Abwehr und Lächerlich-machen reagiert – und die, denen der Raum weggenommen wird fühlen sich nicht ausreichend berechtigt, ihn zurück zu nehmen. „Entitlement“ – sich berechtigt fühlen, ist gerade mein Lieblingsstichwort, um dieses Muster zu benennen.

Wer nimmt sich einen Raum mit Klassenprivilegien – und wie? Mein plastischstes Beispiel ist Sprache. Hier geht es mir nicht nur um die vermittelten Inhalte, sondern auch darum ,wie geredet werden darf, um gehört zu werden. Die Prololesben formulierten diese Problematik in einer Empowermentveranstaltung auf der Berliner Lesbenwoche 1987 (!!):

„Bürgerliche reden in der Öffentlichkeit, z.B. auf Lesbenveranstaltungen, in der Uni, etc., wir nicht. Bürgerliche reden lange und viel, oft in wohlformulierten Sätzen, sie bestimmen den Tonfall.
In Gruppen mit Bürgerlichen haben wir immer das Gefühl, etwas falsches zu sagen, nie den richtigen Tonfall zu treffen, immer ins Fettnäpfchen zu treten.
Wir beherrschen ihre Höflichkeitsformen nicht, sie finden uns befremdlich und lassen sich das auch anmerken.
Wenn wir schon mal sagen, dann hastig und so schnell, in halben Sätzen, um uns überhaupt ins Gespräch einzubringen.
Wir sprechen oft Dinge aus, die die Bürgerlichen sich nicht zu sagen trauen, wir bringen Sachen kurz auf einen Nenner, was sie dann wieder komisch (sie lachen!) oder zu drastisch finden.“

Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie ich in meinen ersten linken Plena saß und mich nicht traute irgendwas zu sagen. Wie ich nach einem Plenum manchmal einen Gedanken formulierte und komisch angeschaut wurde, dass ich mich nicht in dem vorgesehenen Rahmen geäußert hatte. Ein besonders eindringliches Erlebnis war für mich ein Großplenum bei einer bundesweiten Veranstaltung, bei der ich es irgendwann schaffte zu sagen, dass ich etwas nicht verstanden hatte. Die Antwort? Hat sich in meinen Kopf eingebrannt, deshalb kann ich sie wörtlich wiedergeben: „Es gibt halt Wissenshierarchien, dann müssen sich die Leute das anlesen!“ Ich war im treffendsten Sinne des Wortes sprachlos. Sprachlos gemacht worden. Ich war damals empört und aufgebracht – es gab ein, zwei Genoss_innen, die mir zuhörten – politisch problematisiert wurde die Äußerung nicht.

Das möchte ich hiermit – 20 Jahre später – tun. Ich war das Paradebeispiel für die Person, der Bürgerliche nicht zuhörten – ich reagierte emotional, aufgebracht und ich flippte aus, verließ das Plenum unter Tränen und musste „getröstet“ werden, mir versichern lassen, dass ich nicht „dumm“ bin und mir Tipps geben lassen, was ich denn alles lesen könnte, um mitreden zu können. Was nicht gesagt wurde: Dass es ein Problem ist, dass sich eine Person dazu durchringt zu sagen „Hey – ich versteh das hier gerade nicht!“ – und dann mit der bildungsbürgerlichen Keule – emotionslos und vielleicht mit einer hochgezogenen Augenbraue – aus dem Raum geworfen wird. Das Problem ist, dass Bürgerliche gelernt haben, dass man nie, nie, niemals zugibt etwas nicht zu wissen und das Kämpfe mit angeblich neutralen Worten ausgefochten werden. Das Problem ist nicht mein vermeintliches nicht-wissen, sondern der Club von Leuten, die sich gestört fühlen, wenn nachgefragt wird, was denn da gerade geredet wird.

Dass die Art, wie gesprochen wird keineswegs neutral ist, fasst Hannelore Bublitz in „Ich gehörte irgendwie so nirgends hin… Arbeitertöchter an der Hochschule“ zusammen:

„Wir redeten viel über unsere Sprachlosigkeit. Darüber, dass wir sprachlos gemacht werden durch Aufforderungen, der Reihe nach systematisch vorzugehen, vorzutragen, zu erläutern, zu erklären. Wir fanden heraus, dass sprachlos werden etwas zu tun hat mit Stolz und mit menschlicher Würde, mit unserem ‚Klassenbewußtsein‘. Und dass es bei uns immer dann besonders auftritt, wenn der andere uns in gewählter höflicher Form klar macht, was wir so ausdrücken würden: „Mensch, du hast ja von Tuten und Blasen keine Ahnung“, oder „Was suchst Du denn hier?!“ (im Sinne von „was hast du denn hier verloren?“). Die Gewalt, die man mit höflichen, aber bestimmten Worten anrichten kann, kann sich jemand, der mit Worten und Argumenten aufgewachsen ist, gar nicht vorstellen.“

Gabriele Theling beschreibt die Mittelschichtssprache als eine Zweitsprache, die gelernt werden muss:

„Die Arbeitertöchter wachsen zweisprachig auf. Innerhalb des proletarischen Lebenszusammenhangs der Familie und teilweise des privaten Freundeskreises sprechen und erlernen sie die Arbeitersprache [..] Innerhalb der bürgerlichen Umwelt lernen und sprechen Arbeitertöchter dagegen die bürgerliche Sprache.“ („Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden“)

Warum ich den Umgang mit Sprache mit „manspreading“ vergleiche? Weil hier die gleichen Mechanismen am Werk sind. Eine bestimmte Sprache bestimmt in Verbindung mit einem bestimmten Auftreten den Raum. Hinweise auf diese Dominanz werden als störend empfunden oder lächerlich gemacht. Wer sich Gehör verschaffen will nimmt sich Raum, über 3 Sitze oder einen ganzen Saal. Wer sich dabei komisch vorkommt, diesen Raum zu nehmen, wird ins Schweigen abgedrängt.

Ich habe mit meiner Herkunftsfamilie aus vielen Gründen komplett gebrochen. Was ich – seit ich 14 bin – kenne sind Wahlfamilien, meist zusammengesetzt aus Linken, die ihre eigene Bürgerlichkeit nie thematisierten, während sie mein Proll-sein immer wieder heraus stellten und bearbeiteten. Wohlwollend oder herablassend meine Sprache, meine Körperhaltung, mein Lachen kommentierten und korrigierten, bis ich mich selbst kaum noch wieder erkennen konnte. Meine Sprache, mein ich, sind von dieser bürgerlichen Be-Sozialisierung (Ja! Ich meine BE!) geprägt – und ich versuche mein bestes, mir andere Räume zu suchen, in denen bürgerliche Normen thematisiert werden können.

Sich Raum zurück zu nehmen ist ein politischer Akt. Einen Raum schaffen, in dem die eigene Stimme (wieder) gefunden werden kann ist für mich politisch wichtiger, als zu versuchen mich für Bürgerliche verständlich auszudrücken oder nachvollziehbar zu machen – oder weiter zu versuchen, ihre Anerkennung zu bekommen.

Mit den Worten von Atilla Pişkin aus dem Text „Hassen.jetzt“:

„Es ist an der Zeit, dass ihr einmal zuhört. Das sollte nicht so schwierig sein. Ihr habt immer massenweise Texte in euren Händen. Ihr seid es gewohnt zu lesen, zu analysieren, zu diskutieren. Ihr müsst dabei nur einmal für eine Weile den Mund halten. […] ..wir wollen nicht mehr länger darauf warten, , bis wir einmal zu Wort kommen. Mir ist es egal, ob ihr mir zustimmt oder nicht. Alles, was ich will, ist dass ihr ruhig seid und zuhört – dass der Spieß einmal umgedreht wird. Wir haben das übliche Spielchen zu lange gespielt, zu oft und zu perfekt“.

blablabla

* In Anlehnung an „All about that bass“ von Meghan Trainor, kann der Titel mit „Weißt Du – es geht hier um den Raum“ übersetzt werden. Mein Popkulturherz konnte nicht anders <3